N°9POLITIK | 30.08.20

Korruption, Finanzkapitalismus, Geopolitik 

Nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut steht der Libanon wieder im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit. Das Versagen der Behörden ist der systemischen Korruption geschuldet.

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Von Helmut Krieger
Illustration: Christoph Kleinstück

Helmut Krieger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Senior Lecturer am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien. Aktuell leitet er das Forschungsprojekt KnowWar.
Illustration: Christoph Kleinstück

Die Explosion in Beirut, ausgelöst durch die unsachgemäße Lagerung von mehr als 2.700 Tonnen Ammoniumnitrat, tötete annähernd 200 Menschen, verletzte etwa 6.000 und machte an die 300.000 mit einem Schlag obdachlos. Ganze Stadtteile wurden zu Trümmerhaufen. Während in den Tagen danach mehr und mehr Einzelheiten über die tödliche Inkompetenz staatlicher Stellen im Umgang mit dem gefährlichen Ammoniumnitrat publik wurden, begann die Bevölkerung Beiruts in Eigeninitiative medizinische Anlaufstationen aufzubauen, Grundversorgung für Wasser und Wohnraum bereitzustellen sowie Schutt wegzuräumen. Die traumatische Erfahrung der Zerstörung war sodann Ausgangspunkt von Massendemonstrationen. Diese führten dazu, dass die Regierung unter Hassan Diab zurücktrat.

Unterdessen wurde auf internationaler Ebene das Bild korrupter politischer Eliten skizziert, die unfähig seien, einen effizienten staatlichen Verwaltungsapparat aufzubauen. Vermeintlich gefangen in ihren jeweiligen konfessionalisierten Identitätspolitiken, seien es eben diese Eliten, die den Niedergang des Landes zu verantworten haben – die Explosion im Hafen in Beirut sei das Fanal, jene korrupten Netzwerke zur Verantwortung zu ziehen und durch Reformen einen effizienten Staat aufzubauen. Korruption ist in dieser Lesart ein moralisches Fehlverhalten von ehemaligen Warlords, die die Macht nach dem Bürgerkrieg in den 1990er Jahren usurpiert und das Land zugrunde gerichtet hätten. 

Derartige imperiale Interpretationen von Entwicklungen in Ländern des Südens lassen sich seit Jahrzehnten in Berichten internationaler Finanzinstitutionen wie IWF oder Weltbank nachlesen. Deren Fokus liegt auf den endogenen politischen Verhältnissen in den Ländern, die, losgelöst von globalen Macht- und Herrschaftsverhältnissen, als Ursache aller Probleme gelten. Misswirtschaft und Korruption wird nicht als systemisches Problem einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung verstanden, mit dem Effekt, dass der Ruf nach einem sogenannten effizienten Staat mit der Vertiefung neoliberaler Verhältnisse gekoppelt werden kann. Der Staat erscheint dann als neutraler gesellschaftlicher Ordnungsrahmen, der der Bevölkerung grundlegende Dienstleistungen zur Verfügung stellt. Kein Wort vom globalen Kapitalismus, dessen Widersprüche sich verdichten. Kein Wort von imperialen Herrschaftsverhältnissen, die an lokale Machtarchitekturen andocken und diese zuspitzen. Die Probleme im Libanon existieren in diesem Narrativ jenseits von Zeit und Raum – jenseits des mittlerweile neunjährigen Krieges in Syrien, jenseits des israelischen Krieges gegen den Libanon im Jahr 2006, der syrischen Intervention in den Libanon bis zum Jahr 2005, der US-Invasion im Irak im Jahr 2003 und deren globale Erschütterungen, der israelischen Invasion in den 1980er Jahren in den Libanon und der Besatzung im Süden bis zum Jahr 2000. 

Eine derartig bereinigte Geschichte macht den Weg frei, gesellschaftliche Verhältnisse im Libanon lediglich hinsichtlich identitätspolitischer Markierungen und der Gier lokaler Machtcliquen zu betrachten. 

Selbstverständlich bereichert sich die Elite im Libanon auf Kosten der Bevölkerung und hat ein System klientelistischer Abhängigkeiten für Communities geschaffen, die als konfessionelle Entitäten angerufen werden. Ursprünglich institutionalisiert von der französischen Kolonialmacht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wurde seit der Unabhängigkeit des Libanon das politische System so konfiguriert, dass sich die damaligen Machtblöcke als konfessionelle Repräsentationsorgane inszenieren konnten. Als christlich und sunnitisch markierte Parteien teilten sie sich unter Ausschluss marginalisierter sozialer Klassen die Macht auf und versuchten, eine soziale Basis durch konfessionelle Anrufungen in klientelistischen Netzwerken an sich zu binden. Mit dem Zufluss von Kapital aus arabischen Ländern wurde seit den 1960er Jahren ein Bankensektor aufgebaut, der zur entscheidenden ökonomischen Schnittstelle im Land wurde. 


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