N°5POLITIK | 27.04.20

»Es war ein Kompromiss zwischen Politik und Tourismuslobby«

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Markus Wilhelm im Interview mit Samuel Stuhlpfarrer

Illustration: Christoph Kleinstück 

 Markus Wilhelm lebt und arbeitet als Bergbauer, Aktivist und Publizist in Sölden, Tirol. Schon in der 1980er Jahren setzte er sich (hauptsächlich in der von ihm gegründeten Zeitschrift Föhn) kritisch mit den Tiroler Verhältnissen auseinander. Seit mehr als 15 Jahren betreibt Wilhelm den Blog www.dietiewag.org – ebendort deckte er zuletzt den Skandal um die Festspiele Erl auf.

Samuel Stuhlpfarrer | Lass uns ganz am Anfang beginnen. Am 13. März wurden St. Anton am Arlberg, Ischgl und weitere Orte im Paznauntal unter Quarantäne gestellt. Davor hatte es schon unzählige Hinweise darauf gegeben, dass sich das Coronavirus in Ischgl verbreitet und von dort über ganz Europa verteilt. Kannst du den Verlauf vom Auftreten der ersten Infektions-Verdachtsfälle bis zur Verhängung der Quarantäne über das Paznauntal grob rekonstruieren?

Markus Wilhelm | Ich bin kein Chronist der Ereignisse. Vor allem müsste man viel früher ansetzen. Am 5. März hat Island Ischgl zum Risikogebiet erklärt. Nichts ist geschehen. Der Landessanitätsdirektor, der noch im Februar das Coronavirus als »unglaublichen Medienhype« heruntergespielt hatte, erklärte, die isländischen Urlauber hätten sich nicht in Ischgl, sondern erst auf dem Flug nach Hause angesteckt. Und eine Mitarbeiterin von ihm gab Tage später zum Besten, dass »eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich« sei. Das alles ist im Nachhinein, wo es nachweislich Tote mit Bezug zu den Tourismuskaffs gibt, unglaublich. Es sind ja nicht nur die Lokale Virenschleudern, sondern natürlich auch die Gondeln und die Liftrestaurants. Aber Landeshauptmann Platter erklärte noch am 10. März: »Seilbahnen zu schließen, ist wenig zielführend«, und Frischluft verringere die Ansteckungsgefahr. Der Skibetrieb in Ischgl wurde dann erst am 14. März eingestellt. Tirolweit mit 15. März.

SS | Der Verdacht, der sich zuletzt erhärtete, ist, dass die Tiroler Touristik- und Seilbahnlobby die Schließung der Skigebiete so lange wie möglich hinauszögern wollte, um das Geschäft am Leben zu halten. Was spricht aus deiner Sicht für diese Annahme?

MW | Ich denke, es war schlussendlich ein Kompromiss zwischen Politik und Tourismuslobby. Die einen wollten bald zusperren, die anderen gar nicht oder zumindest später. Als in Südtirol schon Schluss war mit der Saison, mochte sich das Franz Hörl, der Sprecher der Seilbahnen, für Österreich noch gar nicht vorstellen. »Es gibt keinen Grund, davon auszugehen, dass in Österreich Skigebiete geschlossen werden müssen«, sagte er damals noch. 

SS | Hörl bedient vielerlei Interessen: Er ist Wirtschaftsbundobmann in Tirol, ÖVP-Nationalratsabgeordneter in Wien und selbst Hotelier. Was lässt sich über seine Rolle in der Causa sagen?

MW | Franz Hörl ist ein Polterer. Und weil er laut ist, schreiben Journalisten, er sei wortgewaltig. Er ist alles eher als das. Aber weil er herumschreit ohne Genierer, ist er als der Mann, der die Bresche schlägt, bei den Touristikern, den Massentouristikern, akzeptiert. So brauchen sich die Herren hinter ihm, die Seilbahner im Paznaun, im Ötztal, im Zillertal, im Stubai oder am Arlberg selber die Hände nicht schmutzig zu machen.

SS | Du hast vorhin von einem Kompromiss zwischen
Politik und Tourismuslobby gesprochen. Ein SMS-Verkehr zwischen Franz Hörl und dem Betreiber der Ischgler Bar »Kitzloch«, den du auf dietiwag.org veröffentlicht hast, legt das auch nahe. Welches System steckt hinter einem Kompromiss, der Menschenleben fordert? Anders gefragt: Wie erklärt sich dieser große Einfluss der Seilbahn-Branche?

