N°2POLITIK | 30.01.20

Was es bedeutet, Mensch zu sein

Seit 50 Jahren beschäftigt sich Silvia Federici mit Kämpfen von Frauen, reproduktiver Arbeit und Commons.In der Textsammlung Die Welt wieder verzaubern plädiert die feministische Theoretikerin für eine andere Vernunft jenseits der kapitalistischen Entwicklung. Ein Vorabdruck.

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VON SILVIA FEDERICI

Silvia Federici ist emeritierte Professorin für Politische Philosophie und International Studies am New College der Hofstra Universität in New York. Ende Februar erscheint ihr neues Buch Die Welt wieder verzaubern. Feminismus, Marxismus & Commons, dem dieser Text entnommen ist,
bei Mandelbaum.

Ein Jahrhundert ist vergangen, seit Max Weber in seinem Aufsatz Wissenschaft als Beruf schrieb, dass »das Schicksal unserer Zeit (…) die Entzauberung der Welt« sei, ein Phänomen, das er der Rationalisierung und Intellektualisierung moderner Formen gesellschaftlicher Organisation zuschrieb. Mit »Entzauberung« bezog sich Weber auf das Verschwinden des Religiösen und des Sakralen. Wir können seine Warnung aber politischer interpretieren, indem wir sie auf eine Welt beziehen, in der unsere Fähigkeit, eine andere Logik als die der kapitalistischen Entwicklung zu erkennen, jeden Tag stärker in Frage gestellt wird. Diese Unfähigkeit hat viele Ursachen, die uns davon abhalten, das Elend, das wir tagein, tagaus erleben, in eine transformative Praxis zu verwandeln. Die globale Umstrukturierung der Produktion demontierte die Communities der Arbeiterklasse und vertiefte die Spaltungen, die der Kapitalismus im Weltproletariat anrichtet. Was uns aber ebenso daran hindert, unser Leiden für die Schaffung von Alternativen zum Kapitalismus produktiv zu machen, sind die Verführungen der Technologie, die uns vorgaukeln, Kräfte zu verleihen, ohne die wir nicht leben könnten. Mit diesem Mythos möchte ich aufräumen. Das bedeutet keinesfalls, dass ich blind auf die Technologie losgehen werde und mich nach der (unmöglichen) Rückkehr in ein primitivistisches Paradies sehne. Ich will vielmehr herausarbeiten, welchen Preis wir für die technologischen Innovationen, die uns verzaubern, bezahlen müssen, und vor allem das Wissen und die Macht in Erinnerung rufen, die durch die Produktion und Anwendung dieser Technologie verloren gingen. Es geht darum, eine andere Vernunft und eine andere Logik als die der kapitalistischen Entwicklung zu entdecken. Das meine ich, wenn ich von der »Wiederverzauberung der Welt« spreche, die meiner Meinung nach für den Großteil der anti-systemischen Bewegungen von zentraler Bedeutung und eine Voraussetzung für den Widerstand gegen Ausbeutung ist. Wenn wir nur das kennen und uns nur danach sehnen, was der Kapitalismus produzierte, dann ist jede Hoffnung auf wirkliche Veränderung zum Scheitern verurteilt. Gesellschaften, die nicht bereit sind, die Verwendung industrieller Technologien zu reduzieren, müssen sich auf


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ökologische Katastrophen, den Wettbewerb um knapper werdende Ressourcen und ein zunehmendes Gefühl der Verzweiflung hinsichtlich der Zukunft des Planeten und der Bedeutung unserer Anwesenheit auf diesem einstellen. In diesem Zusammenhang sind Kämpfe, die darauf abzielen, die Welt wieder weniger urban zu machen, beispielsweise durch die Wiederaneignung von Land, die Befreiung der Flüsse von Staudämmen, den Widerstand gegen die Entwaldung und, ganz entscheidend, die Neubewertung der reproduktiven Arbeit entscheidend für unser Überleben. Das ist nicht nur die Voraussetzung für unser physisches Überleben, sondern auch eine Bedingung für die »Wiederverzauberung« der Welt, weil diese Kämpfe das wieder zusammenfügen, was der Kapitalismus voneinander getrennt hat: unsere Beziehungen zur Natur, zu anderen Menschen und zu unserem eigenen Körper, wodurch wir in die Lage versetzt werden, nicht nur der Anziehungskraft des Kapitalismus zu entkommen, sondern in unserem Leben wieder ein Gefühl der Ganzheitlichkeit zu erlangen.

