N°3POLITIK | 27.02.20

Drei Mieten im Rückstand

Eine 35-jährige weißrussische Mutter, die als 18-Jährige nach Österreich floh, ein von Rheuma geplagter Pensionist, dem jede Menge Versicherungszeiten fehlen, und das Pärchen Alfred und Monika mit Hund Dani.
Drei Geschichten über Delogierungen in Wien.

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VON SIMON HADLER

Die Aufnahmen auf diesen Seiten stammen von der Journalistin und Fotografin Nina Strasser. Sie zeigen Alfred und Monika auf den Stiegen des Gemeindebaus, aus dem sie delogiert wurden, vor den Spinden am Hauptbahnhof, in der Lobau, wo sie zeitweise schlafen mussten und im Warteraum des P7, des Wiener Service für Wohnungslose der Caritas.

Ein Junkie lebt mit seiner Frau und dem gemeinsamen Kind im Auwald der Wiener Lobau, sie schlafen in zwei Zelten. Eines Tages bricht er hektisch auf, bewaffnet mit einer Pistole, Richtung Tankstelle. Dort geht alles schief, was schiefgehen kann, der Überfall läuft völlig aus dem Ruder. Er zückt seine Waffe, feuert auf eine Angestellte: glatter Durchschuss. Auf einen Tankwart schießt er sechs weitere Male, verfehlt ihn aber. Jahre danach wohnt genau jener Tankwart, der mit seinem Leben davongekommen ist, mit seiner Ehefrau samt Hund ebenfalls in der Lobau unter einer Plane, mit nichts als zwei Schlafsäcken und einem Campingkocher – und das hat viel mit jenen sechs Schüssen zu tun, die ihn verfehlt haben. Doch darüber später mehr und auch über die toughe 35-jährige weißrussische Mutter, die als 18-Jährige nach Österreich floh; auch über den Pensionisten, der von Rheuma geplagt ist und dem jede Menge Versicherungszeiten fehlen.

Jede dieser Biografien ist für sich genommen einzigartig und spektakulär, Aufmerksamkeit erregen trotzdem eher jene Geschichten, die mit dem ganz großen Knall, mit einem finalen Gewaltakt enden. 2005 etwa beging eine Vorarlbergerin Selbstmord, weil sie delogiert werden sollte – ihr Antrag auf Beratung lag ein Jahr lang unerledigt auf. 2006 brachte sich ein Wiener vor den Augen der Polizisten während der Delogierung um, er hatte sich hinter einem Müllberg innerhalb seiner Wohnung verschanzt. 2013 konnte die Cobra in Wien Meidling einen bis an die Zähne bewaffneten Mann in letzter Minute stoppen – er bedrohte bei seiner Delogierung die Gerichtsvollzieher und wollte Selbstmord begehen. 2014 erschoss sich ein 39-jähriger Jusstudent im niederösterreichischen Gars am Kamp mit seiner Jagdwaffe, während der Exekutor die Türe öffnen ließ. 2015 erstach eine Mutter in Wien Hernals aus Verzweiflung ihre vierjährige Tochter am festgesetzten Delogierungstermin. 2017 manipulierte ein 55-Jähriger, ebenfalls in Hernals, seine Gastherme – der Hausverwalter kam bei der Explosion ums Leben, Gerichtsvollzieher und Schlosser wurden schwer verletzt, der Mieter selbst kam mit leichteren Verletzungen davon. Und schließlich die Explosion in Wien Wieden, bei der letzten Juni das halbe Haus in die Luft flog. Zwei Menschen starben. Der ganze Gemeindebau musste abgerissen werden. Auch hier wurde offenbar eine Gastherme manipuliert – von einem Mieter, der Mietrückstände hatte, dem die Delogierung drohte, ein erweiterter Suizid also.

Alexander Tischina ist Betreuer bei FAWOS, der Fachstelle für Wohnungssicherung, jener Wiener Volkshilfe-Institution, die dafür zuständig ist, Betroffenen rechtzeitig zu helfen, damit es gleich gar nicht zur Delogierung kommt. Er sagt, dass solche Vorfälle tragisch sind, dass man sie nicht kleinreden darf, aber dass sie gemessen an der Anzahl der Fälle, die es gibt, eigentlich selten vorkommen, nämlich nur dann, wenn zur ganzen Misere der Delogierung noch eine diagnostizierbare psychiatrische Störung dazukommt. Seine Erfahrung: Je mehr Faktoren zusammenkommen, desto schlimmer ist es für die Betroffenen – etwa wenn mehrere Familienmitglieder ihren Wohnsitz zu verlieren drohen oder bei Alter und Krankheit. Jeder reagiert da anders, sagt Tischina, der Monat für Monat mit Dutzenden Klientinnen und Klienten Pläne für die Zukunft schmiedet. Manche sitzen ihm zitternd und weinend gegenüber, wenn noch nicht einmal eine Räumungsklage zugestellt wurde. Bei anderen steht der Rauswurf aus den eigenen vier Wänden unmittelbar bevor und sie wirken dennoch völlig cool. Es hängt von der Resilienz ab, also von der psychischen Widerstandskraft eines jeden, sagt Tischina. Alfred, der Tankwart, auf den der Junkie beim Überfall sechsmal geschossen hat, verfügt mittlerweile über Resilienz.

