N°3POLITIK | 27.02.20

Die Mitte, ein Aschehaufen

Politik wird in wohlhabenden Ländern zunehmend zu einem Krieg der Generationen. Wären im Vereinigten Königreich nur Menschen über 65 wahlberechtigt, wäre die Labour Party praktisch ausgelöscht; könnten nur jene unter 25 wählen, hätten die Konservativen keinen einzigen Parlamentssitz mehr.

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VON DAVID GRAEBER

David Graeber ist Ethnologe an der London School of Economics. Dieser Artikel ist in voller Länge in der New York Review of Books erschienen. Aus dem Englischen von Benjamin Opratko.

Die Nachrichten über das Ableben des britischen Sozialismus sind also deutlich verfrüht. Die Kernwählerschaft der Tories stirbt buchstäblich aus. Und historisch gesehen beginnen junge Menschen erst dann konservativ zu wählen, wenn sie eine Hypothek abbezahlen oder sonstwie das Gefühl bekommen, es in eine verteidigenswerte Stellung in der Gesellschaft geschafft zu haben – was eher schlechte Aussichten für die Tories sind. 

Warum aber dann dieser scheinbar vernichtende Sieg der Konservativen bei der Wahl im Dezember? Wieso schwenkten so viele Wechselwähler mittleren Alters – besonders in den ehemaligen Labour-Hochburgen des Nordens – nach rechts statt nach links? Die naheliegende Erklärung ist die Enttäuschung über die Europäische Union. Für viele Arbeiterinnen und Arbeiter im Norden, die heute um die sechzig sind, war die Abstimmung über den EU-Binnenmarkt 1975 die erste Wahl überhaupt. Damals stimmte die Mehrheit für das europäische Projekt – und erlebte die folgenden vierzig Jahre als Abfolge von Katastrophen. 2016 wandten sie sich im Brexit-Referendum gegen die »Eurokraten« – und mussten danach mit ansehen, wie die politische Klasse in nicht enden wollenden und immer absurderen Verrenkungen versuchte, diese Entscheidung rückgängig zu machen. Diese Erklärung ist richtig, aber zu oberflächlich. Um zu verstehen, warum der Brexit überhaupt ein so dominierendes Thema werden konnte, muss man zunächst fragen, warum der rechte Populismus so erfolgreich darin war, die tiefgreifenden Veränderungen in den Klassenverhältnissen Großbritanniens – und fast aller anderen wohlhabenden Gesellschaften – zu seinen Gunsten zu nutzen. Und man muss, zweitens, die einzigartig nihilistische, ja selbstzerstörerische Rolle des Zentrismus in der politischen Szene Großbritanniens verstehen. Behandeln wir also diese zwei Fragen in umgekehrter Reihenfolge. 


WÖRTER: 3245

LESEZEIT : 25 MINUTEN

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Vor der Wahl Jeremy Corbyns zum Parteivorsitzenden 2015 gab es zwei bedeutsame Fraktionen in der Labour Party: die kapitalfreundlichen Blairisten, die den Großteil des Parteiapparates kontrollierten, und eine auf Kompromisse setzende »moderate Linke«. Zusammen mit den Liberaldemokraten und den Pro-EU-Konservativen bildeten die Blairisten die paradigmatische Mitte in der britischen Politik. Dieses Zentrum wurde definiert durch das grundlegende Einverständnis über eine Reihe politischer Themen. Der Konsens der Mitte betraf zunächst die Überzeugung, dass die britische Wirtschaft weiterhin von der Finanzindustrie, der Bauwirtschaft und dem Immobilienhandel angetrieben werden sollte. Zweitens sollten Budgetdefizite ausgeglichen werden, indem der Staat öffentliche Dienstleistungen finanziell aushungert oder an private Unternehmen auslagert. Drittens sollten öffentliche Einrichtungen privatisiert werden, aber nicht komplett, sodass große Institutionen wie das Gesundheitssystem oder der Hochschulsektor als eine Art Hybrid aus Top-down-Bürokratie und Marktmechanismus operieren. Diese öffentlich-private Hybridisierung wurde von Margaret Thatcher, Tony Blair, Gordon Brown und David Cameron gleichermaßen vorangetrieben. Heute gibt es sie fast überall auf der Welt. Wo immer sie Anwendung findet, führt sie zum gleichen Ergebnis: Viele Menschen müssen immer mehr Zeit damit verbringen, Formulare auszufüllen. In Großbritannien wurde dieser Prozess am weitesten getrieben. Die Leidenschaft für Papierkram reicht hier von der Spitze des Systems, wo Aktienhändlerinnen komplexe Finanzderivate manipulieren und darauf wetten, wie lange eine britische Familie braucht, bis sie ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen kann, bis ganz nach unten, zu den zunehmend absurden Nachweisen, die erforderlich sind, um Anspruch auf eine Sozialwohnung zu belegen. In Großbritannien sind derzeit etwa 312.000 Buchhalterinnen und Buchhalter tätig – ein außerordentlich hoher Prozentsatz der arbeitenden Bevölkerung. Zusammen mit den fast 150.000 britischen Anwältinnen und Anwälten machen sie einen bedeutenden Teil der gesamten Erwerbsbevölkerung aus.

