N°7/8POLITIK | 28.06.20

Nationalismus zwischen Meer und Karst

Triest ist nicht nur Sehnsuchtsort für Nostalgiker der k. u. k-Ära, sondern auch einer der zentralen Gedenkorte des italienischen Nationalismus. Die Versuche, den italienischen Charakter der Stadt symbolisch zu sichern, prägen das Stadtbild bis heute. 

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Von Peter Korig


Die in einem Industriegebiet gelegene Risiera di San Sabba war von 1943 bis 1945 das Triestiner KZ.
FOTO: BRANKO LENART


Triest, Hafenstadt an der Adria, an der Schnittstelle zwischen Italien, Mitteleuropa und dem Balkan, erfreut sich seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit bei Städtereisenden und Menschen auf der Suche nach einem gediegenen Altersruhesitz. Einer der Anziehungspunkte der Stadt ist ihr urbanes Flair, vor allem ein guterhaltenes historisches Stadtzentrum voller Bars, Cafés, Museen und Denkmäler. Doch was als Ansammlung von Relikten vergangener Tage erscheint, die eine Atmosphäre der Authentizität und des nostalgischen Wohlgefühls ausstrahlen, markiert häufig Besitzansprüche und Grenzziehungen, die immer noch von politischer Relevanz sind.

Symbolische Spuren

Die sich Auswärtigen wohl am schnellsten erschließende zeitgeschichtliche Gedenkkultur sind die Denkmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. So ragt an prominenter Stelle, auf dem Hügel von San Giusto, dem antiken Zentrum der Stadt, neben Kathedrale und Festung das Denkmal für dessen Gefallene empor. Eingeweiht 1935 trägt es die auf den ersten Blick überraschende Inschrift »Trieste ai caduti nella guerra di liberazione MCMXV–MCMXVIII« (Triest den Gefallenen des Befreiungskrieges 1915–1918). Dass der Erste Weltkrieg als Befreiungskrieg erinnert wird, findet seinen Grund darin, dass Triest erst nach Kriegsende aus der Konkursmasse des österreichisch-ungarischen Imperiums herausgelöst wurde und an Italien fiel. Dabei handelte es sich nicht um eine bloße Grenzverschiebung, sondern um die Erfüllung eines langgehegten, mythisch überhöhten Traumes italienischer Nationalisten. Als die Vereinigung der verschiedenen Fürstentümer der Apenninenhalbinsel zum Königreich Italien 1870 abgeschlossen war, blieben Triest, Trentino, Friaul, Istrien und Dalmatien außen vor. Ihre Eingliederung in den italienischen Staat wurde zentrales Ziel eines religiös aufgeladenen Nationalismus, der diese Gebiete mit ihrer italienischsprachigen Bevölkerung als »terra irredenta«, als unerlöstes Land ansah. Die Angliederung Triests und Istriens an Italien nach dem Ersten Weltkrieg wurde als Erfüllung dieses Wunsches der Irredentisten angesehen. Doch die »Italianità« der erlangten Gebiete stellte sich als nicht so zweifelsfrei gegeben heraus, wie von den Nationalisten vorgestellt. War und ist Triest doch maßgeblich geprägt von der für mitteleuropäische Städte, gerade auf dem einstigen Territorium der k. u. k.-Monarchie, typischen Multikulturalität, vor allem durch die Präsenz einer großen slowenischen Minderheit. Mit Eifer wurde deshalb während des Faschismus daran gearbeitet, durch eine symbolisch aufgeladene Stadtplanung, durch Repräsentanzbauten, Denkmäler und Straßennamen den italienischen Charakter der Stadt zu bestätigen. Auch das Denkmal für die Weltkriegsgefallenen wurde in diesem Zusammenhang errichtet. Auf dem Hügel von San Giusto fällt die merkwürdige Aktualität militärischen Gedenkens in dieser Stadt auf. Seit Anfang der 2000er Jahre wurde hier eine Reihe neuer Gedenksteine für im Zweiten Weltkrieg gefallene oder nach Kriegsende von jugoslawischen Partisanen getötete Militärs, Polizisten und Beamte errichtet. 


WÖRTER: 1845

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