Er und seine Ehefrau Monika sind gerade dabei, sich am eigenen Schopf aus jenem Sumpf von Schicksalsschlägen, Krankheit, Schulden und schließlich Obdachlosigkeit zu ziehen, in den sie im Lauf der Jahre nach und nach geraten sind. Die beiden wirken auf seltsame Weise gleichzeitig ruhig und quirlig, ähnlich wie der Pekinesenmischling Dani, der ihnen nicht von der Seite weicht. Wenn man mit den beiden in ihrer tipptopp aufgeräumten, kleinen Wohnung am Küchentisch sitzt und plaudert, würde man am liebsten alle zwei Minuten sagen: »Bitte einer nach dem anderen!«, so sehr sprudelt es aus ihnen heraus, wenn sie ihre Geschichte erzählen. 

Zum Zeitpunkt unseres ersten Gesprächs sind Alfred und Monika in einem Wohnheim der Caritas in der Bernardgasse in Wien Neubau untergebracht, gemeinsam mit 39 anderen ehemaligen Obdachlosen. Stolz führen sie durch Haus und Garten. Bei den Hochbeeten haben sie mitgearbeitet, und die Ernte war nicht schlecht: Zucchini, Bohnen, Tomaten, Paprika und Chilis. Im Haus drinnen hilft Alfred mit, wo immer man ihn lässt, etwa beim Ausmalen oder bei der Räumung von Apartments und Zimmern. Nicht anders Monika – lachend erzählt sie, dass man sie schon »Hausmeisterin« nennt, weil sie immer irgendwo im Haus unterwegs ist und überall mitmischt, wo etwas zu tun ist. 

Alfred arbeitete zehn Jahre lang in einer Tankstelle. Insgesamt wurde er viermal überfallen. Einmal drückte ihn der Täter so fest gegen ein Regal, dass er einen Bandscheibenvorfall erlitt, vom brutalen Raubüberfall mit Schusswaffengebrauch ganz zu schweigen. So etwas zermürbt. Mit der Zeit wurde Alfred ängstlicher und ängstlicher. Schlaflosigkeit, Herzrasen, Zittern – Panikattacken wurden zu seinen ständigen Begleitern, bis er sich nicht mehr in der Tankstelle zu arbeiten traute und kündigte. Bei einem Supermarktdiskonter wollte er später nur Regale betreuen, weil einen dabei mit Sicherheit niemand ausraubt, musste aber auch an die Kassa. Das ging eine Zeit lang gut. Als er jedoch mitbekam, dass gezielt Filialen seiner Supermarktkette überfallen wurden, war es aus. Damals war er schon mit Monika zusammen. Sie lebten in einer 100-Quadratmeter-Gemeindewohnung, die sie von Alfreds Mutter übernommen hatten. Schließlich hörte Alfred ganz zu arbeiten auf, er verließ kaum noch die Wohnung. Monika ließ sich anstecken – und entwickelte Panik, weil das Geld immer weniger wurde. Am Ende waren beide arbeitslos, nur Monikas jüngerer Sohn, der bei ihnen wohnte und damals 18 Jahre alt war, ging noch arbeiten, er machte eine Dachdeckerlehre. Auf etwas mehr als 1.400 Euro kamen Monika und Alfred zusammen im Monat. Das Geld reichte längst nicht mehr für die 1.000 Euro, die für Miete, Strom und Gas draufgingen. Es war wenig Geld, aber zu viel für die Wohnbeihilfe und für andere soziale Unterstützungsleistungen. Der logische Gedanke? Der Bursch kann alleine leben und die Erwachsenen sollen in eine kleine, billige Wohnung umziehen. Immer wieder sind die beiden zu Wohnungsbesichtigungen gepilgert. Einmal war es ein Sammeltermin mit einem ganzen Haufen anderer Interessenten. Der Vermieter hat sie beide ausgewählt, wohl wegen des gepflegten Äußeren und der Ruhe, die sie ausstrahlen. Doch vor der Unterschrift war Schluss – sie konnten die geforderten Lohnzettel der letzten drei Monate nicht vorlegen. So geht es vielen.