Ausgehend von diesen Prämissen behaupte ich, dass die Verlockungen, die Technologien auf uns ausüben, eine Folge der ökonomischen, ökologischen und kulturellen Verarmung sind, die fünf Jahrhunderte kapitalistischer Entwicklung in unserem Leben hervorbrachten, sogar – oder vor allem – in den Ländern, wo er sich am weitesten entwickelte. Diese Verarmung hat viele Seiten. Der Kapitalismus schuf beileibe nicht, wie Marx es sich vorstellte, die materiellen Voraussetzungen für den Übergang zum Kommunismus, sondern erzeugte weltweit Mangel. Die Tätigkeiten, die unseren Körper und unseren Geist nach der Vernutzung im Arbeitsprozess wiederherstellen, wurden entwertet, und die Erde wurde derart überbeansprucht, dass sie zunehmend nicht mehr in der Lage ist, für unser Auskommen zu sorgen. Marx beschrieb das im Hinblick auf die Landwirtschaft: »Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, (…) Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergrabt: die Erde und den Arbeiter.«

Der deutsche Soziologe Otto Ullrich meint, dass der Mythos von der Wohlstand schaffenden Technologie nur aufrecht erhalten werden könne, weil die wahren Kosten in Zeit und Raum verschoben würden und wir nicht in der Lage seien, das Leid zu sehen, das durch die tägliche Verwendung technischer Geräte verursacht wird. In Wirklichkeit wissen wir heute, dass die kapitalistische Anwendung von Wissenschaft und Technologie in der Produktion im Hinblick auf das menschliche Leben und das Ökosystem derart kostspielig ist, dass sie, würde sie verallgemeinert, die Erde zerstören würde.

Es gibt noch eine andere Form der Verarmung, die zwar weniger sichtbar, aber um nichts weniger verheerend ist und von der marxistischen Tradition weitgehend ignoriert wurde. Das ist der Verlust, den wir durch eine lange Geschichte kapitalistischer Angriffe auf unsere Autonomie hinnehmen mussten. Damit meine ich das Geflecht von Bedürfnissen, Wünschen und Fähigkeiten, das sich durch die evolutionäre Entwicklung im Laufe von Millionen Jahren in einem engen Kontakt zur Natur niederschlug und eine der wichtigsten Quellen unseres Widerstands gegen die Ausbeutung darstellt. Ich meine damit unser Bedürfnis nach Sonne, Wind und Sternen, das Bedürfnis, einander zu berühren, zu riechen, miteinander zu schlafen, einander zu lieben und uns in der freien Natur aufzuhalten, anstatt von Mauern umgeben zu sein. 

Auch die wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen stammen aus vorkapitalistischen Gesellschaften, in denen das Leben der Menschen auf allen Ebenen von der täglichen Interaktion mit der Natur geprägt war. Die amerikanischen Ureinwohner entwickelten die Kulturpflanzen, die heute die Welt ernähren, mit einer Meisterschaft, an die keine der landwirtschaftlichen Innovationen der letzten fünfhundert Jahre herankommt, und die eine Fülle und Vielfalt hervorbrachte, mit der keine landwirtschaftliche Revolution mithalten konnte. Ich erwähne diesen wenig bekannten und selten bedachten Teil der Geschichte, um auf diese umfassende Verarmung hinzuweisen, die wir im Zuge der kapitalistischen Entwicklung erlebten und die keine Technologie kompensieren konnte. Parallel zur Geschichte der technologischen Innovationen des Kapitalismus lässt sich eine Geschichte darüber schreiben, wie unsere vorkapitalistischen Kenntnisse und Fähigkeiten verloren gingen, die aber das Fundament für die Ausbeutung unserer Arbeitskraft im Kapitalismus bildeten. Die Fähigkeit, die fünf Elemente zu verstehen, die heilende Wirkung von Pflanzen und Blumen, sich von der Erde zu ernähren, in den Wäldern zu leben, sich von Sternen und Winden zu Land und zu Wasser leiten zu lassen, war und ist eine Quelle der »Autonomie«, die zerstört werden musste.

