N°2POLITIK | 30.01.20

»Dieses Europa ist ein Monster«

Der Historiker Enzo Traverso gilt als einer der wichtigsten linken Intellektuellen der Gegenwart. Ein Gespräch über linke Melancholie, den Holocaust als Zivilreligion und die Herausforderung, eine fortschrittliche Utopie für das 21. Jahrhundert zu entwerfen – geführt am Tag nach den Wahlen zum britischen Unterhaus.

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SAMUEL STUHLPFARRER IM GESPRÄCH MIT ENZO TRAVERSO

Enzo Traverso, Jahrgang 1957, hält derzeit die Susan and Barton Winokur Professur für Geisteswissenschaften an der Cornell University in Ithaka, New York. Davor lehrte und forschte der Historiker an der Université Picardie Jules Verne in Amiens und an der École des hautes études en sciences sociales in Paris. Er ist Autor zahlreicher Arbeiten über Auschwitz, die Moderne und die Rolle der Gewalt im Europa des 20. Jahrhunderts. Auf Deutsch veröffentlichte er zuletzt das Buch Linke Melancholie. Über die Stärke einer verborgenen Tradition im Münsteraner Unrast-Verlag.

Samuel Stuhlpfarrer | Lass uns mit den jüngsten Ereignissen beginnen. Die Unterhaus-Wahlen in Britannien haben mit einem desaströsen Ergebnis für Labour geendet. Erleben wir gerade einen Moment linker Melancholie, über die du zuletzt ein Buch geschrieben hast? 

Enzo Traverso | Es ist wohl zu früh für eine kritische Einschätzung dieser Wahl. Aber ich denke, dass dieses katastrophale Ergebnis nicht das Produkt der linken Orientierung von Labour unter Jeremy Corbyns Führung war. Viel eher scheint mir die veränderte Position Labours in der Brexit-Frage von entscheidender Bedeutung gewesen zu sein. Die Partei ist faktisch gespalten. Auf der einen Seite gibt es da eine junge, urbane Basis, die überwiegend für den Verbleib in der EU gewesen ist. Und auf der anderen Seite war die Arbeiterklasse, das Fußvolk der Partei, wenn man so will, aus ganz unterschiedlichen Erwägungen mehrheitlich für den Brexit. Corbyn ist es nicht gelungen, diese Spaltung zu überwinden. Natürlich spielten auch noch andere Momente mit, etwa die bösartige Kampagne gegen den angeblichen Antisemiten Jeremy Corbyn. Aber ich glaube nicht, dass das entscheidend gewesen ist.

SS | Die sozial-liberalen Parteien in Europa werden dieses Ergebnis als Aufforderung zur Rückbesinnung auf den Dritten Weg von Tony Blair lesen. 

ET | Das wäre natürlich die schlechteste aller möglichen Analysen.

SS | Zurück zu meiner Frage nach der linken Melancholie. Gilt es jetzt zu trauern, um daraus neue Kraft zu schöpfen? 

ET | Die Idee der linken Melancholie kann natürlich nicht auf die Enttäuschung über ein Wahlergebnis reduziert werden. Es geht dabei um etwas, das mit einer umfassenderen historischen Perspektive in Verbindung steht. 

WÖRTER: 2400

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Das Gespräch mit Enzo Traverso im Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien hat Christopher Glanzl fotografisch festgehalten.

SS | Im Titel deines Buches beziehst du dich auf einen Aufsatz von Walter Benjamin. Der Text ist eine geharnischte Attacke auf die »neue Sachlichkeit« in der Literatur der 1920er und 1930er Jahre. 

ET | Benjamin hat seine Einstellung zur Melancholie auch verändert. Dieser Artikel Linke Melancholie wurde am Ende der Weimarer Republik geschrieben. Fast zur gleichen Zeit entwarf Benjamin aber auch schon ein sehr unterschiedliches Konzept von Melancholie. Und er beschrieb sich selbst als melancholische Person. Zumindest wenn es um linke Melancholie geht, könnte man also von zwei Benjamins sprechen. 

SS | Was verstehst du unter linker Melancholie?