Seit Jahren liegt die jährliche Zahl der Delogierungen in Österreich mehr oder weniger konstant bei rund 4.500, die Hälfte davon in Wien. Betroffen sind alle Gruppen, sowohl Familien als auch Singles, Frauen wie Männer, Alte wie Junge, markante Ausreißer gibt es kaum. Den Grund dafür, dass es immer noch 4.500 Fälle pro Jahr sind, sieht Alexander Tischina in den steigenden Mieten. Die Schere zwischen den untersten Einkommen und der durchschnittlichen Miete geht immer weiter auf. Dazu kommt: Vermieter rücken meist bloß befristete Verträge heraus – und die nur nach regelrechten »Bewerbungsgesprächen« samt Lohnzettelschau und Lebenslauf-Präsentation. Da fallen viele, die ohnehin gerade in einer Notsituation sind, durch. Für die befristeten Mieten werden wiederum nicht selten illegal überhöhte Preise verlangt. Und wer sich beschwert, kann sich ausrechnen, dass der Vertrag nicht verlängert wird – was ein starkes Druckmittel ist, gerade bei Familien mit Kindern, die wegen der Freunde und der Schule nicht umziehen möchten. All das führt dazu, dass es viele, so wie Alfred und Monika, einfach nicht schaffen, in eine billigere Wohnung zu wechseln. 

Tischina macht seinen Job bei der Volkshilfe seit 13 Jahren. Als er angefangen hatte, war das Hauptproblem noch, dass die Leute Geld hatten, damit aber nicht umgehen konnten. Sie schlossen Leasing-Verträge ab, die sie sich nicht leisten konnten oder nahmen Kredite auf, mit denen sie sich überhoben. Das hat sich geändert. Heute geht es um Armutsverwaltung. Das Durchschnittsgehalt jener, die arbeiten gehen und trotzdem bei der Volkshilfe auftauchen, weil sie von einer Delogierung bedroht sind, liegt bei 682 Euro. Viele sind prekär beschäftigt oder arbeiten Teilzeit. Nur 47 Prozent der Antragsteller für die »Hilfe in besonderen Lebenslagen« (HibL) beziehen ihr Geld vom AMS. Bei 80 Prozent jener, die in Wien einen Delogierungsbescheid bekommen und sich danach bei der Volkshilfe beraten lassen, kann die Delogierung abgewendet werden. Ein Teil der Mietschulden wird aus dem HibL-Fonds der Stadt Wien übernommen, man geht gemeinsam die Fixkosten durch und setzt die Prioritäten neu: Miete bezahlen, Strom/Gas bezahlen, Strafen bezahlen, Alimente bezahlen. Alles andere ist zweitrangig. Manche stimmen zu, einen »Kontoaufpasser« zu bekommen. Nicht immer gelingt die »langfristige Lösung«. 

Bei Alfred ging es insgesamt um nicht mehr als 3.000 Euro Mietrückstand, der zur Delogierung führte. Auch andere Rechnungen waren zunehmend schwieriger zu begleichen. Am Ende machte er seine Post nicht mehr auf. Rechnungen, Mahnungen, dann die Androhung der Delogierung und schließlich der finale Räumungsbescheid. Am Tag vor dem Delogierungstermin packte Alfred alle Schlüssel der Wohnung in ein Kuvert, das er an die Türe klebte. Monika erzählt: »Wir haben so viel geweint, als wir uns da mit unseren Sackerln in die Straßenbahn setzten.« Der Sohn konnte bei seiner Oma unterkommen. Alfred und Monika gingen in eine billige Pension, die aber natürlich nicht billig genug war. Nach einem Monat war klar: Bleiben sie hier, wird alles noch schlimmer, keine einzige Rechnung kann bezahlt werden, ganz zu schweigen vom Rückzahlen der Schulden. Sie rechneten hin und her. Es brachte nichts. Also zogen sie in die Lobau, mit zwei Schlafsäcken, einer Plane für Regennächte, einem Campingkocher und mit dem Pekinesenmischling Dani. 

