N°7/8POLITIK | 28.06.20

Soziologie als Politik 

Am 1. August wäre der französische Soziologe Pierre Bourdieu 90 Jahre alt geworden. Sein Denken hält nach wie vor zentrale Instrumente linker Gesellschaftstheorie und -kritik bereit.

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Von Jens Kastner
Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker und unterrichtet an der Akademie der bildenden Künste Wien. 2009 veröffentlichte er bei Turia + Kant Die ästhetische Disposition. Eine Einführung in die Kunsttheorie Pierre Bourdieus. Zuletzt ist von ihm Die Linke und die Kunst. Ein Überblick bei Unrast erschienen.


Vielleicht hat der Soziologe Franz Schultheis seinem Kollegen und Mitstreiter Pierre Bourdieu versehentlich einen Bärendienst erwiesen. Sein 2019 als Buch erschienener »Erfahrungsbericht« über die langjährige Zusammenarbeit mit dem Franzosen trägt den Titel Unternehmen Bourdieu. Die explizite Absicht, einen intellektuellen Netzwerker und engagierten Linken zu porträtieren, der »an vielen Fronten gleichzeitig kämpfte«, wurde durch die Benennung als ökonomische Organisationseinheit (»Unternehmen«) konterkariert. Depolitisierende Fehlinterpretationen von Bourdieus Schaffen ließen nicht lange auf sich warten. So interpretierte Andreas Reckwitz in seiner Besprechung von Schultheis’ Buch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Bourdieus Netzwerkaktivitäten als Vorläufer der Exzellenzcluster und Sonderforschungsbereiche an europäischen Universitäten.

Bourdieu, der Bildungsforscher und Kritiker der »Illusion der Chancengleichheit«, als Vorkämpfer einer Ökonomisierung des Bildungssystems? Deutlicher kann ein Missverständnis, in der akademischen Welt zumindest, kaum ausfallen. Als Bourdieu 2002 überraschend an Krebs gestorben war, hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung noch klarer gesehen. Zwei Tage nach seinem Tod berichtete die Zeitung, der »sozialkritische, weit links stehende Wissenschaftler« habe mit seinen politischen Stellungnahmen immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Bourdieu wird in dem kurzen Nachruf zugleich als »der bedeutendste Soziologe Frankreichs« und als »Vordenker der Globalisierungskritiker« bezeichnet. Mit beidem lag die Frankfurter Allgemeine Zeitung ebenso richtig wie mit der politischen Verortung »weit links stehend«.


Die Fotografien auf diesen Seiten wurden von Pierre Bourdieu in den Jahren 1957 bis 1961 in Algerien aufgenommen. Sie zeigen die Widersprüche und Brüche in dieser Gesellschaft von Entwurzelten. Das Fotoarchiv Pierre Bourdieus Images d’Algérie, 1957–1961 wird seit 2001 in enger Zusammenarbeit mit der 
Fondation Bourdieu kuratorisch und editorisch von Camera Austria (Graz) betreut.
1: Djebabra, Chlef. N 009 / 7 / P
2: Straßenhändler, Maison-Carrée, Algier. R 012
3: o. T. N 055 / 207
4: Blida. Titelbild des Buches Algérie 60. N 024 / 465 / P
WWW.CAMERA-AUSTRIA.AT/FOTOARCHIV-PIERRE-BOURDIEU


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