ET | Meiner Meinung nach ist linke Melancholie ein Gefühl, das aus dem Bewusstsein für die historischen Niederlagen der Linken kommt. Ich habe in meinem Buch zu zeigen versucht, dass sie immer schon existiert hat. Sie gehört gewissermaßen zur Kultur der Linken und ist mehr noch ein grundlegendes Element davon. Das hängt damit zusammen, dass seit es die Idee des Sozialismus gibt, also seit dem frühen 19. Jahrhundert, diese Geschichte eine Geschichte von Niederlagen ist. Man denke nur an 1848, an die Pariser Commune, an die deutsche Revolution und die ungarische Revolution, zuletzt an den Kollaps des Stalinismus. Mir scheint, die Linke im weitesten Sinne war in den letzten beiden Jahrhunderten dazu in der Lage, diese Niederlagen zu bewältigen. Und zwar deshalb, weil ihre Kultur auf dieses fast teleologische ›Die Zukunft gehört uns!‹ ausgerichtet gewesen ist. Und solange die Zukunft ›uns‹ gehörte, sind auch die allerschlimmsten Niederlagen bloß verlorene Kämpfe gewesen. 

SS | Diesen Imperativ des Optimismus, der alle politischen Projekte der Linken von kommunistischen bis sozialdemokratischen lange geprägt hat, gibt es heute nicht mehr. 

ET | Im 20. Jahrhundert war es unter kommunistischen Aktivisten gängig, dass sie ihre eigene Existenz, ihr eigenes Leben quasi transzendierten. Sie waren dazu in der Lage, ihre Leben im Widerstand gegen die Nazis oder im KZ zu opfern, weil sie davon überzeugt waren, einer Bewegung anzugehören, die ihre Erfahrungen und ihre Sehnsüchte weitertragen würde. Diese Idee, dieses Bewusstsein ist vollständig verschwunden, das stimmt.

Mir scheint, dass sich der Fall des realen Sozialismus, der zu Beginn als Ende des Totalitarismus rezipiert wurde und der an vielen Orten zunächst zu Enthusiasmus geführt hat, relativ schnell als Ende eines historischen Zyklus erwiesen hat. Damit begann eine neue Ära. Eine, die ohne Utopien, ohne die Möglichkeit einer alternativen Zukunft auskommen musste. Eine Ära, die im Gegenwärtigen gefangen war, wie es manche Intellektuelle nannten, in der also weder die Vergangenheit noch die Zukunft einen Platz haben sollten. Diese Unfähigkeit, eine Vorstellung von Zukunft zu entwerfen, hat das politische, intellektuelle, ideologische aber auch das psychologische Dispositiv paralysiert, welches es der Linken bis dahin ermöglichte, ihre Niederlagen zu bewältigen. Dieser Mechanismus, man könnte ihn fast einem Sublimationsvorgang gleichsetzen, funktioniert nicht mehr. Wenn man vor einer ungewissen Zukunft steht, wenn man die Idee einer Zukunft, die einem gewiss ist, verliert, dann werden die Niederlagen der Vergangenheit zu viel schwereren Bürden. 

»DIE BEWEGUNGEN DER LETZTEN JAHRE WAREN DURCH EINES CHARAKTERISIERT: KURZLEBIGKEIT. DAS IST DAS ERGEBNIS FEHLENDEN HISTORISCHEN GEDÄCHTNISSES UND FEHLENDER IDEEN FÜR DIE ZUKUNFT.«

Vor diesem Hintergrund ist diese linke Melancholie, die immer schon existierte, plötzlich sicht- und spürbar geworden. Sie kann erkannt und analysiert werden und sie kann die emotionale Dimension von Trauerarbeit annehmen. Eine Arbeit an der Vergangenheit, als Voraussetzung dafür, ein Projekt für die Zukunft zu elaborieren, ein politisches Projekt für das 21. Jahrhundert. 

SS | Tatsächlich ist es so, dass es in den vergangenen zehn Jahren an Bewegungen nicht fehlte, dieses politische Projekt aber nicht formuliert werden konnte. Die Krise der Linken ist eine Krise auf der Ebene der Ideen. Ist es das, worauf du hinauswillst?