Einzige Freizeitbeschäftigung blieb das Spazieren. Monika erinnert sich, wie schlimm es war, an den nach Pizza duftenden italienischen Restaurants vorbeizugehen – am liebsten wäre sie einfach reingegangen, hätte gegessen und wäre dann ohne zu bezahlen gegangen. Aber so etwas wäre für sie nicht in Frage gekommen. Wenn es untertags regnete, besuchten sie Monikas Mutter, aber stets mit Bedacht, dass dort niemand der Nachbarn oder Bekannten etwas von der Obdachlosigkeit mitbekommt. Die Scham, vor allem Monikas, war enorm. Das Spazierengehen war, nach einem Monat in der Lobau, auch die Rettung für die beiden. Immer wieder plauderten sie ganz in der Nähe von ihrem Schlafplatz mit einer Anrainerin, die davon ausging, sie würden Gassi gehen. Als Alfred und Monika ihr erzählten, dass sie in der Lobau schlafen, wollte die höfliche Dame es erst gar nicht glauben, weil die beiden immer »so ordentlich« angezogen waren. Schließlich durften sie bei ihr im Garten auf einem improvisierten Schlafplatz übernachten. Monika half ihr im Haus, Alfred im Garten, sie bekamen zu essen. Von da an ging es bergauf. Sie fanden ein Wohnheim, in das man auch Hunde mitnehmen darf, und wurden aufgenommen. 

Der Fall von Alfred und Monika ist exemplarisch dafür, wie schnell es gehen kann, aus einer einigermaßen gesicherten wirtschaftlichen Situation in die Obdachlosigkeit zu driften. Das trifft auch auf die heute 35-jährige Anastasja zu. Ihr Ex-Mann verlor nach der Scheidung seinen Job und bezahlte schon bald die Alimente nicht mehr. Anastasja, seit Jahren im Einzelhandel tätig, arbeitete zu der Zeit an der Theke einer Bäckerei. Von heute auf morgen hörte der Besitzer auf, sie zu bezahlen. Drei Monate lang erhielt sie kein Gehalt. Sie blieb trotzdem, weil sie dachte, dass sie, wenn sie geht, erst recht das Geld nie sehen würde. Drei Monate ohne Gehalt und ohne Alimente – das hieß, drei Monate keine Miete bezahlen, keinen Strom, kein Gas und auch sonst nichts. Auch sie hörte auf, die Post zu öffnen. 

Oder auf Walter. Walter ist jahrzehntelang dem Wiener Gürtelmilieu nicht entkommen. Welche Rolle er genau gespielt hat, lässt sich nicht sagen und – Walter besteht auf seine Anonymität – nicht nachrecherchieren. Aber es sind ihm eben nicht nur Erinnerungen geblieben, sondern ebenfalls jede Menge Schulden und eine schwere Rheumaerkrankung. Diese toxische Mischung beschert ihm seit mittlerweile über einem Jahrzehnt einen tagesfüllenden Behördenhürdenlauf, bei dem es um Sozialhilfe, die Pensionierung, Operationen, Kuren und um Medikamente geht. Am Ende lief es auch bei Walter auf dasselbe hinaus: die Delogierungsklage. 

Alexander Tischina wünscht sich angesichts solcher Fälle eine Reaktion der Politik. Etwa dass das unter Türkis-Blau beschlossene Sozialhilfegesetz wieder entschärft wird. Es würde vor allem Familien mit mehreren Kindern treffen, sei aus »reiner Ausländerfeindlichkeit« beschlossen worden und treffe jetzt Menschen mit Migrationshintergrund genauso wie jene, die seit Generationen Österreicher sind. Oder ein neues Mietrecht, bei dem es für Wuchermieten echte Strafen setzt. Am besten sollte eine Miete, die zu hoch angesetzt und eingeklagt wurde, nicht nur herabgesetzt werden, sondern gleich ihre Befristung verlieren. Das alles könnte helfen, die akuten Gründe für Wohnungslosigkeit zu minimieren. Daran, ob auch nur eine dieser Maßnahmen in naher Zukunft kommen wird, darf gezweifelt werden.

In Walters Fall konnte die Delogierung am Ende abgewendet werden. Demnächst sollte sein Privatkonkurs durch sein. Ein paar Jahre noch und er ist schuldenfrei und in ganz normaler Alterspension. Tatjanas Schulden wurden mit Unterstützung der Volkshilfe beglichen und die Wohnung konnte gesichert werden. Für Alfred und Monika hat sich der größte Traum eben erst erfüllt. Ende Februar sind sie mit Unterstützung der Volkshilfe in eine Genossenschaftswohnung gezogen. Sie werden sie selbst bezahlen und – endlich wieder – »ihre eigene« nennen können.

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