N°7/8POLITIK | 28.06.20

»Die Plünderungen sind rational«

Asad Haider unterrichtet Philosophie an der New School for Social Research in New York City.Ein Gespräch über rassistische Polizeigewalt und immanente Ungleichheiten, die Unfähigkeit der liberalen Eliten in den USA und über historische Beispiele für race-übergreifende Solidaritäten unter Ausgebeuteten. 

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Loren Balhorn im Gespräch mit Asad Haider

Asad Haider ist Assistenzprofessor an der New School for Social Research in New York City, Redakteur des Viewpoint Magazine und Autor des 2018 bei Verso Books erschienenen Buches Mistaken Identity. Race and Class in the Age of Trump.

Loren Balhorn | Die Aufstände nach dem Mord an George Floyd sind die größten in der Geschichte der USA, sowohl nach Anzahl der Protestierenden als auch nach der räumlichen Ausdehnung der Proteste. Hast du einen Aufstand dieser Größenordnung erwartet?

Asad Haider | Die Intensität der Bewegung hat mich überrascht. Selbst Kommentatorinnen, die die großen Protestbewegungen der 1960er Jahre erlebt haben, sprechen von Protesten beispiellosen Ausmaßes. Dass dies während einer Pandemie geschieht, wo Menschen ein zusätzliches persönliches Risiko eingehen, wenn sie an Demonstrationen teilnehmen, ist umso bemerkenswerter. Zugleich ist die Pandemie auch ein Teil des sozialen Kontexts, der dazu geführt hat, dass der Aufstand so groß geworden ist. Wir befinden uns in der größten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression. Viele Menschen haben ihre Einkommen verloren oder werden unter extrem gesundheitsgefährdenden Bedingungen überausgebeutet. Zudem haben die Maßnahmen zur sozialen Distanzierung auch zu einer gewissen sozialen Desintegration geführt. In diesem Szenario brauchte es nur einen Funken – ein keineswegs ungewöhnlicher Fall rassistischer Polizeigewalt–, um ein riesiges Feuer zu entzünden. 

LB | Von außen gesehen schienen die Proteste ein spontaner Ausbruch ohne politische Führung zu sein. Ist das zutreffend oder nur eine romantische Interpretation?

AH | Wir haben manchmal die Neigung, in Protesten überall Spontaneität zu sehen, während es sich tatsächlich eher um einen Ausdruck von vielen verschiedenen, oft mikroskopischen Formen von Organisation handelt, mit ihren jeweils eigenen Geschichten, ihren eigenen Praxisformen, die vielen Beobachtern entgehen. In den meisten Fällen ist das so. In diesem Fall aber denke ich, dass ein großer Teil der Bewegung wirklich spontan ist. Natürlich beteiligen sich unterschiedliche politische und Community-Organisationen an den Protesten. Aber keine konnte die politische Führung übernehmen. Soweit ich es beobachten konnte, sind sehr viele Beteiligte das erste Mal in ihrem Leben bei einem politischen Protest dabei. Sie durchlaufen einerseits enorm schnell Lernprozesse auf den Straßen, erleben aber andererseits auch, wie schnell sich ein »normaler« Alltagsverstand wieder durchsetzen kann. Ein Beispiel: In den ersten Nächten stießen viele junge Schwarze zu den Protesten. Für die meisten war es wohl das erste Mal, dass sie an einer politischen Demonstration teilnahmen, aber sicherlich nicht ihre erste Konfrontation mit der Polizei. Sie lernten schnell, wie man zum Beispiel Barrikaden errichtet. Andererseits führten dieselben Methoden nur einige Tage später dazu, dass Protestierende, die die Konfrontation mit der Polizei suchten, aus den eigenen Reihen angefeindet wurden. Das ist natürlich ein Ergebnis des medial vermittelten Mythos von den »Agitatoren von außerhalb«, die angeblich für die Konfrontationen verantwortlich wären. Es gab also beides. 


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