5| POLITIK | 01.05.21

Renner und die Republiken 

Karl Renner fungierte nicht nur als Gründer der Republik im Jahr 1918, sondern auch als deren Wieder-Errichter im Jahr 1945. Die Ambivalenz seiner politischen Persönlichkeit lädt zu einer denkmalkundlichen Anschauung österreichischer Kompromisspolitik ein.

________________________

VON WOLFGANG HÄUSLER



Wolfgang Häusler, emeritierter Universitätsprofessor für Österreichische Geschichte in Wien, forscht zu Fragen der Revolution und Demokratie. In TAGEBUCH N° 12/1 erschien von ihm der Beitrag »Karl Renner: Realität und Mythos«.

Fotographie: Christopher Glanzl

Ostersonntag, 1. April 1945: Die Vorhut der Roten Armee ist im niederösterreichischen Gloggnitz einmarschiert. Noch tobt die Schlacht um Wien, der Krieg ist keineswegs zu Ende. Mit den Stationen Köttlach, Hochwolkersdorf und Schloss Eichbüchl wird Dr. Karl Renner, der zunächst für den Schutz der Zivilbevölkerung intervenierte, an höhere Kommandostellen der Dritten Ukrainischen Front weitergereicht; der Kontakt zu Stalin funktioniert rasch und gut. Renner leitet seinen persönlichen Brief an Generalissimus Stalin, datiert mit 15. April 1945, Wiener Neustadt, mit einem Rückblick ein: »Sehr geehrter Genosse! In der Frühzeit der Bewegung haben mich mit vielen russischen Vorkämpfern enge persönliche Verbindungen verknüpft, es war mir jedoch leider nicht vergönnt, Sie, werter Genosse Stalin, persönlich kennen zu lernen. Mit Lenin traf ich zuerst auf der Stockholmer Friedenskonferenz zusammen, mit Trotzki verkehrte ich durch die Jahre seines Wienaufenthalts ständig, mit Rjasanow arbeitete ich gemeinsam in der Wiener Arbeiter-Zeitung […] Daß die Zukunft des Landes dem Sozialismus gehört, ist unfraglich und bedarf keiner Betonung.« Dieses erstaunliche Schlüsseldokument zur Wiederherstellung der staatlichen Souveränität Österreichs war in seiner vorgetäuschten Naivität eine gezielte und erfolgreiche Chuzpe. Lenin hatte im Juni 1917 durchaus anderes vor, als die Stockholmer Konferenz zu besuchen, Trotzki, der Renner für das Gegenteil eines Revolutionärs hielt und einen Operettenkanzler nannte, war auf Stalins Befehl 1940 in Mexiko ermordet worden, und tragisch war das Schicksal von David B. Rjasanow, dem bedeutendsten Quellenforscher zum Werk von Marx und Engels, der von 1920 bis 1930 die Edition der Marx-Engels-Gesamtausgabe leitete. 1931 aus der Partei ausgeschlossen und nach Saratow verbannt, wurde Rjasanow als Opfer des Terrors Stalins am 21. Jänner 1938 erschossen, erst 1958 rehabilitiert. Diese Widersprüche überspielt die Inschrift des Gedenksteins für Karl Renner beim Schloss Eichbüchl: »Es war im Frühlingsatemwehen / Noch trug das Österreicherland / In Unfreiheit des Krieges Last / Da hat zu seinem Auferstehen / Karl Renner hier mit eigener Hand / Ein erstes Manifest verfasst […].«

Am 20. April war Renner in Wien, wurde in der Hietzinger Blaimschain-Fabrikantenvilla (Wenzgasse 2) komfortabel untergebracht, bildete in Besprechungen namentlich mit Theodor Körner, Leopold Kunschak, Johann Koplenig und Ernst Fischer seine provisorische Regierung aus den antifaschistischen Parteien SPÖ, ÖVP und KPÖ. Hier schrieb er die mit 27. April datierte Unabhängigkeitserklärung Österreichs nieder.

In seiner abgenützten alten Aktentasche, heute im Museum in Renners ehemaliger Villa in Gloggnitz gezeigt, hatte er alles griffbereit: I. Die Republik wird »im Geist der Verfassung von 1920« wiederhergestellt. II. »Der im Jahre 1938 dem österreichischen Volke aufgezwungene Anschluss ist null und nichtig.« III. »Eine provisorische Staatsregierung […] unter Teilnahme aller antifaschistischen Parteirichtungen« wird eingesetzt. IV. und V. Die dem Deutschen Reich geleisteten Gelöbnisse sind »nichtig und unverbindlich«, die Österreicher treten »in das staatsbürgerliche Pflicht- und Treueverhältnis zur Republik Österreich« ein. Angefügt waren im Sinn der Moskauer Deklaration die »Verantwortung für die Beteiligung am Kriege auf Seiten Hitler-Deutschlands« und »der eigene Beitrag zu seiner [Österreichs] Befreiung« mit der Feststellung, »daß dieser Beitrag angesichts der Entkräftung unseres Volkes und Entgüterung unseres Landes zu ihrem Bedauern nur bescheiden sein kann«.


WÖRTER: 2467

LESEZEIT : 12 MINUTEN

Lesen Sie diesen Artikel jetzt weiter: