N°9POLITIK | 30.08.20

Rabls Blaupause

Seit fünf Jahren regiert in Wels die FPÖ. Bürgermeister Andreas Rabl gestaltet die Stadt um, geht dabei aber vorsichtiger als viele seiner Parteikollegen vor. Von einer sanierten Innenstadt, einer SPÖ am Abgrund und einem Funken Hoffnung.

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Von Moritz Ablinger
Fotografie: Christopher Glanzl

Spaziert man durch Wels, tut man sich schwer, die freiheitliche Handschrift zu erkennen. In der Innenstadt herrscht reges Treiben, die Fußgängerzone, die die zwei zentralen Plätze der Stadt miteinander verbindet, ist gut besucht. Etwas außerhalb des Zentrums tummeln sich in den zwei Institutionen der alternativen Kulturszene, dem Alten Schlachthof und dem Medienkulturhaus, dutzende Jugendliche. Im Schlachthof hat erst im Juni ein neuer Gastgarten aufgemacht. Daneben, noch am Gelände des Veranstaltungszentrums, skaten Teenager, die Wände sind fast überall mit Graffitis bemalt. Gerade geht hier ein Streetart-Festival über die Bühne, über 100 Künstlerinnen und Künstler aus ganz Europa sind dafür gekommen.

Seit fünf Jahren ist der Freiheitliche Andreas Rabl in Wels Bürgermeister. Die Stadt hat knapp über 60.000 Einwohner, sie ist die achtgrößte in Österreich. Keine andere Stadt mit mehr als 15.000 Einwohnern hat einen blauen Chef. Bei den Gemeinderatswahlen 2015 erhielt die FPÖ 43,1 Prozent der Stimmen, die Stichwahl um das Amt des Bürgermeisters gewann Rabl mit über 60 Prozent. Seither regiert er in einer Koalition mit der ÖVP. Rabl gelang es, der erste Welser Bürgermeister der Nachkriegsgeschichte zu werden, den nicht die SPÖ stellt. Er ist alleine damit zu einer der prominentesten Figuren der FPÖ in Oberösterreich aufgestiegen. Doch auch seine Arbeit hinterlässt Spuren: Denn der erste Eindruck täuscht, in der Stadt hat sich seit 2014 sehr viel getan. Während die Innenstadt floriert, kämpft der politische Widerstand gegen den Bürgermeister gegen die Bedeutungslosigkeit und die freie Szene ums Geld. Rabl sitzt, ein Jahr vor einer möglichen Wiederwahl, fest im Sattel.

Der Erfolg der Freiheitlichen in Wels ist kein Zufall, sondern hat in der zweitgrößten Stadt Oberösterreichs Tradition. Bereits in der Ersten Republik bekam die Großdeutsche Volkspartei hier bis zu 30 Prozent, nach dem Krieg war der Welser Ableger der Verband der Unabhängigen (VdU), dessen Nachfolgepartei die FPÖ ist, ähnlich stark. Die Geschichte spiegelt sich auch in Rabls Biografie wider. Sein Großvater war Burschenschafter und bereits in den 1920er Jahren Mitglied der NSDAP. Nach dem Krieg wurde er einer der Mitgründer des VdU, später Bundesrat für die FPÖ. Andreas Rabl hat in Wien studiert, kehrte nach Wels zurück und machte in der FPÖ Karriere.


In der Welser Innenstadt herrscht reges Treiben, die Fußgängerzone, die die zwei zentralen Plätze der Stadt miteinander verbindet, ist gut besucht.

Doch Rabl gehört nicht zu den extrem Rechten in der Partei. Der studierte Jurist, der bis zu seiner Amtsübernahme als Partner in einer der größten Kanzleien der Stadt als Rechtsanwalt arbeitete, war nie Burschenschafter. Schon vor Ibiza ging er immer wieder zur Bundespartei auf Distanz. Als Jörg Haider 2004 das BZÖ gründete, ging auch der damalige Gemeinderat Rabl mit und kehrte den Freiheitlichen vorerst den Rücken. Später schloss er sich der FP jedoch wieder an, zurzeit ist er Leiter der Reformgruppe, die den »Narrensaum«, wie Rabl selbst sagte, von der Partei fernhalten will. Ziel soll sein, aus den Freiheitlichen eine moderne, rechtskonservative Partei zu machen.

Doch den Großteil seiner Zeit verbringt Rabl nicht in der Reformgruppe, sondern in seinem Büro im zweiten Stock des Welser Rathauses. »Wir haben Wels verändert«, sagt er. Und: »In der Stadt tut sich wieder etwas.« Von seinen Fenstern aus schaut er auf den Stadtplatz, auf die gut besuchten Gastgärten und ein paar Zelte, in denen man im Rahmen der von der Stadt ausgerichteten »Kulinarikwochen« Lebensmittel aus ganz Europa als auch der umliegenden Region kaufen kann. 


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