N°9POLITIK | 01.09.21

Männersphären

In den vergangenen Jahren geriet eine Szene in den Medienfokus, deren reaktionäres Gesellschaftsbild in starkem Gegensatz zu ihrer modernen medialen Entfaltung in Memes und sozialen Medien steht. Eine Reise durch die »Manosphere« in neun Begriffen. 

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VON RAPHAELA EDELBAUER


Raphaela Edelbauer lebt als freischaffende Schriftstellerin in Wien. Kürzlich erschien ihr Science-Fiction-Roman DAVE bei Klett-Cotta.

Illustration: Lea Berndorfer

»Incels« sind Männer, die ihre Sexualität als defizitär beschreiben und die Schuld daran in der Liberalität unserer Gesellschaft sehen. Sie sind vornehmlich bekannt durch terroristische Aktionen wie jene von Alek Minassian oder Elliott Rodger. In ihren »Manifesten« beschrieben beide sich selbst als Angehörige dieser Subkultur. Der General Social Survey der Universität Chicago bestätigte im Jahr 2018: Junge Männer in den USA haben tatsächlich immer weniger Sexualkontakte. Doch einen zwingenden Zusammenhang zwischen der sogenannten Manosphere und empirisch beobachtbarem Sexualverhalten gibt es nicht. Die Manosphere ist ein loses Netzwerk aus Antifeministen, das in den 2010er Jahren zur Blüte gelangte und bis heute wächst. Je tiefer man in die verschiedenen Subkulturen eintaucht, desto klarer wird, dass sich das Phänomen aus einem verworrenen Fundus von Ideen speist: Es ist ein Gemisch aus Diskursen von in den 1970ern entstandenen Männerrechtsbewegungen, reaktionär-braunen Gruppen und sogenannten Pick-up-Artists. Sie alle eint ihre eigentümliche Verwendung von Termini, die vor allem im Reddit-Forum »The Red Pill« entstanden und zunächst von Pick-up-Artists formuliert wurden. Jenen Männern, die versuchen ein System zu entwickeln, um Frauen zum Sex zu überreden. Dabei geht es weniger um Techniken der »Verführung« oder ein zeitgenössisches Don-Juan-Syndrom, sondern um eine eigene Form der Realitätsbetrachtung – von den Eingeweihten »The Game« genannt. 

Was an der Manosphere noch unheimlicher ist als an der Männerrechtsbewegung, ist die paranoide, mystische Parallelrealität, die sie konstruiert. Eine Reise durch »The Game« in neun Begriffen offenbart, wie heterogen und doch geeint in ihrer Misogynie die »Manospherians« sich geben. 

1. Absolute Beginners

Am Samstag, den 1. Dezember 2018, wendet sich User »Patti« im deutschen Forum »Absolute Beginners« an seine Leidensgenossen im Internet. »Ich habe auf einer Single Seite mein Problem geschildert und Frauen um deren Meinung gefragt. Eine meinte, wir haben soziale Defizite und sind dort im Gegensatz zu den Normalos weit hintendran, sie würde sich auf so einen nicht einlassen. Wohingegen ich aber sagen muss, dass viele andere Frauen es zwar hinterfragen würden (warum ich noch keine richtig lange Beziehung hatte) aber sich die Gründe durch den Kopf gehen lassen.« (Originalrechtschreibung wurde beibehalten.)

Ihm antworten Männer, die selbst auch keine oder wenige Erfahrungen mit Sexualität haben, sich eine Freundin wünschen, das Gefühl verspüren, keine Chancen bei Frauen zu haben. Die Mitglieder des Forums unterstützen sich gegenseitig. Fast alle sind Männer zwischen 20 und 35 und der selbst als defizitär wahrgenommene Zugang zur Intimität macht sie zu involuntary celibates – kurz: Incels, also unfreiwillig zölibatär Lebenden. Ein anderer User namens »Einsamkeit is doof« schreibt sich am Nachmittag des 28. Novembers 2018 den Frust von der Seele: »Wenn ich eine schöne Frau sehe, dann tut mir der Anblick schon fast weh. Einerseits freue ich mich, wenn ich schöne Frauen sehe und andererseits tut mir der Anblick weh, weil ich es einfach nicht packe meinen Ar… hoch zu bekommen und endlich mal richtig aktiv zu werden und eine Frau anzusprechen.«

»Absolute Beginners« ist eine der größten Communitys der Manosphere. Viele Männer äußern hier ihre Ängste und Sorgen, finden Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Spannend ist, nach jenem Punkt zu suchen, an dem die Selbsthilfe in das radikale Gedankengut der Manosphere übergleitet: Sich als Incel wahrzunehmen und sich darüber auszutauschen, bedeutet für viele, zunächst nach individuellen Strategien zu suchen, um besser bei Frauen anzukommen. Doch die Diskussion im Forum springt schnell vom Individuellen zum Allgemeinen. So werden Typologien von Männern entwickelt, die beim Finden einer Partnerin im Gegensatz zu einem selbst keine Probleme haben. Noch problematischer ist die Frage nach den Gründen für die als Entbehrung wahrgenommene eigene Situation. Die Ursachen können, so der Schluss der Incels, entweder sozialer oder biologischer Natur sein. In beiden Fällen wäre man zumindest nicht selbst schuld – und wenn man über etwas keine Kontrolle hat, wird es schwieriger, keine Wut auf die Umstände zu entwickeln, die einen lenken.


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