MW | Die Seilbahner sind besonders dicht dran an der Politik. Häufig müssen für neue Anlagen und das Vordringen in unerschlossene Naturräume Gesetze geändert oder verbogen werden. Umgekehrt bieten Tourismusunternehmer den Politikern eine schöne Bühne, auf der sich diese präsentieren können, etwa den Weltcup-Auftakt in Sölden oder das Hahnenkammwochenende in Kitzbühel. Landeshauptmann Platter hat zu allem Überfluss auch die Tourismusagenden in der Landesregierung an sich gerissen.

SS | Vor vielen Jahren schon hast du zu den Umtrieben in der Tiwag, der Tiroler Wasserkraft AG, investigativ gearbeitet. Erst letztes Jahr ist Gustav Kuhn über die von dir ins Rollen gebrachten Fälle von sexueller Belästigung bei den Festspielen Erl zu Fall gebracht worden. Wie kommst du zu deinen Quellen? 

MW | Die Quellen kommen zu mir! Auf unterschiedlichste Art und Weise. Das ist einerseits eine Folge der affirmativen, sehr systemkonformen Tiroler Medienlandschaft, andererseits und noch mehr eine der Wertschätzung meiner hundertprozentigen Vertraulichkeit, die auch durch Klagen mit Streitwerten jenseits der 500.000 Euro nie gefährdet war. Die Leute haben einfach miterlebt, dass in all den Jahren, auch wenn ich vor Gericht gestanden bin, noch nie der Name eines Informanten oder einer Informantin, die mir vielleicht als Zeugen hätten dienen können, preisgegeben worden ist. Das ist das ganze Geheimnis, das daher gar keines ist.

SS | Der Erklärung der Quarantäne folgten eilige Pressetermine der Tiroler Landesregierung. Am Tag nach einem desaströsen Interview des Gesundheitslandesrats Tilg in der ZiB 2, trat Landeshauptmann Platter auf – flankiert von der grünen Landeshauptmann-Stellvertreterin Ingrid Felipe und dem Innsbrucker Diözesanbischof Hermann Glettler. Sind sich irdische Gier und göttlicher Beistand in Tirol tatsächlich so nah? 

MW | Dieses Setting mit dem Bischof sollte wohl tatsächlich so etwas insinuieren. Inhaltlich ging es darum, zu verkünden, dass die Kirche halt auch noch irgend so eine Corona-Hotline eingerichtet habe. Gleichzeitig hat sich Platter einen Chirurgen, der hauptsächlich Knieoperationen durchführt, als medizinischen Berater an seine Seite geholt, einen alten Spezl aus der engeren Heimat, mit dem er nicht selten ins Ausland fliegt und der mit seinen Privatkliniken in Tirol vor allem im Winter der Hauptprofiteur von Sportverletzungen ist. 

»PLATTER HAT SICH EINEN CHIRURGEN, DER HAUPTSÄCHLICH KNIEOPERATIONEN DURCHFÜHRT, ALS MEDIZINISCHEN BERATER AN SEINE SEITE GEHOLT, EINEN ALTEN SPEZL, DER MIT SEINEN PRIVATKLINIKEN IN TIROL VOR ALLEM IM WINTER DER HAUPTPROFITEUR VON SPORTVERLETZUNGEN IST.«


SS | Welche Rolle spielen die Grünen in dem Zusammenhang. Von außen hat man den Eindruck, sie sind eher Teil des Problems als Teil der Lösung.

MW | Ich bin ja von den Tiroler Grünen nicht zu enttäuschen und bin es auch in dieser Causa nicht. Da war nie etwas zu erwarten von denen. Wir haben es in Tirol wie im Bund mit einer schwarz-grünen ÖVP-Alleinregierung zu tun. Eine grüne Landeshauptmann-Stellvertreterin, die »aus Zeitgründen« zum Fall des Gesundheitslandesrats Tilg nichts sagen will, illustriert das am allerbesten. Kurz gesagt: Die Tiroler Grünen sind ein Ärgernis.

