N°4REZENSIONEN | 27.03.20

Ein Poproman der feinsten Sorte

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Von Andrea Heinz

Paula Irmschler
Superbusen
Claasen, 2020, 320 Seiten
EUR 20,60 (AT), EUR 20,00 (DE), CHF 28,90 (CH)

Denkt man an Chemnitz, denkt man an Rechtsextremismus. Dass es noch ein anderes Ostdeutschland gibt, davon kann man in Paula Irmschlers Debütroman Superbusen lesen. Und, das sei gleich vorweggesagt: Man sollte es auch. Denn Superbusen ist ein super Buch. Irmschler, geboren 1989 in Dresden und Redakteurin der Titanic, erzählt darin von Gisela, die eigentlich anders heißt, aber von ihren Freundinnen so genannt wird. Sie ist aufgewachsen in Verhältnissen, in denen in Deutschland immer mehr Kinder aufwachsen und die mitverantwortlich dafür sind, dass sich Ausländerfeindlichkeit, Hass und Hetze so ausbreiten konnten, wie sie es in Städten wie Chemnitz tun. Wobei bekanntlich weder gegen soziale Ungleichheit noch gegen rechte Netzwerke ausreichend getan wird, und das nicht nur in Deutschland. Die Ich-Erzählerin in Superbusen jedenfalls wuchs in einer Familie auf, die von Sozialhilfe lebte, mit einer Mutter, die nach dem Ende der gewaltvollen Ehe Alleinerzieherin war. Weil sie studieren will und raus aus Dresden, geht sie nach Chemnitz, später nach Berlin. Sie ist permanent auf der Suche – und eigentlich auf der Flucht, vor ihrer Herkunft, aber vor allem vor sich selbst und ihrem Körper. Was sie, zwischen nicht abgegebenen Seminararbeiten, nicht bezahlten Rechnungen, Beziehungsdramen und zahlreichen Pfeffi-Orgien (ein Thüringer Pfefferminzlikör), jedoch findet, sind Freundinnen, mit denen sie schließlich die Band »Superbusen« gründet.

Superbusen ist ein Poproman der feinsten Sorte und ein längst überfälliger, wohltuender Gegenentwurf zu solchen à la Stuckrad-Barre. Irmschler schreibt flott und witzig, niemals hohl oder oberflächlich – und dezidiert feministisch. Das Buch enthält großartige Reflexionen darüber, was es heißt, als Frau und als Angehörige der sogenannten Unterschicht in einem reichen westlichen Land wie Deutschland zu leben. Es gibt nicht nur allerlei Referenzen auf die Popkultur der 1990er Jahre (Bravo! Britney!), Superbusen erzählt auch von Alltagssexismus oder den seelischen und körperlichen Grausamkeiten, die Menschen erfahren, die kein »Normalgewicht« haben. Über heterosexuelle Liebesbeziehungen schreibt Gisela ein Lied mit dem schier genialen Text: »Jungs können nicht | Können nicht anders | Jungs können nicht anders | Mädchen müssen alles | Müssen alles machen«. In einem anderen Lied taucht der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn auf, der sich mal sorgte, Frauen würden die »Pille danach« wie Smarties in sich hineinstopfen, hätten sie nur die Möglichkeit dazu. Es geht viel um die Zurichtung (weiblicher) Körper in diesem Buch, aber auch darum, dass man als Mensch mit ausländischen Wurzeln in Deutschland so »perfekt« sein kann, wie man will und trotzdem keinen Job findet. Und schließlich um die verzweifelten Kämpfe, die die linken oder einfach nur demokratischen, anständigen Menschen in Städten wie Chemnitz gegen Rechtsextreme führen, von Staat und Polizei kaum unterstützt und im schlimmsten Fall sogar behindert. 

Dieses Buch zu lesen, macht wahnsinnigen Spaß. Irmschler ist nicht nur witzig, sondern gleichzeitig klug und eine scharfe Beobachterin gesellschaftlicher Mechanismen. Und so niederschmetternd es auch ist, zu erkennen, wie wenig sich im 21. Jahrhundert in Wahrheit geändert hat, am Ende ist Superbusen ein Buch, das zuversichtlich stimmt. Zum Beispiel, weil es Frauen gibt wie jene, die Gisela kennengelernt hat. Und weil es solidarische Frauenfreundschaften gibt. Darauf einen Pfeffi.