N6° | REZENSIONEN | 01.06.2021

Astralleiber im Zwielicht

___________________

Von Andrea Heinz



Rosmarie Waldrop

Pippins Tochters Taschentuch

Aus dem Englischen von Ann Cotten

Suhrkamp, 2021, 265 Seiten

EUR 24,70 (AT), EUR 24,00 (DE), CHF 34,50 (CH)


»Nicht gerade ermutigend«, schrieb Rosmarie Waldrop über die Reaktionen auf ihren 1986 erschienen Roman Pippins Tochters Taschentuch. Die 1935 im fränkischen Kitzingen am Main geborene Waldrop, die in den 1950er Jahren mit ihrem Ehemann in die USA emigrierte und den Verlag Burning Deck Press gründete, ist vor allem als Lyrikerin bekannt. Wer, so schreibt Ann Cotten, in deren (großartiger!) Übersetzung der Roman nun bei Suhrkamp erschienen ist, »in den USA in irgendeiner Weise mit experimenteller Poetik beschäftigt ist, kommt an Rosmarie Waldrops Werk nicht vorbei«. Das wurde dem Buch vorgeworfen: Es sei kein richtiger Roman, sondern der »einer Lyrikerin«. Ein Fehlurteil – genau das, Waldrops ungemein feines, handwerklich avanciertes Gespür für Sprache, macht das Buch nicht nur zu einem Roman, sondern zu einem herausragenden noch dazu!

Pippins Tochters Taschentuch erzählt von der emotionalen Grausamkeit einer von Anfang an kaputten Beziehung, von Ehebruch und von einem toxischen psychischen und sozialen Klima, das letztlich das Erstarken des Nationalsozialismus in Deutschland mit ermöglichte. Die Pianistin Lucy Seifert versucht in Korrespondenz mit ihrer Schwester Andrea, die Geschichte der Eltern, aber auch die einer kollektiven Schuld aufzuarbeiten. Bereits zwei Monate nach der Hochzeit betrog Frederika Seifert ihren Mann Josef mit dessen Kriegskameraden Franz. Es sind die 1920er Jahre in Bayreuth (ausgerechnet!), und noch wird Franz’ jüdische Herkunft eher beiläufig notiert, wenn auch oft unter Verwendung des Adverbs »trotzdem«. Wer der Vater von Frederikas Zwillingen ist, von Andrea und Doria, wird die nachgeborene Lucy ebenso wenig klären können wie die Frage, wer Franz in den 1930ern auf Alimente verklagte oder wieso Josef sich der NSDAP zuwandte.


WÖRTER: 501

LESEZEIT : 3 MINUTEN

Lesen Sie diesen Artikel jetzt weiter: