N°4REZENSIONEN | 27.03.20

Ein Jahrhundertleben

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Von Marcel Bois

Mona Horncastle
Margarete Schütte-Lihotzky
Architektin. Widerstandskämpferin. 
Aktivistin
Molden, 2019, 304 Seiten
EUR 28,00 (AT), EUR 28,00 (DE), CHF 38,90 (CH)

Margarete Schütte-Lihotzky lebte ein Jahrhundertleben: Im Jahr 1897 in eine bürgerliche Wiener Familie geboren, studierte sie als eine der ersten Frauen Österreichs Architektur und arbeitete anschließend im Roten Wien, im Neuen Frankfurt und in der Sowjetunion. Stets war sie ein politischer Mensch, schloss sich erst der Sozialdemokratie und dann der KPÖ an. Wegen ihrer Widerstandstätigkeit verbrachte sie mehrere Jahre in nationalsozialistischen Gefängnissen. Später, im Wien des Kalten Krieges, wurde sie als Kommunistin beruflich ausgegrenzt. Sie verstärkte ihr politisches Engagement und war mehr als zwanzig Jahre lang Vorsitzende des KPÖ-nahen Bund Demokratischer Frauen. Erst in den 1980er Jahren entdeckte die Stadt Wien ihre berühmte Tochter wieder und überhäufte sie mit Auszeichnungen. Bis zu ihrem Tod im Jänner 2000 trat die Architektin als mahnende Zeitzeugin auf.

Zwanzig Jahre später ist nun eine erste Biografie dieser knapp 103 Lebensjahre erschienen. Margarete Schütte-Lihotzky. Architektin. Widerstandskämpferin. Aktivistin hat die deutsche Autorin Mona Horncastle ihr Buch genannt. Das lässt aufhorchen, verspricht der Titel doch, dass die bislang wenig gewürdigten politischen Aktivitäten der Architektin behandelt werden. Und tatsächlich spielen sie zumindest eine Rolle in dem Buch, das auch sprachlich zu überzeugen weiß. Die »bekennende Sprachfetischistin« Horncastle versteht ihr Handwerk: Ihr Band ist gefällig geschrieben, im historischen Präsens verfasst und mit zahlreichen Abbildungen ausgestattet. Leserinnen und Lesern, die sich bislang nicht mit Schütte-Lihotzky auseinandergesetzt haben, bietet er zweifellos einen guten Einstieg. 

Doch ansonsten ist diese Publikation in vielerlei Hinsicht problematisch und wird den Ansprüchen an eine zeitgemäße Biografik keineswegs gerecht. Nur selten gelingt es der Autorin, sich von den Selbstbeschreibungen Schütte-Lihotzkys zu lösen. Stattdessen gibt sie unkritisch zahlreiche der altbekannten Anekdoten wider. Wenn sie zudem schreibt, Schütte-Lihotzky sei bereits »von früher Jugend an mit drei zentralen Fragen konfrontiert [gewesen], die […] in ihrem Leben eine zentrale Rolle spielen werden« (nämlich der Demokratiefrage, der sozialen Frage und der Frauenfrage), dann verfällt sie genau jener »biografischen Illusion«, vor welcher der Soziologe Pierre Bourdieu Autorinnen und Autoren einst warnte. Sie versucht, die Lebensgeschichte als logische und zielgerichtete Abfolge von Ereignissen erscheinen zu lassen.

Zudem ist das Buch gespickt mit inhaltlichen Fehlern, falsch beschrifteten Fotos und unvollständigen Fußnoten. Auch wenn es auf den ersten Blick so erscheint, hat Horncastle nahezu keines der zahlreichen Archive besucht, in denen sich Dokumente zu Schütte-
Lihotzkys Leben befinden. Selbst den Nachlass in Wien hat sie nur sehr selektiv gesichtet. Nicht zuletzt übernimmt sie Gedanken aus den Werken anderer Autorinnen und Autoren – ohne dies jedoch kenntlich zu machen. Diese Vorgehensweise ist nicht nur unredlich, sondern erklärt auch das seltsame Ungleichgewicht des Buches: Den Jahren bis 1945, also der weitgehend gut erforschten Zeit in Schütte-Lihotzkys Leben, widmet Horncastle den größten Teil ihres Textkorpus, nämlich fast zweihundert Seiten. Anschließend handelt sie die restlichen 55 Lebensjahre – immerhin mehr als die Hälfte des Lebens – auf gerade mal vierzig Seiten ab. Davon entfallen wiederum mehr als ein Drittel auf eine China-Reise, zu der bereits eine umfängliche Dokumentation vorliegt. 

Quellen kritisch lesen, neue Fragen stellen und andere Perspektiven einnehmen – all das macht Horncastle nicht. Stattdessen legt sie ein Buch vor, das verdeutlicht: Eine wissenschaftlichen Standards entsprechende, kritische Biografie Margarete Schütte-Lihotzkys muss noch geschrieben werden.

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