12/1 | REZENSIONEN | 01.12.2021

Die Welt kann sich einen Stillstand leisten

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VON VANESSA RADEK

Adam Tooze
Welt im Lockdown
Die globale Krise und ihre Folgen
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
C. H. Beck, 2021, 408 Seiten
EUR 27,80 (AT), EUR 26,95 (DE), CHF 33,90 (CH)


Christian Lindner wäre als Finanzminister für Deutschland ungeeignet – wer wissen will, warum Adam Tooze gemeinsam mit dem Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz in einem im Oktober veröffentlichten Kommentar für die Zeit zu diesem Schluss gekommen ist, findet in Welt im Lockdown genügend Argumente. Toozes zentraler Gedanke ist, dass Austerität und fiskalische Disziplin keine Antworten auf die Polykrisen unserer Zeit sein können. Vielmehr habe die Corona-Krise gezeigt, dass sich große Teile der Welt einen Stillstand buchstäblich leisten können. Auch seien die milliardenschweren Hilfsprogramme der Regierungen, insbesondere in der EU und in den USA, die richtige Antwort auf die Herausforderungen der Pandemie gewesen. Damit führt Tooze den schon in seinem Finanzmarktkrisen-Buch Crashed formulierten Gedanken weiter, wonach die auf die Krise ab 2008 folgende Austeritätspolitik wirtschaftliche und politische Spannungen verschärft haben. Die Corona-Krise hat nun endlich jene wirtschaftspolitische Reaktion hervorgebracht, die bei der Bewältigung der Finanzmarktkrise 2008 fehlte.

Denn während 2008 »nur« die Notenbanken durch die geldpolitische Öffnung versuchten, die Krise abzufangen, habe seit 2020 das Tandem aus geld- und fiskalpolitischer Lockerung entscheidend zur bisherigen Bewältigung der wirtschaftspolitischen Folgen der Pandemie beigetragen. Die Leichtigkeit, mit der in dieser Krise neoliberale Dogmen über Bord geworfen wurden, sowie die steigende Bereitschaft zu Schuldenaufnahme, hohen budgetären Ausgaben, zu einer Quasi-Finanzierung des Staates durch die Notenbanken, zur Vergemeinschaftung der EU-Schulden, zu Niedrigzinsen et cetera weisen für Tooze Potenziale auf, die von einem neuen Gesellschaftsvertrag oder zumindest von einem Neustart zu sprechen erlauben. Gleichzeitig ist ihm jedoch bewusst, dass die außerordentlichen staatlichen Interventionen infolge der Pandemie auf tönernen Füßen stehen. Tooze deutet an, dass die Reaktionen auf die zwei Krisen lediglich Pflaster auf Wunden sind. Die dahinterliegenden, grundlegenderen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Missstände bleiben jedoch in dem ansonsten äußerst faktenreichen Buch zumeist ausgespart. Das ist schade, da Tooze selbst davon ausgeht, dass weitere schwere Krisen drohen (für die Klimakrise ist dies ja bereits evident). Überhaupt ist die einzige theoretische Bezugnahme, die Tooze für die politische Einordnung der gegenwärtigen Gesellschaft macht, die »Risikogesellschaft« von Ulrich Beck. Diese führt er selbst an mehrfacher Stelle ad absurdum, wenn er auf die sowohl wirtschaftlich wie gesundheitlich ungleiche Verteilung der Krisenfolgen hinweist. Auch wenn Tooze in seinen Texten immer wieder auch radikalere Denkhorizonte in den Blick nimmt (siehe dazu seinen Beitrag ab S. 26), bleibt in Welt in Lockdown eine spürbare analytische Lücke: Notfallbedingtes Ad-hoc-Krisenmanagement sei gefragt, auch wenn dies »nicht die Erhabenheit oder Ambition transformativer Politik« hat. Alle paar Jahre riesige fiskalische und geldpolitische Rettungspakete zu schnüren, kann jedoch kaum das erschöpfende Ziel fortschrittlicher Politik sein.