N°3POLITIK | 01.03.21

Neue Gesellschaften

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Von Jana Volkmann

Essen ist ohne Zweifel eine politische Angelegenheit. In Berlin machte vor Kurzem die Autorin Jacinta Nandi darauf aufmerksam, dass es ihr, genau wie vielen anderen, beinah unmöglich ist, ihre beiden Kinder von Hartz IV ausreichend und außerdem gesund zu ernähren – zumal, wenn nun durch die pandemiebedingten Schul- und Kindergartenschließungen zahlreiche Kinder um ein kostenloses Mittagessen umfallen. Für ihren Einsatz für Einkaufsgutscheine für Familien, die von Hartz IV leben, erntete Nandi viel Zuspruch. Sie hat eindeutig einen wunden Punkt getroffen.

Global betrachtet erweist sich die Vorstellung von einer Pandemie als great leveler, als großer Gleichmacher, ebenfalls als maximal entfernt von der Wirklichkeit. Klassengegensätze, das legen Tobias Boos und Matthias Schnetzer ab Seite 14 dar, werden vielmehr entscheidend verschärft. Sie unterziehen die Anfang September 2020 im argentinischen Senat beschlossene Vermögensabgabe einer kritischen Analyse. Ein »Solidarischer und außerordentlicher Beitrag, um zu helfen, die Effekte der Pandemie zu lindern« – so der offizielle Name der Maßnahme – ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, wenn auch ein nur ein kleiner, sehr zögerlicher.

Dass Pandemien bereits bestehende Konflikte und soziale Ungleichheiten verstärken, bestätigt die Medizinhistorikerin Dora Vargha. Mit TAGEBUCH-Redakteur David Mayer sprach sie darüber, wie durchlässig selbst der Eiserne Vorhang für Viruserkrankungen war – und über die russisch-amerikanische Zusammenarbeit bei der Entwicklung des Polioimpfstoffs. Überhaupt sind Impfstoffe inhärent politisch, das merkte man jüngst vor allem an den stark divergierenden Auffassungen über das in Russland entwickelte Vakzin Sputnik V (natürlich aber auch an den Distributionsmechanismen). Im Gespräch mit Vargha geht es auch um die bislang viel zu wenig im öffentlichen Diskurs bedachte (und unbequeme) Frage, wie überhaupt das Ende einer Epidemie, oder eben einer Pandemie, bestimmt werden kann: Reicht es, wenn die Neuansteckungen gen Null gehen? Was ist mit den politischen und sozialen Auswirkungen? Der Blick auf vergangene Epidemien lehrt jedenfalls, dass man das Ende einer derartigen Krise nur retrospektiv feststellen kann – lange nachdem die akute Bedrohung vorüber ist.

Was wir essen, wirkt sich bekanntlich auf das globale Klima aus. In Äthiopien kommt Huhn für gewöhnlich nur zu besonderen Anlässen auf den Tisch, doch plötzlich eröffnen in Addis Abeba zahlreiche Schnellrestaurants, die Hühnergerichte anbieten. Ein Interesse an der Verbreitung von Hühnerfleisch haben längst nicht nur US-amerikanische Fast-Food-Ketten und deren lokale Pendants. Denn die neu gezüchteten und »optimierten« Hühnerrassen verheißen eine verstärkte Resilienz gegen die Klimakrise, sodass auch das politische Interesse am Geflügel groß ist. Wer davon letztlich am meisten profitiert, ist keine leicht zu beantwortende Frage. Britt H. Young verdichtet in ihrer Reportage über Hühnerzucht in Äthiopien auf anschauliche Weise, wie Neokolonialismus, Kapitalismus, urbane Start-up-Kultur und (vermeintlicher) Klimaschutz miteinander verwoben sind.

In Europa setzt man derweil auf Wasserstoff als Energieträger der Zukunft, um die Erderwärmung samt ihrer fatalen Folgen einzudämmen. Sebastian Kurz will Österreich gar zur »Wasserstoffnation Nummer eins« machen. Dass es neben grünem, blauem und grauem Wasserstoff nun auch türkisen gibt – dieser entsteht durch thermische Spaltung von Methan – dürfte also gut ins Konzept passen. Weshalb Kurz’ so freimütig erklärtes Ziel dennoch in weiter Ferne liegt, erläutert Johanna Bürger (Seite 26). 

Zwei historische Ereignisse aus dem langen 19. Jahrhundert wollen in dieser Ausgabe auch erinnert werden. Zum einen ist da der Griechische Unabhängigkeitskrieg, welcher vor 200 Jahren begann und in dem bis heute vorherrschende Ideologien in der Gestalt von einem, so Richard Schuberth, »Pandämonium griechisch-europäischer Widersprüche« in Erscheinung traten (Seite 42). Und schließlich jährt sich die Pariser Kommune in diesem Monat zum 150. Mal. Wolfgang Häusler rekonstruiert ab Seite 46, wie »der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft« (Karl Marx) entstand, verging und bis heute fortwirkt.