N°4REZENSIONEN | 27.03.20

Archäologie des Aufruhrs

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Von Sabine Fuchs

Éric Vuillard
Der Krieg der Armen
Aus dem Französischen von Nicola Denis
Matthes & Seitz, 2020, 68 Seiten
EUR 16,50 (AT), EUR 16,00 (DE), CHF 21,50 (CH)

Der in Frankreich aus Anlass der Proteste der Gilets jaunes veröffentlichte Text La Guerre des Pauvres von Éric Vuillard ist nun unter dem Titel Der Krieg der Armen auf Deutsch erschienen. Vordergründig sind die Bauernkriege des 16. Jahrhunderts das Thema des schmalen Bands, aber Vuillard geht es um mehr.

Der Beginn des Kolonialismus durch die europäische Eroberung Südamerikas, die koloniale Aufteilung Afrikas auf der Berliner Kongokonferenz, die Ausbeutung und Demütigung der nordamerikanischen First Nations, der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus, die Französische Revolution – all dies hat der im Mai 1968 geborene Sohn eines politisch links engagierten Arztes schon zum Thema seiner Bücher gemacht. Die Vorgangsweise ist dabei immer gleich: Am Anfang steht die akribische historische Recherche, die Umsetzung folgt aber einer literarischen, nicht einer geschichtswissenschaftlichen Logik – die Sprache ist poetisch, Quellenangaben und Literaturhinweise lässt Vuillard weg. Sie beschädigen seiner Meinung nach die Zugänglichkeit seiner Texte, die im Französischen meist die Bezeichnung récit tragen, was sowohl als »Bericht« als auch als »Erzählung« übersetzt werden kann und das Changieren zwischen dokumentarischem und literarischem Zugang noch einmal deutlich macht.

Die grundsätzliche Botschaft hinter den Werken ist klar: Menschen werden ausgebeutet und unterdrückt, und wenn der Druck zu groß wird wehren sie sich – oft blindlings, ohne Logik, ohne Strategie, aber auch ohne Angst, denn schlimmer kann es nicht werden. Im Gegensatz zu dem im Vorjahr erschienenen 14. Juli, in dem das Volk selbst kollektiver Held ist, hat Der Krieg der Armen mit Thomas Müntzer eine individuelle Hauptfigur. Vuillard hatte den Text schon länger in der Schublade, als im November 2018 die Proteste der Gilets jaunes ausbrachen; die Bauernkriege schienen ihm gut zum Aufstand der vernachlässigten und verarmten französischen Landbevölkerung zu passen. 

Dabei ist Vuillard nicht der erste bedeutende Autor, der das Thema politisch deutet. Ernst Bloch hat 1921 mit dem Essay Thomas Müntzer als Theologe der Revolution versucht, die Positionen Müntzers in die Gegenwart der Zwischenkriegszeit zu holen, Friedrich Engels in Der deutsche Bauernkrieg die politisch-ökonomischen Analogien zur verlorenen 1848er Revolution herausgearbeitet, dabei aber auch den zu seiner Zeit entstandenen proletarischen Internationalismus als Zukunftshoffnung herausgestrichen.

Die Hoffnung als vager Lichtschein am Ende des Tunnels taucht bei Vuillard erst ganz am Schluss auf, sein Tonfall ist durchgehend düster. Er beginnt mit der Hinrichtung von Müntzers Vater und endet mit dessen eigener Folterung und Enthauptung nach der vernichtenden Niederlage der Aufständischen in der Schlacht von Frankenhausen. Dazwischen steht ein Leben voll Elend, Hunger und Unterdrückung und die vergebliche Hoffnung auf den Erfolg der Revolte, zusammengefasst auf 68 knappen Seiten.

Das auch mentalitätsgeschichtlich breite Panorama, das Vuillard in 14. Juli ausbreitet, erreicht Der Krieg der Armen nicht. Dafür schließt das Buch mit einem hinreißenden Satz: »Das Martyrium ist eine Falle für alle, die unterdrückt werden, wünschenswert ist nur der Sieg. Ich werde von ihm erzählen.«

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