N°3POLITIK | 27.02.20

Die Mitte, ein Aschehaufen

Politik wird in wohlhabenden Ländern zunehmend zu einem Krieg der Generationen. Wären im Vereinigten Königreich nur Menschen über 65 wahlberechtigt, wäre die Labour Party praktisch ausgelöscht; könnten nur jene unter 25 wählen, hätten die Konservativen keinen einzigen Parlamentssitz mehr.

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VON DAVID GRAEBER

David Graeber ist Ethnologe an der London School of Economics. Dieser Artikel ist in voller Länge in der New York Review of Books erschienen. Aus dem Englischen von Benjamin Opratko.

Die Nachrichten über das Ableben des britischen Sozialismus sind also deutlich verfrüht. Die Kernwählerschaft der Tories stirbt buchstäblich aus. Und historisch gesehen beginnen junge Menschen erst dann konservativ zu wählen, wenn sie eine Hypothek abbezahlen oder sonstwie das Gefühl bekommen, es in eine verteidigenswerte Stellung in der Gesellschaft geschafft zu haben – was eher schlechte Aussichten für die Tories sind. 

Warum aber dann dieser scheinbar vernichtende Sieg der Konservativen bei der Wahl im Dezember? Wieso schwenkten so viele Wechselwähler mittleren Alters – besonders in den ehemaligen Labour-Hochburgen des Nordens – nach rechts statt nach links? Die naheliegende Erklärung ist die Enttäuschung über die Europäische Union. Für viele Arbeiterinnen und Arbeiter im Norden, die heute um die sechzig sind, war die Abstimmung über den EU-Binnenmarkt 1975 die erste Wahl überhaupt. Damals stimmte die Mehrheit für das europäische Projekt – und erlebte die folgenden vierzig Jahre als Abfolge von Katastrophen. 2016 wandten sie sich im Brexit-Referendum gegen die »Eurokraten« – und mussten danach mit ansehen, wie die politische Klasse in nicht enden wollenden und immer absurderen Verrenkungen versuchte, diese Entscheidung rückgängig zu machen. Diese Erklärung ist richtig, aber zu oberflächlich. Um zu verstehen, warum der Brexit überhaupt ein so dominierendes Thema werden konnte, muss man zunächst fragen, warum der rechte Populismus so erfolgreich darin war, die tiefgreifenden Veränderungen in den Klassenverhältnissen Großbritanniens – und fast aller anderen wohlhabenden Gesellschaften – zu seinen Gunsten zu nutzen. Und man muss, zweitens, die einzigartig nihilistische, ja selbstzerstörerische Rolle des Zentrismus in der politischen Szene Großbritanniens verstehen. Behandeln wir also diese zwei Fragen in umgekehrter Reihenfolge. 


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