Die Kombination aus Marktmechanismen und bürokratischen Regeln macht die Seele dessen aus, was ich Zentrismus nenne. Sie ist ebenso ungut wie unbeliebt. Trotzdem sind sich die medialen Eliten einig, dass kein Politiker Wahlen gewinnen kann, wenn er von diesem Konsens abweicht. Bis 2015 galt die Handvoll »radikaler« linker Abgeordneter, die innerhalb der Labour Party als »Socialist Campaign Group« organisiert waren und weit außerhalb des Konsenses lagen, als bestenfalls unterhaltsame Relikte der 1970er Jahre. Als mit Jeremy Corbyn einer aus ihrer Mitte zum Parteivorsitzenden gewählt wurde, betrachteten dies sowohl der Parteiapparat als auch linksliberale Medien als möglichst rasch zu korrigierenden, peinlichen Unfall. Corbyn wurde für »unwählbar« erklärt. Dutzende von Labour-Abgeordneten lancierten eine Kampagne, um ihn durch eine unaufhörliche Flut von Pressebriefings, durchgesteckten Dokumenten, fabrizierten Skandalen und anhaltender psychologischer Kriegsführung genau dazu zu machen. Im Kern war dies eine aktive und aggressive Kampagne gegen die eigene Partei. Tony Blair erklärte offen, dass es ihm lieber sei, seine eigene Partei verliere die Wahlen, als dass sie mit Corbyns linker Politik an die Macht käme.

Doch die Partei begann sich schnell zu verändern. Zehntausende ältere Linke, die unter Blair aus der Partei ausgetreten waren, und hunderttausende junge Leute strömten in die lokalen Ortsverbände der Partei. Sie folgten dem Aufruf Corbyns, sich in diesen »Constituency Labour Party« (CLP) genannten Gruppen zu organisieren und die Partei wieder in eine soziale Bewegung zu verwandeln. Die lokalen CLPs sollten Foren demokratischer Debatten werden und die Arbeit der Partei mit jener der »außerparlamentarischen Linken« – der Friedensbewegung, der stadtpolitischen Initiativen, der Klimabewegung – koordinieren. Kurz, es war ein Versuch, weg von der personenzentrierten Politik hin zu einer Demokratie von unten nach oben zu kommen. Corbyns Mangel an konventionellem Charisma war dafür ein Vorteil. Plötzlich wimmelte es in der Linken nicht nur von Ideen und Visionen – Vier-Tage-Arbeitswoche, neue demokratisierte Formen des öffentlichen Eigentums, grüne industrielle Revolution –, sondern es gab auch das Gefühl, dass zumindest einige dieser Dinge ausnahmsweise tatsächlich Realität werden könnten.