SS | Seit der Verhängung der Quarantäne über Ischgl und andere Orte im Paznauntal häufen sich die Berichte über Angestellte im Tourismus, die auf die Straße gesetzt oder rückwirkend gekündigt werden. Sind dir solche Fälle bekannt?

MW | Ja, einige. Man hat sich ihrer teilweise entledigt, wie man sich eines Putzlappens entledigt, den man nicht mehr braucht. Sie wurden, man muss klar sagen: teilweise, ruckzuck gekündigt, Schwarzarbeiter sollten überhaupt so schnell wie möglich aus dem Betrieb und aus dem Dorf verschwinden, womit natürlich, Beispiel Ischgl oder Sölden, Infizierte in alle Welt, vor allem in die osteuropäischen Länder geschickt wurden. Andere wurden in den Personalhäusern der Betriebe sich selbst überlassen, oftmals in Quarantäne, wo sie zwei, drei Wochen und noch länger auf die Ausreise in ihre Herkunftsländer warten mussten. Da hat sich für jene, die es noch nicht wussten, es aber sehen wollen, gezeigt, was die Angestellten im Tourismus wert sind. Und warum die Touristiker stets nach neuen Kontingenten, so nennt man das in der Branche, rufen müssen. Und die Zimmermädchen und die Putzfrauen und die Aufräumer und die Müllsortierer von immer weiter weg hierherkommen, aus zig Nationen, sogar schon aus Fernost und aus Afrika. 

SS | Kanzler Sebastian Kurz war, noch bevor das Coronavirus in Tirol um sich gegriffen hat, auf Einladung der »Adler Runde« in Tirol. Der Zusammenschluss, dem auch Franz Hörl angehört, gilt als einflussreich innerhalb der ÖVP; er schickte nach den vorletzten Wahlen Wünsche an die Bundesregierung, die unter der Kurz/Strache allesamt erfüllt wurden. Und die »Runde« gilt als Teil jener Kräfte, die die Übernahme der ÖVP durch Sebastian Kurz von Reinhold Mitterlehner maßgeblich betrieben haben. 

MW I Die »Tiroler Adler Runde« lebt von ihrer Überschätzung – aber sehr gut davon. Da wurde von manchen Medien ein riesiger Popanz aufgebaut, um sich Vorgänge hinter den Kulissen zu erklären. Ihr wird eine Bedeutung zugemessen, die sie ohne diese Promotion niemals hätte. Erst dadurch vermag sie auf die Politik einzuwirken. In Wahrheit brauchen die Seilbahner vom Paznaun oder Ötztal oder Stubai diesen Verein nicht, sie haben direkten Zugang zum Landeshauptmann und nehmen kaum den Umweg über die »Adler Runde«. Diese Liftgesellschaften sponsern ja auch regelmäßig die Tiroler Volkspartei. Im Übrigen fehlen in der »Adler Runde« die Schwergewichte Swarovski, Benko, Plansee, Haselsteiner, Thöni und viele mehr. Auch der größte private Seilbahnbetreiber Österreichs, der Schultz aus dem Zillertal, ist nicht dabei.

SS | Klaus Ortner, der Hauptaktionär des Bauriesen Porr, ist immerhin Teil der Runde. Er hat von 2017 bis 2019 rund eine Million Euro an die Bundes-ÖVP gespendet.

MW | Zufällig! Der Hauptaktionär der Strabag ist nicht Teil der Runde. Ich bin gegen die Dämonisierung dieses Vereins, weil eine solche, wie schon gesagt, ihn nur größer macht.

SS | Hältst du es für möglich, dass die Vorgänge um Ischgl jemals aufgeklärt werden? Wird man erfahren, wer es wann unterlassen hat, etwas zu unternehmen oder stehen dem die Interessen auf Landes- und Bundesebene zu sehr entgegen?

MW | Weiß ich’s? Die Medien haben an sich viel Vorarbeit geleistet. Auf deren Recherchen basieren ja auch die Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft, die fürs Erste einmal wenig Engagement zeigt. Die Geschädigten, vor allem Urlaubsgäste, werden wohl den Weg über das Zivilrecht gehen müssen. Das wird extrem schwierig werden. Daneben soll, vom Landtag eingesetzt, eine Expertenkommission die Verantwortung klären. Wie diese Sachen ausgehen werden, wird davon abhängig sein, wie lange und wie stark der öffentliche Druck aufrechterhalten bleibt.