ET | Genau. Nehmen wir den Arabischen Frühling her: Die Menschen, die sich vor fast zehn Jahren erhoben haben, wussten sehr genau, wogegen sie waren und wo ihre Feinde standen. Aber sie hatten keine Idee, was sie an die Stelle der alten Regimes setzen sollten. Und zwar deshalb, weil alle politischen Vorbilder der Vergangenheit obsolet waren. Es waren keine nationalistischen Revolutionen nach dem Vorbild der 1950er oder 1960er Jahre, es waren keine sozialistischen und auch keine religiösen Revolutionen. Vor ähnlichen Problemen standen auch Occupy Wall Street in den USA, Nuit debout in Frankreich oder die Indignados in Spanien. In manchen Fällen, könnte man einwenden, erzeugten diese Bewegungen einen politischen Nachhall – Podemos etwa ist ein Kind der Indignados, die Sanders-Kampagne in den USA geht auch auf Occupy Wall Street zurück. Aber im Grunde genommen waren all diese Bewegungen durch eines charakterisiert: Kurzlebigkeit. Sie waren nicht dazu in der Lage, etwas von Dauer zu schaffen. Und das ist das Ergebnis fehlenden historischen Gedächtnisses und fehlender Ideen für die Zukunft. 

SS | An beidem scheint es den gegenwärtig dominanten politischen Kräften nicht zu fehlen. Du hast wiederholt auf die konstitutive Rolle des Antikommunismus für verschiedene politische Positionen – vom Liberalismus bis zum Faschismus – hingewiesen. Wie siehst du in diesem Zusammenhang die jüngste Entschließung des Europäischen Parlaments zur »Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas«, die nichts anderes als eine De-facto-Gleichsetzung der »realsozialistischen« Erfahrung mit dem Nationalsozialismus ist? 

ET | Diese Entschließung war in erster Linie ein Zugeständnis an die osteuropäischen Länder. In Osteuropa selbst ist der Antikommunismus mittlerweile zu einem fundamentalen Element der jeweils nationalen Identitäten geworden. Der Antikommunismus eignet sich bestens, um eine Nation als Ganzes zu verändern, indem er sie zu einer Gemeinschaft von Opfern macht. Das ist überhaupt ein zentrales Merkmal der kulturellen und politischen Vorstellungen des 21. Jahrhunderts: Die Vergangenheit muss durch das Prisma der Opfer gesehen und gedacht werden. 

In Westeuropa spielt der Antikommunismus mittlerweile eine untergeordnete Rolle. Die neue radikale Rechte in Westeuropa ist nicht besonders antikommunistisch. Das Ende des Antikommunismus als ein zentrales Element der politischen Identität der Rechten erlaubt ihr auch, in einen Dialog mit den popularen Klassen einzutreten und dabei viele Hürden aus der Vergangenheit zu überwinden. Das gilt für das Rassemblement National, die Lega Nord, aber auch für die Tories in Britannien. Wir haben eben erst gesehen, wie die Ansprache dieser Partei in Gegenden, die historisch gesehen Labour-Bastionen gewesen sind, erfolgreich verfängt. Dass die Rechte im Westen auf den Antikommunismus weniger angewiesen ist, hat wiederum damit zu tun, dass der Sozialismus als mögliche Zukunft verschwunden ist.

SS | Wie ließe sich denn eine progressive Zukunftsvorstellung neu in die Welt setzen, wie ein historisches Bewusstsein, das diese Utopie fundiert? 

ET | Eine Utopie für das 21. Jahrhundert kann nicht von einem Team aus brillanten Intellektuellen und mächtigen kritischen Denkern erarbeitet werden. Utopien müssen aus politischen und sozialen Bewegungen erwachsen. Und dann, ja, meinetwegen, könnte es schon ein paar kritische Intellektuelle brauchen, die diese Utopie in ideologischer Hinsicht dabei unterstützen, neue Konzepte zu entwickeln, die mit der historischen Erfahrung in Beziehung stehen. Ich bin nicht ganz pessimistisch. Es gibt viele Anzeichen, die dafürsprechen, dass sich die Erfahrungen der letzten Jahre in etwas Neuem ausdrücken könnten. 

