N°12/1 | POLITIK | 01.12.21

Eine deutsche Erregung

In Deutschland tobt eine Kontroverse über einen »zweiten Historikerstreit«, wahlweise einen versuchten »Schlussstrich von links«. Dürfen Holocaust und Kolonialismus im Zusammenhang gedacht werden? 

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VON BERTHOLD MOLDEN

Berthold Molden ist Historiker und lehrt unter anderem Globalgeschichte an der Universität Wien.

Illustration: Anna Gusella

»Schauen Sie, über religiöse Dinge will ich mit Ihnen nicht diskutieren.« 

(Gerhard Bronner / Helmut Qualtinger, 1963)

Im Mai veröffentlichte das Schweizer Onlinemagazin Geschichte der Gegenwart einen Text des australischen Historikers Dirk Moses, in dem dieser streitbar die diskursiven Normen des deutschen Holocaust-Gedenkens thematisierte. Moses schrieb von einer Reihe von Glaubenssätzen, in denen sich die ursprünglich selbstkritische Auseinandersetzung Deutschlands mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung nun versteinert habe. Dieser »Katechismus« verbinde die These der essenziellen Einzigartigkeit von Antisemitismus und Holocaust – also deren kategorische Unterschiedenheit von anderen Rassismen und Genoziden – mit der bedingungslosen Allianz zwischen Deutschland und Israel. Die rigorose Überwachung dieser Konstellation machte Moses für die öffentliche Stigmatisierung Andersdenkender verantwortlich. Das daraus entstehende Klima der Diskriminierung habe sich am deutlichsten 2019 in der Verurteilung der Israel-Boykott-Bewegung BDS durch den deutschen Bundestag geäußert. Sodann im Umgang mit wissenschaftlichen Arbeiten, die Kolonialismus und Holocaust in teilkausale Zusammenhänge stellen, darunter vor allem jene des US-Literaturwissenschafters Michael Rothberg, dessen Werk über Holocaust- und Kolonialismus-Erinnerung heuer nach elf Jahren endlich ins Deutsche übersetzt wurde, des deutschen Historikers Jürgen Zimmerer, der über deutsche Kolonialverbrechen im heutigen Namibia schreibt, sowie des kamerunischen postkolonialen Theoretikers Achille Mbembe.

Dieses neue Kapitel in der Auseinandersetzung löste in Deutschland eine Debatte aus, deren Erregungsgrad der These des Historikers zunächst einmal recht zu geben scheint. FAZ-Herausgeber Jürgen Klaube bezeichnete Moses und seine Gesinnungsgenossen als »Gleichmacher«, die mit lückenhafter Argumentation »die Singularität des Holocaust von links in Frage« stellten. Andernorts war von hassender Sprache die Rede, von einer aktivistischen Agenda. Maxim Biller schrieb in der Zeit von »Leugnung, Verharmlosung, Relativierung, Vertuschung«. Letztlich stand oft der Antisemitismusvorwurf im Raum. In der Welt war von einem »Schlussstrich von links« zu lesen, auch der israelische Holocaust-Historiker Yehuda Bauer warf Moses dies in der Berliner Zeitung vor. Letztgenanntes Argument hat sich mittlerweile verbreitet, auch in Österreich. Ende Oktober brachte es ein Studierender wörtlich in einer Lehrveranstaltung an der Universität Wien vor, als wir Moses’ Text diskutierten. 

In Österreich (obgleich bekanntlich das uneinholbare Original und nicht nur der bessere Wiedergänger Deutschlands) wurde zwar im Mai 2021 die israelische Flagge über dem Bundeskanzleramt gehisst, doch die sogenannte Katechismus-Debatte kam in der Alb- und Alpenrepublik mit Verspätung an. Nach einigen wenigen Bezugnahmen von Journalistinnen im Frühsommer schrieb im September Paul Lendvai im Standard über die »Leugnung« der Einzigartigkeit des Holocaust durch Moses und andere, auch er stellte ihre Argumente in einen antisemitischen Kontext. Im Oktober brachte dann der Falter ein Interview mit dem israelischen Soziologen Natan Sznaider. Sznaider hatte gemeinsam mit Daniel Levy einflussreiche Studien zum globalen Holocaust-Gedächtnis geschrieben und erklärte nun, Moses verfolge unter dem »Deckmäntelchen des Wissenschaftlers […] eine klare politische Agenda«: einen Angriff auf »einen der wichtigsten Legitimationshintergründe für den Staat Israel«.

