5| POLITIK | 01.05.21

Digitale Abgründe

Abseits von Twitter und Facebook ist eine neue soziale Medienlandschaft entstanden. Querdenker und Corona-Leugnerinnen nutzen das »Dark Social« für Kommunikation und Mobilisierung. 

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VON ALEXANDER HARDER UND BENJAMIN OPRATKO



Alexander Harder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt Universität zu Berlin, Benjamin Opratko ist Politikwissenschafter an der Universität Wien und Redakteur des TAGEBUCH. Beide forschen im Rahmen des Projekts »CuRe – Cultures of Rejection« zu Ablehnungskulturen und digitalen Medien.

Illustration :Lea Berndorfer

Zum ersten Mal in der Geschichte machen die Medien die massenhafte Teilnahme an einem gesellschaftlichen und vergesellschafteten produktiven Prozess möglich, dessen praktische Mittel sich in der Hand der Massen selbst befinden.« So begann Hans Magnus Enzensberger seinen »Baukasten zu einer Theorie der Medien«. Er wollte das emanzipatorische Potenzial der elektronischen Medien vermessen, jener Mittel des Austausches von Wissen und Bedeutung, die zu verwirklichen imstande schienen, was Bertolt Brecht einst in seiner Radiotheorie ersehnt hatte: den Übergang vom Sender-Empfänger-Modell zur allseitigen Kommunikation, zum massenhaften, demokratischen In-Beziehung-Setzen aller. Die Freiheit der Meinungsäußerung, die für die Volksklassen angesichts der Eigentumsstruktur von Presse und Rundfunk bislang bloß Fiktion war, könnte endlich zum realen Durchbruch dringen, wenn jeder und jede gleichermaßen veröffentlichen könnte. Enzensberger hoffte. Es war das Jahr 1970.

Gut fünfzig Jahre später befinden sich die praktischen Mittel der Kommunikation buchstäblich in unserer Hand. Wir öffnen eine der vielen Social-Media-Apps auf unserem Smartphone und wir senden, senden, senden, empfangen, empfangen, empfangen. Und uns blickt ein Mann um die sechzig entgegen, Nickelbrille, grauer Pferdeschwanz. Er lächelt schüchtern, im Hintergrund ist eine Toilette zu erkennen. Der Mann ist nackt. Vor sein Genital hält er eine Miniaturausgabe des deutschen Grundgesetzes, über seiner Brust steht der Hashtag #IchLasseMichNichtImpfen. Es ist ein über Medien gesendetes Statement, der Mann zeigt Gesicht und mehr. Sein Anliegen ist politisch, eine Intervention in eine gesellschaftliche Auseinandersetzung und die Inszenierung zugleich so privat, wie sie nur sein kann. 

#ILMNI

Nackter Mann mit Grundgesetz zirkulierte Anfang März in einer Gruppe auf der weitgehend unbekannten Social-Media-Plattform Movipo.de. »Super tolles Bild von dir!«, bekräftigt eine Nutzerin. Hier haben sich die verbliebenen Anhängerinnen einer Kampagne um den Hashtag #IchLasseMichNichtImpfen gesammelt. Ins Leben gerufen wurde die Aktion vergangenes Jahr von der Bochumer Querdenkerin Daria Szmelter, die bis Ende Februar fast 120.000 Mitglieder in einer Facebook-Gruppe zum Widerstand gegen Impfungen mobilisierte. Gewappnet mit Selfies und Hashtags, den neuen Waffen der allseitigen Kommunikation, wurden dort Erfahrungen mit chronischen Erkrankungen und dem öffentlichen Gesundheitssystem, doch vor allem krude verschwörungsideologische Gedanken geteilt. Die Impfung töte und diene der Bevölkerungsreduktion; die Pandemie – oder gleich die Existenz von Viren allgemein – sei eine Erfindung; die Schutzmaßnahmen dienten allein der Zensur und Schikane. Auf Selfies zeigen sich Gruppenmitglieder oft in der Natur, gemeinsam mit ihren Kindern oder Haustieren. Letztere seien, so verkündet eine Nutzerin stolz, nämlich auch ungeimpft. Der Schritt ins Querdenken-Milieu lag bei diesen Bekenntnissen nie mehr als einen Klick entfernt. Mithilfe des #IchLasseMichNichtImpfen-Hashtags sicherte Daria Szmelter ihre Position als Stammgast und bald auch Moderatorin der Querdenker-Livestreams mit Bewegungsstrippenziehern wie dem Stuttgarter IT-Unternehmer Michael Ballweg oder den Anwälten Ralf Ludwig und Markus Haintz. Im »Shop der Widerstandsbewegung« auf Grundgesetz2020.de werden Kapuzenpullis, Buttons und Sticker mit dem unhandlichen Hashtag verkauft. Miniaturexemplare des Grundgesetzes sucht man dort vergebens.


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