6 | POLITIK | 01.06.21

»Wie heißt dieser, unser Krieg?«

Sanja Bojanić leitet das Center for Advanced Studies of Southeastern Europe (CAS-SEE) in Rijeka. Ein Gespräch über die Lage in Kroatien dreißig Jahre nach dem Systemwechsel, konservative Girlboss-Politikerinnen und die zerstörerische Kraft des Tourismus.

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OLJA ALVIR IM GESPRÄCH MIT SANJA BOJANIĆ 

Das Gespräch mit Sanja Bojanić führte die Journalistin und Autorin Olja Alvir.



Olja Alvir | Das Institut, das Sie an der Universität Rijeka leiten, trägt »Südosteuropa« im Namen. Nun gewinnt in den letzten Jahren der Begriff »Westbalkan« gegenüber »Südosteuropa« diskursiv an Land. Wo dieser »Westbalkan« aber genau sein soll, ist nicht klar. Und ob Kroatien dazugehört oder nicht, hängt davon ab, wen man fragt. Wo also ist dieser Westbalkan und wo der implizierte »Restbalkan«?

Sanja Bojanić | Das hängt nicht nur davon ab, wen, sondern auch, wann wir fragen. Die Antwort erfolgt je nachdem, wohin man in diesem Moment orientiert ist, wohin man schaut. Unlängst gab es in Kroatien ja Präsidentschaftswahlen, bei denen sich die Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović der Wiederwahl gestellt und verloren hat. Ihre konservativ-nationalistische Politik und Orientierung waren klar, und es war deutlich, in welche Richtung sie blickt. Unter Grabar-Kitarović bewegte sich Kroatien in den letzten Jahren entlang der Višegrader Achse. Es wurde – auf eine erzwungene und künstliche Art und Weise – versucht, eine gemeinsame Region von Polen über Ungarn bis nach Kroatien zu schaffen und auf dieser Grundlage eine gemeinsame Politik nationalistischen Charakters zu machen. Während Grabar-Kitarović’ Zeit war »Südosteuropa« ein Schimpfwort. Der Tenor war: Kroatien kann so etwas wie Südosteuropa nicht angehören. Das konservative Kroatien hat sich in Mitteleuropa verortet, wollte sein Kern, sein Herz sein.

OA | Ändert sich daran etwas, nachdem Grabar-Kitarović die Wahl verloren hat?

SB | Der neue Präsident Kroatiens, Zoran Milanović, trägt das Erbe einer links der Mitte stehenden, progressiven sozialdemokratischen Politik. Die Rhetorik, die ihm zum Gewinn verholfen hat, war konfus und widersprüchlich, aber eine, die Kroatien als sozialdemokratisches Land präsentiert, das zugleich ein starkes Nationalbewusstsein hat. Auch hier gab es eine klare Abgrenzung vom »Rest«, vom anderen Teil des Balkans, dessen Benennung ich absichtlich offenlassen möchte. Milanović löst aufgrund seines impulsiven Auftretens und seiner kontroversen Kommunikationsweise quer durch das politische Spektrum heftige Reaktionen aus. Mit dem konservativen Premierminister Andrej Plenković lebt er quasi in einer dysfunktionalen Ehe. Es ist eine Partnerschaft, bei der selbst grundlegendste Verständigung und banale Abmachungen nicht möglich sind. Es gibt ständig Reibereien zwischen Premier und Staatsoberhaupt, die auch theatralisiert und inszeniert werden, was eine klarere Verortung Kroatiens weiterhin verkompliziert, vielleicht sogar unmöglich macht.

OA | Hinsichtlich seiner Geopolitik ist Kroatien – als eine Art unbestimmter Ort – ein vor sich hin treibendes Archipel, mal da und mal dorthin geschwemmt, je nachdem, wer sich gerade um das Steuer streitet. Bleiben wir kurz bei diesem Selbstbild: Ein dominantes und von der Regierung gefördertes Narrativ ist, dass Kroatien im Krieg der 1990er Jahre Opfer »großserbischer Aggression« wurde und sich dann heldenhaft und tapfer »die Unabhängigkeit erkämpft hat«.

SB | Die Problematik fängt, wie Sie ganz richtig andeuten, ja schon mit der Bezeichnung des Krieges an. Wie heißt dieser, unser Krieg? War es ein »Bürgerkrieg« oder ein »Vaterländischer Krieg«?

OA | Jugoslawienkrieg? Balkankrieg? Um nicht zu sagen – Westbalkankrieg?

SB | In der Auseinandersetzung um ihre Benennung werden einstige Kriege und Spaltungen fortgeführt. Diese Kriege und Spaltungen von einst reichen viel weiter zurück als bis in die 1990er Jahre. Unlängst, bei der Gedenkfeier für die im Konzentrationslager Jasenovac Ermordeten, gab es unterschiedliche Kolonnen und ein getrenntes Gedenken. Man kann sich also nicht einmal auf ein gemeinsames Gedenken an die Holocaust-Opfer einigen. Und das sind nur die Spitzen der Eisberge ungeklärter und umstrittener gesellschaftlicher Fragen in Kroatien.


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