N°12/1 | POLITIK | 01.12.21

Schamlos autoritär

Was Donald Trump, Viktor Orbán und Sebastian Kurz eint, ist der Wille, um jeden Preis an der Macht zu bleiben. Anmerkungen zu Natascha Strobls Radikalisierter Konservatismus.

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VON RUTH WODAK

Ruth Wodak ist emeritierte Professorin für angewandte Sprachwissenschaften an den Universitäten Wien und Lancaster. 2020 erschien ihr Buch Politik mit der Angst. Die schamlose Normalisierung rechtspopulistischer und rechtsextremer Diskurse in der Edition Konturen (besprochen in TAGEBUCH No 11/2021).  

Mit großer Neugier wandte ich mich dem kürzlich erschienenen Buch von Natascha Strobl zu. Denn viele Bekannte und Freundinnen hatten mich darauf angesprochen, dass sich Strobl in einem Interview mit dem Standard auf mich, meine Forschung und Methodologie als legitime Herangehensweise an die Analyse politischer Kommunikation berufen hatte. Ich fragte mich, ob die Autorin neue Daten analysiert, welche Argumentationen und diskursive Strategien mit alten oder neuen Inhalten dekonstruiert wurden, wo und wie sie den »diskurshistorischen Ansatz« der Wiener Schule anwendet und inwieweit der offensichtliche Rechtsruck vieler Parteien durch das Konzept des radikalisierten Konservatismus neue und bessere Erklärungen ermöglicht als die große Menge vorhandener Theorien zum Thema. 

Denn momentan geistern viele Begriffe herum, um ähnliche Phänomene zu erfassen – von »Polarisierung und Spaltung« (Walter Ötsch), »Autoritarismus« (Kim Lane Scheppele), »Mainstreaming« (Aurelien Mondon), »roher Bürgerlichkeit« (Wilhelm Heitmeyer), »(schamloser) Normalisierung« (Ruth Wodak) bis zu »digitalem Faschismus« (Maik Fielitz), »soft authoritarianism« (Shalini Randeria) und »digitaler Demagogie« (Christian Fuchs). In dieser Gemengelage überrascht die positive und manchmal auch kontroversielle Rezeption von Strobls populärwissenschaftlichem Buch nicht. Die Autorin trifft den »populistischen Zeitgeist« (Cas Mudde) punktgenau und rückt die Diskussion zur mehr oder weniger schleichenden Orbanisierung Österreichs in den Vordergrund. Im Gegensatz zu manchen wissenschaftlichen Analysen bietet sie einen gut verständlichen Einstieg in das komplexe Phänomen eines wachsenden Autoritarismus, wie er etwa in Österreich, Ungarn, Polen, der Türkei, in Brasilien und in Russland zu beobachten ist. Die historischen und soziopolitischen Kontexte sind natürlich jeweils verschieden, die Führerpersönlichkeiten ebenfalls. In den USA des ehemaligen Präsidenten Donald Trump treffen wir beispielsweise auf ein etwas anders gelagertes Phänomen – auf einen agitator, einen Demagogen. Schon Leo Löwenthal und Norbert Guterman haben den Typus des amerikanischen Agitators eingehend in ihrem Klassiker Prophets of Deceit (1949) beschrieben – und Donald Trump passt genau in dieses Bild.

In einer Zeit der Enthistorisierung und gleichzeitiger großer Veränderungen ist es notwendig, kurz und knapp historische Zusammenhänge herzustellen und vergessen Geglaubtes – etwa die »Konservative Revolution« und damit die Denktraditionen eines Oswald Spengler oder Carl Schmitt – wieder hervorzuholen. Hinweise auf den Einfluss von Karl Luegers antisemitischem Populismus wären eine passende Ergänzung zur Darstellung österreichischer Entwicklungen, in der Zwischenkriegszeit, vom Austrofaschismus bis zur Gegenwart, gewesen. 

Das erste Kapitel setzt sich zunächst mit der Ideologie des Konservatismus auseinander. Strobl diskutiert Ähnlichkeiten und Unterschiede zum Faschismus. Wichtig ist die Beschreibung der »Nouvelle Droite«, die in den 1960er Jahren in Frankreich aufkam und auf die sich die Identitäre Bewegung bezieht. Die Autorin behauptet einen Zusammenhang zwischen dem Diskurs der Identitären mit der »rohen Bürgerlichkeit« der türkisen ÖVP, eine durchaus spannende Hypothese. Das heißt in anderen Worten, dass konservative Parteien, wie die »Neue ÖVP« oder auch die britischen Tories, strategisch die Agenda und Begrifflichkeit der Identitären instrumentalisieren, um die Wähler der FPÖ oder der UKIP/Brexit-Party anzulocken. 


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