Bei den meisten Labour-Parlamentsabgeordneten ließ das die Alarmglocken schrillen. Was zunächst wie ein absurdes Missverständnis gewirkt hatte, wuchs sich aus ihrer Sicht zu einem echten Problem aus. Sie entfremdeten sich zunehmend von ihren eigenen CLPs und verstanden, dass eine interne Demokratisierung der Partei eine echte Gefahr für ihre politische Karriere bedeuten würde. Doch das erklärt noch nicht, weshalb der interne Kampf gegen Corbyn mit solch leidenschaftlicher Vehemenz geführt wurde. Zentristinnen sind schließlich vor allem pragmatisch. Vierzig Jahre lang sind sie kontinuierlich nach Steuerbord abgedriftet. Was wäre so schlimm daran, jetzt einmal kurz nach Backbord zu gehen? Es mag ein abrupter Kurswechsel gewesen sein, aber es ist nicht so, als hätte jemand die Abschaffung der Monarchie oder die Verstaatlichung der Schwerindustrie vorgeschlagen. Sie hätten sich anpassen können. Eine Handvoll hat es auch getan. Aber die panische Reaktion der Mehrheit erklärt sich nur daraus, dass die Bedrohung auf einer viel tieferen Ebene lag.

Die meisten amtierenden Labour-Abgeordneten hatten selbst als Jugendaktivisten begonnen, ebenso wie die meisten politischen Journalistinnen, die sich heute in der Mitte verorten, ihre Karriere als Linke, ja sogar als Revolutionäre der einen oder anderen Art gestartet hatten. Aber sie waren zu Zeiten Tony Blairs aufgestiegen, als der Aufstieg von der Bereitschaft abhing, die eigenen jugendlichen Ideale zu opfern. Sie waren zu den Leuten geworden, die sie früher als Verräter verachtet hätten. Wenn sie noch einen Traum hatten, dann bestand er nun darin, ein britisches Äquivalent zu Barack Obama zu finden: einen Führer, der so sehr wie ein Visionär aussah und handelte, der Gestik und Intonation so perfektioniert hat, dass nie jemandem in den Sinn kommen würde, danach zu fragen, was diese Vision eigentlich genau ist. Was sie stattdessen bekommen hatten, war ein schmuddeliger veganer Abstinenzler, der genau das sagte, was er wirklich dachte, und eine neue Generation von Aktivistinnen dazu inspirierte, davon zu träumen, die Welt zu verändern. Wenn diese Aktivistinnen nicht naiv wären, wenn dieser Mann nicht wahnsinnig wäre, dann war das ganze Leben der Zentristen eine Lüge gewesen. Sie hätten gar nicht wirklich »die Realität akzeptiert«. Sie wären tatsächlich Verräter geworden.

Man könnte sogar noch weiter gehen: Die leidenschaftlichste Opposition gegen Corbyn kam von Männern und Frauen in den Vierzigern, Fünfzigern und Sechzigern. Sie repräsentieren die letzte Generation, in der eine beträchtliche Anzahl junger Radikaler überhaupt die Möglichkeit hatte, zu Verrätern zu werden – also aufzusteigen, Eigentum zu erwerben und sich als Verteidiger des Status quo neu zu erfinden. Nicht nur, dass dieser Weg für die nachkommenden Generationen blockiert war – sie selbst waren es, die ihn versperrt hatten. Sie hatten vom einstmals besten freien Hochschulsystem der Welt profitiert, hatten Universitäten wie Oxford und Cambridge mit großzügigen staatlichen Stipendien besucht. Und dann hatten sie beschlossen, dass ihre eigenen Kinder und Enkel neben ihrem Studium als Baristas oder Sexarbeiterinnen arbeiten sollten, um danach mit ein paar zehntausend Pfund Schulden in ihr Berufsleben zu starten. Wenn Corbyn und seine Leute recht hatten, wenn nichts davon wirklich nötig gewesen wäre – haben die zentristischen Politikerinnen dann nicht ungeheure historische Schuld auf sich geladen? Das würde zumindest die Unnachgiebigkeit des Widerstands erklären, mit dem Corbyn von Beginn an konfrontiert war. Die Zeitungen warfen ihm alles Erdenkliche vor, von seinem Kleidungsstil bis zu angeblichen Terror-Sympathien. Corbyn wurde als Trotzkist, Schwächling, Sektenführer, unfähiger Schwachkopf und tschechoslowakischer Spion bezeichnet. Mir ist kein Fall eines Anführers einer großen britischen Partei bekannt, dem nur ansatzweise Ähnliches widerfahren wäre. Später kamen Antisemitismus-Vorwürfe hinzu, die Labour massiven Schaden zufügten. Doch es war die – letztlich erfolgreiche – Kampagne, Corbyn zu einer Umkehr in der Brexit-Frage zu zwingen, die am Ende das Wahldesaster besiegelte. Auch dies war ein Projekt des britischen Zentrismus.

Für viele Linke war das Brexit-Thema nur eine Ablenkung. Sie sahen es als etwas, das die Rechten einsetzen, um nicht über Löhne, das Gesundheitssystem, Bildung oder öffentliche Leistungen sprechen zu müssen. Manche hielten es für eine Scharade, sie konnten nicht glauben, dass eine Tory-Regierung tatsächlich Großbritannien aus der EU herausführen würde. Was sie nicht verstanden hatten, war, dass der Brexit sich für die Rechte als fast perfektes politisches Giftmittel erwiesen hatte. Entlang der Brexit-Frage konnte die britische Gesellschaft nicht nur in zwei verfeindete Lager geteilt werden, sie brachte auch noch das jeweils Schlechteste auf beiden Seiten hervor. Beide Lager warfen einander die schlimmsten Dinge vor – und meistens hatten sie damit auch noch recht. Das Remain-Lager beklagte, dass viele Brexit-Befürworter üble Rassisten seien und die Leave-Kampagne rassistisches Verhalten normalisierte, das noch vor ein paar Jahren als unerhört gegolten hatte. Und sie hatten recht, die Zahl rassistischer Übergriffe nahm nach der Brexit-Abstimmung tatsächlich dramatisch zu. Leave-Befürworterinnen konterten, dass die meisten »Remainer« elitäre Schnösel seien und überhebliches Verhalten gegenüber Arbeiterinnen und der Landbevölkerung normalisierten, das vor ein paar Jahren ebenfalls noch als unerhört gegolten hatte. Sie hatten ebenfalls recht.

»WÄHREND DIE PRODUKTIVITÄT IN DER VERARBEITENDEN INDUSTRIE IN DIE HÖHE GESCHOSSEN IST, IST SIE IM CARE-BEREICH IN DEN INDUSTRIELÄNDERN
SOGAR ZURÜCKGEGANGEN.«

Doch warum konnte am Ende ausgerechnet Alexander Boris de Pfeffel Johnson von diesem Konflikt profitieren? Die Antwort darauf liegt in den Veränderungen der Klassenstruktur Englands verborgen. Der Niedergang der verarbeitenden Industrie, der Minen und Werften hat die traditionelle Arbeiterklasse als politische Kraft weitgehend dezimiert. Dieser Prozess wird üblicherweise als Verlagerung von Jobs in Industrie und Landwirtschaft hin zu Dienstleistungen beschrieben. Doch diese Darstellung ist trügerisch, weil »Dienstleistungen« meist so breit definiert werden, dass sie verschleiern, was in Wirklichkeit geschieht. Tatsächlich hat sich der Anteil der arbeitenden Bevölkerung, der Kuchen serviert, Taxis fährt oder Haare schneidet, seit Königin Viktorias Zeiten nicht wesentlich verändert. Entscheidend ist vielmehr die spektakuläre Zunahme der Büro-, Verwaltungs- und Aufsichtsarbeit einerseits und der sogenannten Care-Tätigkeiten andererseits: medizinische und erzieherische Berufe, Pflege- und Sozialarbeit. Während die Produktivität in der verarbeitenden Industrie in die Höhe geschossen ist, ist die Produktivität im Care-Bereich in den Industrieländern sogar zurückgegangen (was weitgehend auf die Bürokratisierung und die wachsende Zahl von Verwaltungsangestellten zurückzuführen ist). Dieser Rückgang hat die Löhne unter Druck gesetzt. Es ist kein Zufall, dass seit dem Crash von 2008 weltweit die dramatischsten Streiks und Arbeitskämpfe von Lehrerinnen, Krankenpflegern, jungen Ärztinnen, Universitätsangestellten und von Pflege- und Reinigungskräften geführt wurden. Man könnte von einer regelrechten Revolte der fürsorgenden Klassen sprechen, und zwar im globalen Maßstab. Wenn dem so ist, stellt sich die naheliegende Frage: Warum konnte die globale Linke nicht von dieser Entwicklung profitieren? Warum ist stattdessen die radikale Rechte überall auf dem Vormarsch? 

Die Antwort führt uns bis in die 1970er Jahre zurück. Damals trafen ehemals linke Parteien von den USA bis Japan die strategische Entscheidung, sich ihrer alten, schwindenden Arbeiterklassen-Basis zu entledigen und sich als Vertreterinnen der Interessen und Gefühlslagen der neuen Verwaltungs- und Managerklassen neu zu erfinden. Dies war die reale Grundlage des Clintonismus in den USA, des Blairismus in Großbritannien und aktuell des Macronismus in Frankreich. Sie alle wurden zu Parteien der Verwalter. (Was in Großbritannien natürlich die Legionen an Juristen und Buchhalterinnen mit einschloss.)

Für die Klasse der Managerinnen und Verwalter ist der höchste Wert das, was man als Prozeduralismus bezeichnen könnte. Ihr Arbeitsalltag besteht aus Regeln und Vorschriften, Flussdiagrammen, Qualitätssicherungen, Rechnungsprüfungen und PowerPoint-Präsentationen. Das färbt unweigerlich ihre Sicht auf die Politik und die Welt, ja sogar ihre Moral. Sie glauben – vielleicht als einzige – tatsächlich an die Regeln. Sie sehen die Gesellschaft nicht als ein Netz von menschlichen Beziehungen, von Liebe, Hass oder Enthusiasmus, sondern als eine gegebene Menge an Regeln und Institutionen, so wie sie auch glauben, dass Demokratie und Rechtsstaat im Grunde ein und dasselbe sind. 

Die eigentümliche Verschmelzung von Öffentlichem und Privatem, von Marktmechanismen und Verwaltungstätigkeit, die Welt der Kennzahlen, Markenzeichen und Stakeholder, die für den politischen Zentrismus so charakteristisch sind, sind direkter Ausdruck der Gefühlswelten jener Managerklassen. Für sie, und nur für sie, ergibt all das einen gewissen Sinn. Und doch wurden sie zur Basis der linken Mitte und der Zentrismus von den Medien zur alternativlosen politischen Position erklärt. 

»DIE DEMOKRATEN IN DEN USA VEREINEN EBENSO WIE DIE LABOUR PARTY IN GROSSBRITANNIEN DIE LEHRERINNEN UND DIE SCHULVERWALTER, DIE KRANKENPFLEGER
UND DEREN AUFSEHERINNEN.«

Für die meisten Care-Arbeiterinnen aber sind diese Leute der Feind. Als Krankenschwester ist dir völlig klar, dass die Verwalter da oben deine wahren, unmittelbaren Klassengegner sind. Die Manager lassen sich nicht nur exorbitante Gehälter zahlen, sie umgeben sich auch noch mit nutzlosen Lakaien, deren einzige Funktion darin besteht, ihre eigene Existenz zu rechtfertigen, indem sie endlose Ströme an Papierkram produzieren, der es noch schwieriger macht, die tatsächliche Fürsorgearbeit zu verrichten. 

Diese Konfliktlinie verläuft mitten durch die meisten Parteien der Linken. Die Demokraten in den USA vereinen ebenso wie die Labour Party in Großbritannien die Lehrerinnen und die Schulverwalter, die Krankenpfleger und deren Aufseherinnen. Das macht es ihnen außerordentlich schwierig, zum Sprachrohr der Revolte der Fürsorgeklassen zu werden.