Eben hier liegt der Zündstoff, der diese Auseinandersetzung so heftig gemacht hat: die Verknüpfung der Holocaust-Erinnerung mit der politischen Gegenwart Israels und der Rolle Deutschlands in diesem Zusammenhang. Denn eigentlich müsste sich Sznaider die Entgegnung gefallen lassen, dass die von ihm verlangte Verflechtung einer bestimmten historischen Analyse mit dem Schicksal Israels und aller Juden heute ebenfalls eine politische Agenda (und eben keine wissenschaftliche Analyse) darstelle. Doch Sznaider bewegt sich gar nicht auf der analytischen Ebene, sondern auf jener der Politik, und zwar sowohl der Identitäts- als auch der Staatspolitik. Im Interview warf er dem »nichtjüdischen« Moses vor, Holocaust-Überlebende in den USA als Träger »weißer Privilegien« benannt zu haben; und er lastete Moses und Michael Rothberg an, der Verunglimpfung Israels als neokoloniales Unterdrückungsprojekt Vorschub zu leisten – und somit das nationalstaatliche jüdische Kollektiv, das staatssouveräne Rettungsschiff des Judentums als (Übel-)Täter im moralischen Drama der Weltpolitik zu klassifizieren. 

Diese Argumentation ist insofern aufschlussreich, als sie die historisch-spezifische Einmaligkeit des Holocaust nicht nur zu einem kategorisch unvergleichlichen Phänomen erklärt, sondern auch die damit verbundene Opferschaft jüdischer Menschen zu deren Essenz macht – und damit de-historisiert. Sznaider räumt zwar ein, dass die israelische Politik gegenüber den Palästinensern nicht notwendigerweise gerecht sein muss – unannehmbar sei es aber, sie mit kolonialer Praxis zu vergleichen und damit in die Liste jener Staatsverbrechen einzureihen, die Elazar Barkan um die Jahrtausendwende als »Schuld der Nationen« bezeichnete und als Grundlage einer neuen internationalen Politmoral definierte.

Die politische Geschichte der Geschichtspolitik 

Völker klagen an lautet der deutsche Titel von Barkans Buch (2002), und darin klingt bereits der ethnische Fokus des neuen Gerechtigkeitsstrebens an. Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurden in Osteuropa und dem globalen Süden ethnisch-nationale Vorwürfe über Kriegsverbrechen, koloniale Unterdrückung und Genozid zum Gegenstand gesellschaftlicher Neuverhandlung materieller Entschädigung und der verstärkten politischen Teilhabe verfolgter ethnischer Minderheiten und anderer prekarisierter Gruppen. Die UNO erklärte die 1990er Jahre zum »Jahrzehnt des Völkerrechts« und wollte damit auch den 1945 im Geist eines »sozialdemokratischen Globalismus« gegründeten Internationalen Gerichtshof stärken. Es geschah das Gegenteil. 

Seit den 1940er Jahren waren jene Leitvorstellungen einer globalen Gerechtigkeit, die die Gründungsversammlung der UNO dominierten, immer poröser geworden und sahen sich nach dem neoliberalen Schub ab den 1970er Jahren vollends in die Defensive gedrängt. Das betraf vor allem den sozioökonomischen Ausgleich zwischen Nord und Süd, der im Zuge der Dekolonisierung zur Herstellung historischer Gerechtigkeit verlangt worden war. Nun setzte sich, etwa in den Versöhnungs- und Wahrheitskommissionen in Südafrika und Lateinamerika der 1990er Jahre, zusehends die sogenannte Transitional Justice und damit ein neues, ethnisiertes Verständnis durch, das in erster Linie innerstaatliche Verbrechen in den Blick nahm, kaum aber die Machtverhältnisse des (Neo-)Kolonialismus und der Nord-Süd-Beziehungen. 