Die Revolutionen des 20. Jahrhunderts waren dominiert von einem militärischen Modus, also von der Frage, wie die Macht zu übernehmen, wie der Feind zu besiegen sei, wie die eigenen Kräfte organisiert werden müssten. Das ist das Vermächtnis der Russischen Revolution von 1917, die ein Produkt des Weltkriegs, des europäischen Bürgerkriegs war. Dieser Modus mit all seinen Implikationen in Sachen Hierarchien, Geschlechterrollen oder Beziehungen ist obsolet. Er ist Vergangenheit. 

Worum es also ginge, das wäre die Erfindung eines neuen Modus für das 21. Jahrhundert, ohne das Vermächtnis der Vergangenheit zurückzuweisen. Aber mit einem klaren Bewusstsein dafür, dass gewisse Praxen überwunden werden müssen. Wie man das macht? Ich habe kein fertiges Rezept. Ich würde allerdings sagen, weder, indem man sich einer kritischen Bewertung der Vergangenheit entzieht, noch, indem man vorgibt, etwas völlig Neues in die Welt zu setzen. 

SS | Du hast den Begriff des europäischen Bürgerkriegs erwähnt. Im Jahr 2008 ist dein Buch Im Bann der Gewalt. Der europäische Bürgerkrieg 1914–1945auf Deutsch erschienen. Darin beschreibst du die Phase von 1914 bis 1945 als eine der großen gesellschaftlichen Polarisierung zwischen Kommunismus und Faschismus, während etwa liberale Ideen vollkommen an Bedeutung verlieren. Leben wir in einer Zeit, in der sich womöglich ein ähnliches Szenario ankündigt – mit liberalen Ideen, die zunehmend verschwinden, und einem Bürgertum, das in sehr schnellem Tempo nach rechts rückt? Und natürlich mit der Ausnahme, dass die organisierte Linke nicht im Ansatz vergleichbar stark wäre, wie sie es damals gewesen ist.

ET | Es ist natürlich schwer vorherzusagen, was passieren wird. Ich glaube allerdings nicht, dass die extreme Rechte dabei ist, im Feld des Konservativismus hegemonial zu werden. Wenn die Europäische Union kollabiert, könnte es natürlich sein, dass die AfD, das Rassemblement National, die Lega Nord oder die FPÖ zu Repräsentanten der bürgerlichen, finanzkapitalistischen Führung werden. Aber in einer derartigen Situation sind wir nicht – im Europa der 1930er Jahre haben die stärksten und wichtigen Sektoren der kapitalistischen Wirtschaft Faschisten unterstützt; weil sie Angst hatten vor der Sowjetunion und ihrer Vorbildfunktion, Angst auch vor der Revolution und weil ihnen Demokratie und Liberalismus wie alte Überreste aus dem 19. Jahrhundert erschienen sind. 

»DIE ERINNERUNG AN DEN HOLOCAUST HAT SICH IN DEN LETZTEN JAHRZEHNTEN IN ETWAS VERWANDELT, WAS ICH EINE ZIVILRELIGION NENNE. MAN HAT SIE VOLLKOMMEN ENTPOLITISIERT UND NEUTRALISIERT.«

In einem globalen Maßstab scheint mir der Auftrieb der extremen Rechten dagegen eher als reaktionäre und regressive Alternative zum Neoliberalismus. Das heißt, die extreme Rechte ist heute nicht die Avantgarde des neoliberalen Kapitalismus. Der neoliberale Kapitalismus dagegen ist viel kohärenter mit Europa und der Idee der Europäischen Union verbunden und die globale Führung des neoliberalen Kapitalismus geht momentan nicht in die Richtung eines Neofaschismus des 21. Jahrhunderts. Zur gleichen Zeit weiß ich natürlich, dass der neoliberale Kapitalismus nicht im Geringsten mit der Verteidigung von Demokratie und Freiheit verbunden ist. Der neoliberale Kapitalismus ist mit jeder Form von politischem Regime vereinbar. Die Wall Street beispielsweise unterstützte Hillary Clinton und nicht Donald Trump. Nach der Wahl ist sie aber einen sehr bequemen Kompromiss mit Trump eingegangen. Und natürlich werden gewichtige Teile des US-Kapitals Trump auch bei den kommenden Wahlen unterstützen, zumal dann, wenn der demokratische Herausforderer Bernie Sanders heißt. 