All dies erklärt auch die ansonsten mysteriöse Anziehungskraft der planlosen, impulsiven, chaotischen, aber dennoch hemdsärmeligen Gehen-Wir’s-An-Figuren wie Trump und Johnson. Ja, sie sind privilegierte Kinder in jeder Bedeutung des Begriffs. Ja, sie sind pathologische Lügner. Ja, sie scheinen sich um niemanden außer sich selbst zu kümmern. Aber sie präsentieren sich auch als das genaue Gegenteil des Verwalters, der dich mit seinem permanenten Beharren auf sinnlose Regeln, seinen ständig neuen Meetings, seinem Papierkram und seinen Motivationsseminaren zur Weißglut treibt und es dir unmöglich macht, deine Arbeit zu tun. In Großbritannien bestand das Spiel der Brexit-Befürworter von Beginn an darin, die Labour-Linke in eine Position zu manövrieren, in der sie gezwungen ist, sich mit eben diesem verhassten Manager zu identifizieren. 

Die meisten der neuen, jungen Labour-Aktivistinnen hatten genug Erfahrung mit direkter Demokratie, dass sie wussten, dass ein 52-zu-48-Ergebnis wie bei der Brexit-Abstimmung im Grunde genommen ein Unentschieden bedeutet. Wenn es überhaupt ein Mandat beinhaltet, dann für irgendeine Art des kreativen Kompromisses. Das war es auch, was Corbyn zunächst versuchte. Er akzeptierte das Ergebnis des Referendums, wollte aber einen Deal verhandeln, durch den Großbritannien, ähnlich wie Norwegen, Teil des europäischen Binnenmarktes bleiben könnte. 2017 funktionierte dieser Ansatz noch gut genug, um zu verhindern, dass die Wahl zum Unterhaus zu einer zweiten Brexit-Abstimmung wird. Labour konnte so bemerkenswerte Zugewinne erzielen. Doch sobald die Wahl geschlagen war, begann die zentristische Gegenoffensive. Die wichtigste Figur war Alistair Campbell, ehemaliger spin doctor Tony Blairs und nun der wichtigste Stratege der Kampagne für ein zweites Referendum. Er hatte sofort Blut gerochen und die »moderaten« Elemente in der Partei stürzten sich darauf. Kundgebungen und Demonstrationen wurden organisiert und Abgeordnete drohten damit, zu den Liberaldemokraten überzulaufen oder eine eigene Partei der Mitte zu gründen, falls Labour sich der Forderung nach einem zweiten Referendum nicht anschließen würde.

Tatsächlich gründeten Parlamentsabgeordnete beider großer Parteien die zentristische Partei Change UK und schürten in der Labour Party Angst vor einem Massenexodus der Pro-Remain-Mitglieder. Da die aktivistische Jugendbasis der Partei mit überwältigender Mehrheit für einen Verbleib in der EU war, sah die Labour-Führung schließlich keine andere Wahl, als ihre Position zu ändern und eine zweite Abstimmung zu fordern, in der der Brexit rückgängig gemacht werden könnte.

Corbyn wurde weithin für seine unklare, unentschlossene Position zum Brexit kritisiert, aber aus Sicht der Bewegung, die er vertrat, war seine Position die einzig mögliche. Die Labour-Linken strebten schließlich soziale Reformen gewaltigen Ausmaßes an, vergleichbar mit Clement Attlee, als er 1945 die Errichtung eines staatlichen Gesundheitssystems forderte. Letztlich waren sie Revolutionäre: Sie wollten den Anstoß zur Demokratisierung aller Aspekte der britischen Gesellschaft geben. Und sie wussten, dass sie dafür informelle Allianzen mit radikaleren, außerparlamentarischen Bewegungen schließen mussten, um an die Macht zu kommen. Eine harte Pro-Remain-Position hätte aber bedeutet, dass sie sich im Bündnis mit Politikern wiedergefunden hätten, die diesem größeren Projekt in erbitterter Feindschaft gegenüberstehen. Und wäre die Brexit-Entscheidung unter einer Labour-Regierung tatsächlich rückgängig gemacht worden, wären sie mit ganz anderen, rechten Mobilisierungen konfrontiert gewesen: mit wütenden Brexit-Befürwortern, einschließlich offen faschistischen Bewegungen auf der Straße. Das Letzte, was Corbyn gewollt hätte, wäre eine Situation, in der er sich gezwungen sieht, die Polizei gegen Straßenproteste einzusetzen, die sich gegen die Aufhebung einer demokratischen Entscheidung richten. Das war der wahre Grund für sein ursprüngliches Dilemma. Doch am Ende musste Corbyn einlenken und ein zweites Referendum unterstützen.

