N°2REZENSIONEN | 01.02.21

Drei Leben in einem

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VON ERICH HACKL

Peter Porsch
WIEDER MAL ANSCHLUSS
Erinnerungen eines in der DDR lebenden Österreichers,
der sich mit Übernahmen auskennt
Verlag am Park, 2020, 140 Seiten
EUR 14,40 (AT), EUR 14,00 (DE),
CHF 20,50 (CH)

Peter Porsch, Jahrgang 1944, hat zwei Lebensabschnitte hinter sich gelassen und steht oder sitzt, biertrinkend, im dritten, der ihm wegen der oktroyierten einheitsdeutschen Staatsangehörigkeit zwar am wenigsten gefallen dürfte, aber gegenüber dem zweiten einige Vorteile hat: Professorenrente, Reise- und Devisenfreiheit, Zweitwohnsitz im schönen Ausland. Geboren und aufgewachsen in Wien, hatte Porsch sein dort begonnenes Germanistikstudium in Westberlin mit der Promotion abgeschlossen, ehe er sich 1973 in der DDR niederließ, wo er an der Universität Leipzig zum ordentlichen Professor für Marxistisch-leninistische Sprachtheorie und Sprachsoziologie berufen wurde. Von 1990 bis 2009 war er Landtagsabgeordneter, zeitweise auch Fraktionsvorsitzender und Spitzenkandidat der PDS bzw. Linkspartei in Sachsen. Gegen Behauptungen der Birthler-Behörde und Springer-Presse, er sei Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen, hat Porsch sich vor Gericht gewehrt. Seit seinem Rückzug aus der Parteipolitik ist er als Publizist tätig. Dass er kurzweilig und pointiert schreiben kann, beweisen seine autobiografischen Aufzeichnungen, denen man nicht mehr vorwerfen kann, als dass sie etwas knapp ausgefallen sind und nicht halten, was der Titel verspricht. Denn in ihnen ist weder vom Anschluss (Österreichs an das Deutsche Reich, der DDR an die BRD) noch von Übernahmen die Rede (der Volkseigenen Betriebe und Produktionsgenossenschaften durch Treuhand, Konzerne, ehemals enteignete Gutsbesitzer usw.). Der Etikettenschwindel ist nicht weiter schlimm; schließlich hat Porsch, wie er selbst anmerkt, in siebzehn Jahren DDR nicht nur das Lesen zwischen den Zeilen erlernt – er verstehe sich mittlerweile auch darauf, zwischen den Zeilen zu schreiben. Insofern ist sein Buch dann doch ergiebiger, als der geringe Umfang glauben macht.


WÖRTER: 495

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