N°12/1POLITIK | 30.11.20

Karl Renner: Realität und Mythos

Austromarxist, Parlamentarier, Staatskanzler und Bundespräsident, Gründer der Republik Deutschösterreich 1918 und der Zweiten Republik 1945: Karl Renner, geboren vor 150 Jahren in Unter-Tannowitz, gestorben vor 70 Jahren in Wien.

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VON WOLFGANG HÄUSLER
Wolfgang Häusler, Jg. 1946, ist emeritierter Universitätsprofessor für Österreichische Geschichte. Zur »historischen Stunde Karl Renners« im April 1945 und über die paradoxen Denkmäler von Staatsgründer und Staatsgründung Österreichs lesen Sie in TAGEBUCH No 4/2021.


Am Piaristengymnasium der südmährischen Stadt Nikolsburg/Mikulov wurde der Klassenprimus Karl Renner, Bauernsohn aus Unter-Tannowitz, für eine Cicero-Edition herangezogen. Renner nannte die Anerkennung seiner Mitarbeit durch Professor Kornitzer, Cicero habe kein besseres Latein geschrieben als er, mit bescheidenem Stolz übertrieben. Pater patriae, dies war Ciceros Ehrentitel nach der Aufdeckung der Catilinarischen Verschwörung, er geriet seit Augustus in die Titulatur der römischen Imperatoren. Kann Renner in der Geschichte der Ersten und Zweiten österreichischen Republik diesen Ehrennamen beanspruchen? In der gesetzlichen Revolution vom Oktober/November 1918 rettete er die Republik Deutschösterreich aus der Katastrophe des Weltkriegs und dem Zusammenbruch der Donaumonarchie. Dem Habsburgerreich, dessen Strukturen er ursprünglich erneuern wollte, stellte er den Totenschein aus, ebenso der Ersten Republik mit seiner Anschlusserklärung 1938. 1945 wurde er im Alter von 75 Jahren zum zweiten Mal Geburtshelfer der unabhängigen Republik – Paradoxien einer historischen Singularität. Die demokratische Republik Österreich verdankt ihm unbestritten Existenz und Erneuerung, in ihrer Stärke, in ihren Schwächen, in den Widersprüchen ihres historischen Wegs. Jedenfalls: Renner wurde zweimal Staatsgründer, mit 48 und 75 Jahren, sozusagen Vater und Großvater des Vaterlands Österreich.

»Aus uraltem deutschem Bauernstamme«, so bezeichnete Renner seine Familienherkunft. Der Urgroßvater war von der Gutsherrschaft als Ziegelbrenner aus Sachsen nach Südmähren gerufen worden. Seine Kindheitserinnerungen leitete Renner scherzhaft ein – das 17. oder 18. Kind war er dank Zwillingsgeburt (14. Dezember 1870). Die in »unfreiwilliger Muße« und »völliger Abgeschlossenheit« seit 1934 niedergeschriebenen Lebenserinnerungen tragen zu Recht den Titel An der Wende zweier Zeiten; sie erschienen, in rotem Einband, 1946 am Beginn der Krönung seiner Laufbahn als Bundespräsident der Zweiten Republik. Der nahezu geschlossen deutschsprachige Markt Unter-Tannowitz (tschechisch Dolní Dunajovice) im Land zwischen der Thaya und den Pollauer Bergen zählte zur Geburtszeit Renners um 1870 2.500 Einwohner. Die Zwangsaussiedlung der deutschen Bevölkerung Südmährens, tschechisch Odsun (»Abschub«), vertrieb 1945, vor dem Erscheinen von Renners Erinnerungen, nahezu die gesamte Einwohnerschaft. Als 1999 das verfallende Geburtshaus Renners abgerissen wurde, machte der damalige Bundesgärtendirektor Peter Fischer-Colbrie einen alten Heckenrosenstrauch im Hausgarten ausfindig. Die Österreichisch-Tschechische Gesellschaft, in der Bürgermeister Zilk und Landeshauptmann Pröll aktiv waren, verpflanzte den hundertjährigen Rosenstock in den Volksgarten beim Eingang am Ballhausplatz, gegenüber der Präsidentschaftskanzlei. Eine Rekonstruktion des Geburtshauses, wie sie die Gedenktafel »in Ehrung des Gründers der Ersten und Zweiten Republik« meldet, hat freilich nicht stattgefunden. Agrar- und namentlich Weinbaukrise ruinierten die Familie, 1885 wurde das Haus zwangsversteigert, die Familie zerstreut. Der hochbegabte Karl hatte ein Stipendium am Nikolsburger Gymnasium erhalten; sein Studium in Wien bestritt er als Hauslehrer und Ferialhofmeister bei wohlhabenden Großbürger- und Adelsfamilien.

Karl Renner, 1925.
Foto: Albin Kobé / ÖNB-Bildarchiv / APA

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