Während die Labour-Führung in eine Allianz mit dem harten Remain-Flügel gedrängt wurde, bewegten sich die Konservativen in die entgegengesetzte Richtung. Boris Johnson (oder sein Chef-Stratege Dominic Cummings) besetzte sein Kabinett mit Brexit-Befürwortern und säuberte erst seine Regierung und dann seine Partei von Remain-Unterstützerinnen. Dann versuchte er monatelang sein Brexit-Gesetz durch das Unterhaus zu peitschen. Für viele Beobachterinnen wirkten die ersten Wochen seiner Amtszeit wie eine Mischung aus Kostümdrama und Slapstickkomödie. Johnson verlor jede Abstimmung und konnte seine eigene, lauthals verkündete Brexit-Deadline nicht einhalten. Sein Versuch, das Parlament zu suspendieren, scheiterte nicht nur vor dem Höchstgericht, sondern trug ihm auch den Vorwurf ein, die Queen belogen zu haben. Ehemalige konservative Minister kündigten an, Kampagnen gegen ihn zu unterstützen. Sein eigener Bruder trat angewidert von seinem Regierungsamt zurück. Corbyn erhielt währenddessen widerwilliges Lob von den Hüterinnen der öffentlichen Meinung für seine Bereitschaft, den Widerstand gegen den Brexit anzuführen. Doch genau das war der Anfang des Endes für ihn. Er spielte damit Cummings Plan in die Hände. Das ganze parlamentarische Drama hatte den Zweck, Corbyn, dessen Vorzug es bis dahin gewesen war, nicht wie ein kalkulierender Politiker zu wirken, in genau einen solchen zu verwandeln. Die erste Bewegung seit Generationen, die angetreten war, die Regeln der britischen Gesellschaft von Grund auf zu ändern, konnte nun als Bündnis von Managern und Verwalterinnen dargestellt werden, die nur durch ihre Bereitschaft vereint waren, alle möglichen juristischen oder verfahrenstechnischen Mittel einzusetzen, um die Ergebnisse eines Volksreferendums umzukehren und die Dinge genauso zu belassen, wie sie waren.

Wenn die Wahl im Dezember 2019 eines gezeigt hat, dann dass der Zentrismus von einer überwältigenden Mehrheit abgelehnt wird. Die politische Mitte in Großbritannien ist ein Aschehaufen. Das Land hat eine Rechtsaußen-Regierung, die von seinen ältesten Bürgern ins Amt gewählt wurde und von seiner zunehmend sozialistisch eingestellten Jugend gehasst wird. Es ist klar, dass der Brexit für das Team um Boris Johnson nie mehr war als eine Wahlstrategie. Sie haben nicht die leiseste Ahnung, wie sie aus dem EU-Austritt einen ökonomischen Erfolg machen sollen. Es ist eine kaum beachtete Ironie, dass die Einzigen, die von dem Austrittsprozess profitieren werden, wohl ausgerechnet Anwältinnen und Steuerberater sein werden. Für alle anderen wird es wohl schwierig werden. Leicht möglich, dass Boris Johnson als einer der katastrophalsten Regierungschefs in die britische Geschichte eingehen wird. Vor uns liegen stürmische Jahre. Wir werden sehen, ob es der Labour Party gelingt, sich aus der Falle zu befreien, in die Generationen von Zentristen sie geführt haben.

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