Eine Manifestation dieser Entwicklung ist auch der 1998 geschaffene Internationale Strafgerichtshof (ICC), der von nicht wenigen postkolonialen Kritikerinnen als neokoloniales Machtinstrument des globalen Nordens eingeschätzt wird. So haben sich verschiedene afrikanische Staaten aus dem ICC zurückgezogen. Allerdings: Gerade im Falle von Israel und Palästina verhält es sich umgekehrt. Der ICC prüfte auf palästinensisches Ersuchen seine Zuständigkeit für Gaza und Ost-Jerusalem und bestätigte diese Anfang 2021. Israel erklärte daraufhin, es werde mit den Untersuchungen über etwaige Kriegsverbrechen nicht kooperieren. Deutschland unterstützt diese Haltung. Dennoch kann die Gründung des ICC mit seinem Fokus auf Genozid und Kriegsverbrechen als Zeichen einer Ethnisierung globaler Rechtspraxis gesehen werden. 

Im Feld der kulturellen Hegemonie mag die ebenfalls 1998 gegründete International Holocaust Taskforce – heute hört sie auf den Namen International Holocaust Remembrance Alliance (Internationale Allianz zum Holocaustgedenken) – mit ihrem Ziel, Holocaust-Erziehung zum weltweiten Referenzpunkt zu machen, als Indiz dafür gelten, dass das neue Politikfeld der »historischen Gerechtigkeit« von vielen Staaten des globalen Nordens rasch verinnerlicht wurde. Insbesondere in Europa und den USA. 

Freilich besteht hier ein zentraler Unterschied zwischen den USA und Europa. Die europäischen Staaten sprachen mit dem Holocaust die eigene Geschichte an, bemächtigten sich ihrer diskursiv und wandten sie als mahnende Geste nach außen. Die »antisemitische Täternation« Deutschland – und in gewisser Weise, per extensio, Europa – war in der durch den Nürnberger Gerichtshof eingeleiteten Periode der Nachkriegsjustiz zur duldenden Partei auf der Anklagebank geworden. In einer erstaunlichen Volte gelang es, den Makel der europäischen Zeitgeschichte in ein Herrschaftsinstrument zu verwandeln – die historische Selbstkritik als weitere Dimension europäischer Überlegenheit. Abermals unter der Führung des Musterschülers Deutschland. Timothy Garton Ash sprach von der »deutschen Industrienorm des Gedenkens«, Aleida Assmann vom »Weltmeister des Erinnerns«. Das Gedenken an den Holocaust war einerseits eine ethische Klammer des europäischen Friedens- und Demokratieprojekts, im Kontext des neuen Weltpolitikfelds »Erinnerungspolitik« wurde es aber auch zu einer neuen Flagge euro-atlantischer Führerschaft.

Opferidentität als normatives Prisma

In den USA hingegen hatte die Nationalisierung des jüdischen Holocaust-Gedenkens zumindest teilweise das Ergebnis, durch die Hervorhebung des eigenen Anteils am Sieg über das Böse von anderen Schauplätzen abzulenken: Landnahme und Staatswerdung im Zuge eines Genozids, Sklaverei, zuletzt Vietnam. Gerade angesichts von Protesten, welche die US-Verbrechen in Südostasien mit NS-Gräueln gleichsetzten – »U-SS-A« –, war diese Heldengeschichte geeignet, eine andere Erzählung zu etablieren und gleichzeitig die in der Nixon-Ära vertieften US-israelischen Beziehungen in einen kulturell untermauerten Fixpunkt der nationalen Identität der USA zu verwandeln. Die Vorgeschichte dieser Entwicklung beschrieb der Historiker Peter Novick: Das nichtjüdische Amerika übernahm die Thematik erst ab den 1970er Jahren, angestoßen durch popkulturelle Formate wie die TV-Serie Holocaust, und gliederte sie durch Holocaust-Museen und Bildungskanon in die Allgemeinkultur ein. Für das Judentum in den USA zeigte Novick einen anderen Verlauf. Der Holocaust habe als Identitätsklammer die schwindende religiöse Bindung der amerikanischen Jüdinnen und Juden ersetzt und diese »in einer essenziellen Opfer-Identität vereinigt«. 

Das Opfertum ist denn wohl die zentrale Formel der geschichtspolitischen Hegemoniebildung der letzten Jahrzehnte. Dem italienischen Historiker Enzo Traverso, der sich unter anderem intensiv mit der Holocaust-Auseinandersetzung der Linken beschäftigt hat, verdanken wir diese konzise Zusammenfassung: »Das Gedächtnis des Gulag löschte jenes der Revolutionen aus, das Holocaust-Gedächtnis hat das des Antifaschismus ersetzt und das Gedächtnis der Sklaverei hat das des Antikolonialismus verdunkelt: Die Erinnerung der Opfer scheint außerstande zu sein, mit dem Erinnern ihrer Kämpfe, Siege und Niederlagen zu koexistieren.« Die globale Opfer-Doktrin des Erinnerns blendet die Handlungsebene aus, und indem sie dies historisch tut, untergräbt sie das gegenhegemoniale Potenzial unserer Gegenwart.