An dieser Stelle ist es wichtig, daran zu erinnern, dass Technologien keine neutralen Apparate sind, sondern ganz bestimmte Beziehungssysteme, soziale und physische Infrastrukturen, die disziplinarische und kognitive Regime beinhalten, welche die kreativsten Aspekte der lebendigen Arbeit, die im Produktionsprozess vernutzt wird, aufgreifen und sich einverleiben. Das ist bei digitalen Technologien nicht weniger der Fall. Nichtsdestotrotz ist es schwierig, uns vom Gedanken zu verabschieden, dass die Einführung des Computers der Menschheit zum Vorteil gereicht, dass er den Umfang der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit verringert und unseren gesellschaftlichen Reichtum gesteigert hätte und unsere Fähigkeit zur Kooperation gestärkt worden wäre. Bis dato legt sich über die Darstellung der Computerisierung ein langer Schatten einer optimistischen Sicht auf die Informationsrevolution und die Wissensgesellschaft. 

Die Computerisierung steigerte auch die militärischen Potentiale der Kapitalistenklasse und die Möglichkeiten, unsere Arbeit und unser Leben zu überwachen. Angesichts dessen verblassen die Vorteile, die wir aus der Verwendung von Computern ziehen. Am wichtigsten ist aber, dass die Computerisierung weder die Arbeitszeit reduzierte, wie es alle technizistischen Utopien seit den 1950er-Jahren versprachen, noch die Belastungen durch körperliche Arbeit verringert wurden. Wir arbeiten heute mehr denn je. 

Die Computerisierung vollendet die Abstraktion und Reglementierung der Arbeit, sowie die Entfremdung und Entgesellschaftlichung. Der Stress, den die digitale Arbeit verursacht, kann an der geradezu epidemischen Ausbreitung von psychischen Erkrankungen gemessen werden. Depressionen, Panik- und Angstzustände, Aufmerksamkeitsstörungen und Legasthenie sind heute in den technologisch am weitesten entwickelten Ländern wie den USA zur Normalität geworden, wobei diese Epidemien auch als Form passiven Widerstands gelesen werden können, als Weigerung sich zu fügen, einer Maschine gleich zu werden und sich die Pläne des Kapitals zu eigen zu machen. 

Die Computerisierung leistet also einen großen Beitrag zum allgegenwärtigen Elend und bringt uns Julian de La Mettries Idee von der »Mensch-Maschine« näher. Hinter der Illusion der totalen Vernetzung entstanden Formen der Isolation, der Trennung und der Spaltung. Dank des Computers arbeiten heute Millionen von uns zu Bedingungen, in denen jeder Schritt überwacht, registriert und gegebenenfalls bestraft wird. Soziale Beziehungen sind zerbrochen, weil wir die Zeit vor unseren Bildschirmen verbringen und die Freude an direktem körperlichen Kontakt und persönlichen Gesprächen verlieren. Die Kommunikation ist oberflächlicher geworden, und uns wird auch mehr und mehr bewusst, dass das Tempo, an das uns die Computer gewöhnen, in unserem täglichen Umgang mit anderen Menschen Ungeduld erzeugt, weil sie mit der Geschwindigkeit der Maschine nicht mithalten können. 

All diese Überlegungen stehen im Widerspruch zur Behauptung, dass die digitalen Technologien unsere Autonomie erweiterten und dass diejenigen, die dort arbeiteten, wo die technologische Entwicklung am weitesten fortgeschritten sei, am besten in der Lage wären, revolutionäre Veränderungen voranzutreiben. In Wirklichkeit sind die Weltgegenden, die, aus einer kapitalistischen Perspektive betrachtet, technologisch am wenigsten weit fortgeschritten sind, jene Regionen, wo der politische Kampf am intensivsten und die Zuversicht, die Welt verändern zu können, viel größer ist. Ein Beispiel dafür sind die autonomen Räume, die von Bäuerinnen und Indigenen in Südamerika geschaffen wurden und die sich trotz jahrhundertelanger Kolonialisierung gemeinschaftliche Formen der Reproduktion erhalten haben.