SS | Unter liberalen Intellektuellen grassiert eine Vorstellung, welche die EU als ein Projekt sieht, das aus einem ›Nie wieder Ausschwitz!‹ heraus gegründet sein soll. Wie schätzt du solche Lesarten sowohl der Shoa als auch der EU ein?

ET | Ich halte davon aus unterschiedlichen Erwägungen nichts. Dieses Europa, also die Vorstellung davon als Kombination aus Euro-Gruppe, Finanzkapital und der Erinnerung an den Holocaust, ist ein Monster. Es ist ein Missbrauch an der Erinnerung. Dass solche Ideen aufkommen, ist allerdings auch nicht weiter überraschend. Die Erinnerung an den Holocaust hat sich in den letzten Jahrzehnten in etwas verwandelt, was ich eine Zivilreligion nenne. Man hat sie vollkommen entpolitisiert und neutralisiert. Unter diesem Gesichtspunkt ist sie in hohem Maße mit einem neoliberalen Projekt kompatibel, wie es die Europäische Union nun einmal ist. 

Die Frage, die uns umtreiben sollte, ist, wie sich die Erinnerung an den Holocaust wieder in ein globales Gedächtnis einschreiben ließe, das nicht nur den Genozid und die Opfer berücksichtigt, sondern auch die Kämpfe für gesellschaftliche und politische Ziele, für Demokratie, für Frauenrechte, für neue Vorstellungen von Staatsbürgerschaft, die auch die Erinnerung an den Kolonialismus miteinschließt. Wenn das nicht passiert, ist die Erinnerung an den Holocaust politisch nutzlos.

SS | Auf Parteien wie die AfD oder die FPÖ schlägst du vor, den Begriff Postfaschismus anzuwenden. Warum? 

ET | Ich nenne sie aus zwei Gründen postfaschistisch. Zuerst deshalb, weil sie nach dem Ende der historischen Erfahrung des Faschismus die politische Bühne betreten haben. Man kann vom Faschismus als einem historischen Zyklus sprechen, der mit Ausnahme von Spanien, Portugal und Griechenland in Europa seit 1945 Geschichte ist. Der zweite Grund ist, wir sprechen hier von politischen Bewegungen des 21. Jahrhunderts, die sich außerhalb der Spannungen und Polarisierungen des 20. Jahrhunderts bewegen. In manchen Fällen bietet sich der Begriff des Neofaschismus an, bei der Goldenen Morgenröte in Griechenland oder bei CasaPound in Italien etwa, aber das sind nicht die dominanten Kräfte. Der Begriff des Faschismus ist für die Bewertung dieser Parteien zur gleichen Zeit unangemessen und unausweichlich. 

SS | Ähnliches ließe sich auch über den Antisemitismus sagen.

ET | Der Antisemitismus ist nicht mehr die dominante ideologische Haltung der extremen Rechten unserer Tage. Er war es für den Faschismus und für alle Arten von europäischen Nationalismen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber er wurde durch eine neue Konfiguration ersetzt. Wenn es so etwas wie eine gemeinsame Haltung gibt, in der sich alle Schattierungen des rechten Spektrums heute wiederfinden, dann ist das der Fremdenhass und der Rassismus gegenüber Migranten, Geflüchteten und Muslimen – wenn man so will, gegenüber den Subjekten des früheren europäischen Kolonialismus. Die neue Xenophobie ist viel stärker in der Geschichte des europäischen Kolonialismus verwurzelt als in der Geschichte des europäischen Antisemitismus. 

Die Linke sollte in dieser Frage dennoch sehr klar sein. Der Kampf gegen den Antisemitismus gehört zu ihrem historischen, politischen und kulturellen Hintergrund, er ist Teil ihrer DNA. Es gibt keinen wirksamen Kampf gegen Faschismus und Fremdenfeindlichkeit ohne den Kampf gegen Antisemitismus.


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