N°2POLITIK | 01.02.21

Wer die Butter hat 

Im niederösterreichischen Gramatneusiedl hat das Arbeitsmarktservice (AMS) das »Modellprojekt Arbeitsplatzgarantie Marienthal« (MAGMA) angesiedelt. Es ist ein beispielloses Vorhaben auf historischem Boden.

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VON ANNA-ELISABETH MAYER

FOTOGRAFIE: CHRISTOPHER GLANZL

Anna-Elisabeth Mayer lebt und arbeitet als Schriftstellerin in Wien, zuletzt erschien von ihr Am Himmel (Schöffling & Co, 2017).


Eine der schauerlichsten Folgen der Arbeitslosigkeit ist wohl die, dass die Arbeit als Gnade vergeben wird. Es ist wie im Krieg: wer die Butter hat, wird frech.

Kurt Tucholsky

An dem ehemaligen Arbeiterwohnhaus Hauptstraße 52 ist auf einer Gedenktafel zu lesen: »Wir haben als Wissenschaftler den Boden Marienthals betreten: wir haben ihn verlassen mit dem einen Wunsch, dass die tragische Chance solchen Experiments bald von unserer Zeit genommen werde.« Es ist der letzte Satz aus der Studie Die Arbeitslosen von Marienthal. Angebracht wurde das Zitat in Erinnerung an die 2001 im Exil verstorbene Sozialpsychologin und Soziologin Marie Jahoda, maßgebliche Autorin der Studie, die als Markstein der empirischen Sozialforschung gilt, heute ein sozial- und kulturwissenschaftlicher Klassiker. 

Das ehemalige Arbeiterwohnhaus Hauptstraße 52 liegt in Marienthal, einem Ort, der auf keiner Karte zu finden ist. Denn es war der Name für eine Arbeitersiedlung, die rund um die Textilfabrik Marienthal entstanden war. Das Fabrikdorf mit einem großen Anteil einer aus Böhmen und Mähren eingewanderten Textilarbeiterschaft lag damals zwischen Gramatneusiedl und Neu-Reisenberg. 

Im niederösterreichischen Gramatneusiedl, gut 30 Kilometer südöstlich von Wien, steigt man auch heute aus, will man das Museum Marienthal besuchen. Von der ehemaligen Fabrik und Arbeiterkolonie ist nicht mehr viel übrig. Und doch beginnt man die Welt von Marienthal zu verstehen, wenn man die Hauptstraße mit den revitalisierten Arbeiterwohnhäusern rechts und links entlanggeht. Biegt man ab und blickt hinter eines der früheren Wohngebäude, entdeckt man die Höfe zwischen den Schuppen und den Pawlatschen, den offenen Gängen der Hofseite. Man kann sich vorstellen, wie hier das Leben der Arbeiter pulsierte: Stimmengewirr, Abzählreime, Hundegebell ins Lachen, ein Lied wird gepfiffen, Eimer zu den Brunnen getragen, die zwischen den Wohnhäusern liegen. Ihr dunkelgrüner Lack glänzt in der Wintersonne. 

Zurück an der Straßenseite gelangt man zu dem originalgetreu wiederaufgebauten Gebäude des ehemaligen Consum-Vereins. Es wirkt klein, selbst die apfelgrüne Plastikrutsche im Vergleich unverhältnismäßig groß und die modernen Wohnbauten dicht dahinter: Von den oberen Balkonen sieht man einfach darüber hinweg. Ein Gebäude, das ein Schlüsselloch ist. Das Schlüsselloch in die Marienthal-Zeit. 


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