N°7/8POLITIK | 01.07.21

Drift nach rechts

Seit Februar wird Italien von einem Expertenkabinett regiert. Der anfängliche Jubel ist mittlerweile einem Verdacht gewichen: Die Technokraten sind dabei, den nächsten Rechtsruck im Land vorzubereiten. 

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VON DAVID BRODER

David Broder lebt und arbeitet als Autor und Übersetzer in Berlin. Zuletzt erschein von ihm beim Londoner Verlag Verso Books First They Took Rome. How the Populist Right Conquered Italy (2020). Aus dem Englischen von David Mayer.

Aus dem Englischen von David Mayer.

Illustrationen: Lea Berndorfer

»If this is to end in fire / Then we should all burn together / Watch the flames climb high into the night« – mit diesen beängstigenden Worten beginnt das erste Kapitel des neuen Buches von Giorgia Meloni, deren Fratelli d’Italia (Fd’I, auf Deutsch: Brüder Italiens) Matteo Salvini und seiner Lega Nord gerade den ersten Platz unter Italiens Parteien streitig macht. Schon die Bildsprache der Fd’I sticht ins Auge: Ihr Logo trägt jene Flamme in den Farben Italiens, die ursprünglich für das neofaschistische Movimento Sociale Italiano verwendet wurde. Die Bewegung war von den politischen Nachfahren Mussolinis im Jahr 1946 gegründet worden und gilt als Vorläuferin der heutigen Fd’I. Während die Fratelli bei den letzten Parlamentswahlen 2018 bloß 4 Prozent erreichten, liegen sie in Umfragen mittlerweile bei 19 Prozent, nur noch 2 Prozentpunkte hinter der Lega. Zusammen mit Silvio Berlusconis Forza Italia, deren Wählersegment jüngst in großer Zahl zu den Fratelli überwechselte, ergäbe sich daraus bei den nächsten Wahlen (Frühjahr 2023) die rechteste Regierungsmehrheit der italienischen Nachkriegsgeschichte – ein Szenario, das die meisten Beobachterinnen zurzeit für wahrscheinlich halten.

Die anfangs zitierten Zeilen sind freilich weniger martialisch zu verstehen, als sie klingen. Meloni entlehnte sie dem Ed-Sheeran-Song I See Fire. Auch ist ihr Buch weniger ein reaktionäres Manifest als ein Sammelsurium sentimentaler Anekdoten aus Melonis Leben sowie über ihr Verhältnis zu Familie, Gott, Italien und dem »Dienst an der Sache«, der mit ihrem Beitritt zur neofaschistischen Jugendorganisation in den frühen 1990ern begann. Dieses Kokettieren mit massenwirksamer Popkultur trägt zu ihrem verbindlichen Image bei, das zwar auch öffentliche Zornausbrüche kennt, aber insgesamt weniger aggressiv als Salivinis Auftreten ist. Aufschlussreich ist in dieser Hinsicht, dass der Titel des schnell zum Bestseller gewordenen Buches Io sono Giorgia einen bekannten satirischen Remix zitiert, den zwei Mailänder Künstler 2019 aus einer Rede Melonis und Discorhythmen mischten. Er gibt in Endlosschleife Melonis Worte wieder, die sich mit »Ich bin Giorgia, ich bin eine Frau, ich bin Mutter, ich bin eine Christin« ins Deutsche übersetzen lassen. Über elf Millionen Mal wurde dieses Stück auf Youtube aufgerufen. Meloni behauptet, dass dieser Remix dazu beitrug, sie von anderen Politikern abzuheben, die darin verwendeten Ansagen Melonis bilden jeweils die Überschriften ihrer Kapitel.


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