Vor diesem Hintergrund bezeichnete Traverso, bereits 15 Jahre vor Moses’ jüngster Intervention, »die Erinnerung an die Shoah als Alltagsreligion« (anderswo als Zivilreligion, wie dies ebenfalls vor vielen Jahren Peter Novick tat). Er bezieht sich damit auf das psychoanalytisch angelegte Konzept des Adorno-Schülers Detlev Claussen, der so eine ihm zufolge gescheiterte Säkularisierung beschreibt. Europa habe versucht, der Welt die Religion auszutreiben, doch ohne Erfolg. Auch in Europa selbst habe sich das Bedürfnis nach normativen und dogmatischen Bewusstseinsstrukturen gehalten, dessen Wirklichkeit eben als »Alltagsreligion« bezeichnet werden kann. Der Historiker müsse sich zwar mit dem spezifisch jüdischen Gedächtnis des Holocausts auseinandersetzen, wenn er an einem echten Verständnis des Phänomens interessiert sei. Er habe aber nicht das Recht, »die unverrückbare und legitime Einzigartigkeit dieses Gedächtnisses in ein normatives Prisma der Geschichtsschreibung zu verwandeln«. Und weiter: »Die Shoah hat heute ihre Dogmen – ihre Unvergleichlichkeit und ihre Unerklärlichkeit, die zu normativen Prinzipien erhoben werden – und ihre gefürchteten Tempelwächter.« 

Traverso zufolge ist die europäische Judenvernichtung zum Ankerpunkt dieser sakralisierten Erinnerung geworden, und zwar weit über Deutschland hinaus. Allerdings weist auch er auf die historische Entwicklung des heutigen Satus quo hin: auf die frühe Verknüpfung des Holocaust-Gedenkens mit dem Antikolonialismus, etwa im algerischen Freiheitskampf, und die zunehmende Verdrängung dieser offen politischen Bezugnahme durch ein scheinbar abgehobenes Totem des Holocaust als unvergleichbares Einzelereignis. Und er warnt davor, eine solche sakralisierte Holocaust-Vorstellung »apologetisch als Stütze der aktuellen Weltordnung zu benutzen«. 

Wenn wir diese Gedanken mit der Katechismus-Debatte zusammenführen, wird eine weitere Ursache für deren Vehemenz deutlich: die potenzielle Aushöhlung essenzieller Opferschaft durch deren historische Kontextualisierung vermag die moralische Deutungshoheit des globalen Nordens ins Wanken zu bringen. Das ist nicht unbedingt das zentrale Ziel von Forschern wie Moses, Rothberg und Zimmerer, doch es kann die Konsequenz ihrer Arbeit sein. Dass sie es waren, die kurz nach der Jahrtausendwende die Verknüpfung von Holocaust- und Kolonialgeschichte in die interdisziplinäre Kultur- und Erinnerungshistoriografie der Genozide eingeführt haben, mag den Weg zur heutigen Konfrontation teilweise vorgegeben haben. Doch die Schärfe des Schlagabtausches wird erst erklärbar, wenn wir wieder einmal einen deutschen Sonderweg berücksichtigen.

Wiederbewaffnung der deutschen Erinnerung

Immer wieder wurde gefragt, was in den 1980ern den memory boom auslöste. In Europa war Pierre Noras stilbildendes Monsterprojekt der französischen »Erinnerungsorte« der erste sichtbare Markstein dieser Entwicklung: eine Sammlung historischer Referenzpunkte, um das schwindende Nationalgefühl der grande nation zu stärken. Auch in Ostasien wird das Aufflammen der Erinnerungsdebatten nach dem Kalten Krieg unter anderem als Dimension des erstarkenden Nationalismus in Korea, China, Japan und anderen Ländern erklärt. Ähnlich kann für Osteuropa argumentiert werden, wo der Antikommunismus der 1990er Jahre auch eine antirussische Dimension hatte.