Die materiellen Grundlagen dieser Welt werden heute wie nie zuvor angegriffen und sind das Ziel eines permanenten Prozesses der Einhegung, der von Bergbau-, Agrar- und Biokraftstoffunternehmen betrieben wird. Angesichts dessen, dass sogar die angeblich »fortschrittlichen« Regierungen Lateinamerikas nicht in der Lage sind, die Logik des Extraktivismus zu überwinden, sehen wir, wie tiefgehend das Problem ist. Der gegenwärtige Angriff auf Land und Wasser wird zudem durch einen nicht weniger verheerenden Versuch der Weltbank und einer ganzen Reihe von NGOs verschlimmert, die jedwede Subsistenz durch (Mikro-)Kredite der Geldform zu unterwerfen suchen. Aber trotz dieses Angriffs ist diese Welt, die von einigen als »rurban« bezeichnet wird, um ihre gleichzeitige Verbundenheit mit der Stadt und dem Land zu betonen, nicht totzukriegen. Man sieht das an der steigenden Zahl von Bewegungen, die Land besetzen, an den Kriegen um das Wasser und am Fortbestehen solidarischer Praxen. Ganz im Gegensatz zur Behauptung der Weltbank, ist die Figur des Bauers und der Bäuerin – auf dem Land oder in der Stadt – eine soziale Kategorie, die noch lange nicht für den Mülleimer der Geschichte bestimmt ist. Einige sprechen in diesem Zusammenhang von einer neuerlichen »Verbäuerlichung«, denn die Kämpfe gegen die Privatisierung des Landes und für seine Wiederaneignung, gehören wohl zu den maßgeblichen und mit Sicherheit am härtesten geführten Kämpfen der Gegenwart. Von den Bergen Chiapas’ zu den Ebenen Bangladeschs wurden diese Kämpfe häufig von Frauen angeführt. Sie spielen in allen Bewegungen, die Land zurückfordern und es besetzen, eine Schlüsselrolle. 

Was wir also erleben, ist eine »Umwertung« politischer und kultureller Werte. Während beim marxistischen Weg zur Revolution die Fabrikarbeiter an der Spitze marschierten, begreifen wir langsam, dass die neuen Paradigmen von denjenigen kommen könnten, die weltweit auf den Feldern, in den Küchen und in den Fischerdörfern dafür kämpfen, ihre Reproduktion vom Zugriff mächtiger Unternehmen zu befreien und unseren gemeinsamen Reichtum zu bewahren. Auch in den Industrieländern suchen immer mehr Menschen nach Alternativen zu einem Leben, das von der Arbeit und dem Markt bestimmt wird, weil die Arbeit unter diesen prekären Bedingungen nicht mehr identitätsstiftend sein kann und sie das Bedürfnis haben, kreativer zu sein. In diesem Sinne folgen die Kämpfe der Arbeiter und Arbeiterinnen heute einem anderen Muster als die traditionellen Streiks, und sie spiegeln die Suche nach neuen Protestformen und anderen Beziehungen zwischen Menschen sowie zwischen Mensch und Natur wider. Wir sehen dasselbe Phänomen in der Zunahme von Praktiken des Commoning und bei androgynen Varianten der Geschlechtsidentität, der Entstehung transsexueller und intersexueller Bewegungen und der queeren Ablehnung des Geschlechts und damit implizit auch der Ablehnung der geschlechtlichen Arbeitsteilung. Diese Phänomene sind nicht nur ein Hinweis auf den Zusammenbruch der Disziplinarmechanismen, sondern auch Ausdruck eines tiefen Verlangens, unser Menschsein anders zu gestalten, als es uns die Disziplin des Kapitalismus über Jahrhunderte aufzwingen wollte.

Die Kämpfe von Frauen auf dem Terrain der reproduktiven Arbeit spielen bei der Schaffung dieser »Alternative« eine entscheidende Rolle, denn diese Arbeit, ob es nun um Subsistenzlandwirtschaft, Bildung oder Kindererziehung geht, hat etwas Einzigartiges, weil sie besonders geeignet ist, kooperativere gesellschaftliche Beziehungen entstehen zu lassen. Menschen hervorzubringen oder Lebensmittel für unseren Mittagstisch herzustellen, ist eine qualitativ andere Erfahrung als die Produktion von Autos. Die Versuche, reproduktive Arbeit in die Parameter industrialisierter Arbeitsorganisation zu zwingen, haben hingegen überaus schädliche Folgen, wenn man sich beispielsweise ansieht, welche Folgen die Industrialisierung der Geburt hatte, die aus einem zumeist zauberhaften Ereignis eine entfremdete und beängstigende Erfahrung machte. 

Auf unterschiedliche Weise erhaschen wir in den neuen Sozialen Bewegungen einen flüchtigen Blick auf die Entstehung einer anderen Vernunft, die nicht nur im Widerspruch zur sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeit steht, sondern uns wieder mit der Natur verbindet und eine andere Vorstellung davon bietet, was es bedeutet, Mensch zu sein. Diese neue Kultur ist nur am fernen Horizont erkennbar, noch hat die kapitalistische Logik unsere Subjektivität fest im Griff.

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