In Deutschland wiederum steht die zentrale mnemonische Figur des kollektiven Schuldbekenntnisses zum Holocaust in enger Verbindung mit der identitätspolitischen Formation des Verfassungspatriotismus, die nach 1945 entstanden ist und bewusst ausgebaut wurde. Diese komplexe Erinnerungskulturgeschichte lässt sich recht einfach zusammenfassen: Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte das französische Revanche- und Sicherheitsbedürfnis die Entente-Mächte zu besonders radikalen Entmächtigungsmaßnahmen gegenüber dem niedergeworfenen Deutschen Reich gedrängt. Rohstoff- und Industriesektoren waren zerschlagen worden, nicht zuletzt durch die Besetzung der westlichen Grenzgebiete. Der Wiederaufbau seiner militärischen Schlagkraft blieb Deutschland explizit untersagt. Es wird allgemein angenommen, dass diese Politik zum Aufschwung eines ebenso radikalen und rachsüchtigen Nationalismus beitrug, der in Gestalt des Nationalsozialismus die deutsche Wiederbewaffnung durchsetzte und zu globalen Machtfantasien, totalem Krieg und Genozid führte (was freilich nicht heißt, Frankreich sei schuld an Hitler). 

Drei Jahrzehnte später schlugen die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs einen anderen Weg ein. Deutschland erhielt Unterstützung beim wirtschaftlichen Wiederaufbau und wurde in einen militärischen Partner für den neuen weltpolitischen Antagonismus verwandelt, aus westlicher Sicht also für den Kampf gegen den Kommunismus. Doch was war nun wirklich neu an dieser Konstellation? Deutschland als Bollwerk gegen den Kommunismus – mehr Kontinuität als Bruch. Der wahre Unterschied bestand darin, dass das atlantische Bündnis aus post- und neoimperialen Mächten und ihren kleineren kapitalistischen Alliierten nicht länger das Großmachtstreben Deutschlands zu fürchten brauchte. 

Adenauers Vergangenheitspolitik – dieser Begriff stammt vom Historiker Norbert Frei, der Dirk Moses in der Süddeutschen Zeitung ebenfalls »erstaunliche Bösartigkeit« und eine De-facto-Komplizität mit den »perfidesten Unterstellungen der Rechten« attestierte – ermöglichte zunächst die Integration der Nazis in die deutsche Nachkriegsgesellschaft. Dann folgten die Auschwitz-et-al.-Prozesse der 1960er Jahre und die 68er-Bewegung, in der die Abrechnungsforderung gegen die alten Nazis Hand in Hand ging mit Solidarität für die palästinensische Sache. In den 1980er und 1990er Jahren kristallisierte sich zunehmend jener transatlantische Konsens der Holocaust-Erinnerung heraus, der als Teil der Stockholm-Initiative für die Holocaust Education Taskforce zum staatsphilosophischen Nukleus einer globalen Hegemonie des Opfer-Täter-Schemas wurde und damit in schmerzhafter Dialektik dem globalen Norden die Deutungshoheit und moralische Autorität über das neue Politikfeld zu verleihen schien.

Deutschland bekannte sich zur »nationalen Schuld« an Angriffskrieg und Völkermord. Es kehrte sich damit von nationalen Heldenmythen ebenso ab wie von der – seit der Aufklärung von berühmten Denkern, Militärs und Politikern gern bedienten – Vorstellung der deutschen Führungsrolle in der Selbstverwirklichung der Menschheit. Und es leitete aus dem Judenmord eine bedingungslose Allianz mit Israel ab. All diese Entwicklungen wurden Elemente eines Versöhnungsvertrags, der letztlich eine neue Art des deutschen Wiederaufstiegs zur europäischen Leit- und damit immerhin sekundären Weltmacht erst ermöglichte. Stets im Dienste der Völkerverständigung, des Wirtschaftswachstums und der parlamentarischen Repräsentationsherrschaft, wurde Deutschland zum Musterschüler in der Völkerfamilie (trotz der Scheckbuchdiplomatie in diversen Kriegen und später der direkten Beteiligung an Bombardements auf Serbien und der NATO-Mission in Afghanistan). Es wurde zum verlässlichen Partner, zur Stimme der pragmatischen Vernunft, zum ökonomischen Erfolgsmodell.

All das schien nur möglich, indem Deutschland 1945 nicht wieder militärisch, sondern diesmal im Feld der Erinnerung entwaffnet würde. So es gelänge, die Kohäsionskräfte der Identitätsbildung von der über Erbgut definierten Nationalgeschichte samt prometheischer Geschichtsmission zu entkoppeln – selbst wenn am Ende ein neuer, »sanfter« Sendungsauftrag sichtbar würde, ein friedlich anmutendes deutsches Wesen, das die Welt vielleicht nicht heilen, aber doch mitgestalten und jedenfalls ordentlich an ihr verdienen würde.

Scheindialog auf der Erinnerungsbühne

Vor einem so komplexen politischen Hintergrund wird die Unerbittlichkeit der Debatte verständlich. Es geht nicht allein um das Unbehagen in der Migrationsgesellschaft, den Verteidigungsreflex einer »weißen« Mehrheit angesichts von Black-Lives-Matter-Forderungen. Es geht um lang gewachsene Bewusstseinsformen, die den Überbau der deutschen Gesellschaft durchwachsen. Da wird das Diskussionsklima denn doch intoleranter. Wer die Falschen zu verstehen versucht, steht bald selbst auf der Abschussliste. 

Nicht nur Moses beschwert sich über eine mittlerweile besorgniserregende Flut an Angriffen, deren Vehemenz er trotz des polemischen Federschwungs seiner Intervention nicht erwartet hätte und die ihn an die Bild-Kampagne gegen die deutsche TV-Moderatorin Nemi El-Hassan denken lässt, die aufgrund von Antisemitismusvorwürfen mittlerweile vom Westdeutschen Rundfunk entlassen wurde. Ähnliches betrifft auch führende öffentliche Intellektuelle. Kennen Sie Aleida und Jan Assmann, die deutschen Friedenspreisträger von 2018? Der Althistoriker und Philologe Jan Assmann hat mit seinen Studien zum Begriffspaar der kommunikativen und kulturellen Gedächtnisse eine tiefe Spur in die kulturwissenschaftliche Landschaft gezogen. Die Literaturwissenschafterin Aleida Assmann wurde als Doyenne der deutschsprachigen »Memory Studies« gefeiert. Ihre Diskursbeiträge – darunter das Konzept des sogenannten »dialogischen Gedächtnisses«, das zwischen im Widerspruch stehenden nationalen Gedächtnissen vermitteln sollte – wurden zwei Jahrzehnte lang stets als europäisch-staatstragende Vermittlungsversuche geschätzt. Gemeinsam waren sie die akademisch-feuilletonistische Analogie zum Promipaar Brangelina. 

Seit Aleida Assmann Verständnis für Achille Mbembe und die gedanklichen Verbindungen, die dieser zwischen dem Nationalsozialismus und dem südafrikanischen Apartheidsregime herstellte, äußerte, ist damit Schluss. Mbembes postkoloniale Analyse kritisiert unter anderem Israel und exemplifiziert in seinem Konzept der Nekropolitik unter anderem Palästina als »Todeszone«, was von manchen – meines Erachtens fälschlicherweise – als Apologetik von Selbstmordattentätern gelesen wurde. Im deutschen Feuilleton hagelte es Antisemitismusvorwürfe, und als die Intendantin der Ruhrtriennale den kamerunischen Intellektuellen 2020 als Festredner einlud, explodierte die Kontroverse erneut; jüdische Organisationen verlangten die Kündigung der Intendantin. Als Assmann hier zu übersetzen versuchte, geriet auch sie »unter Verdacht«, wie eine Kolumne in der Jüdischen Allgemeinen übertitelt war. Sie sei »unredlich«, weil sie mit »progressivem« Antisemitismus gemeinsame Sache mache. 

Aleida Assmann auf der moralischen Abschussliste des deutschen Feuilletons – dieseunvorhersagbare Entwicklung hätte wohl schon vor einem Jahr prognostizieren lassen, welchen Wirbel Dirk Moses mit seinem Text auslösen würde. Da die eigentlichen Themen dieses Streits schon seit zwei Jahrzehnten diskutiert werden, stellt die Schärfe der aktuellen Auseinandersetzung ein Indiz für eine Verschiebung erinnerungskultureller Kräfteverhältnisse dar. Die Hegemonie des staatstragenden deutschen Holocaust-Gedenkens in seiner spezifischen Ausformung der letzten Jahrzehnte ist ins Wanken geraten.