N°5REZENSIONEN | 27.04.20

Eine utopische Vision

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Von Felix Wemheuer

Zhao Tingyang

Alles unter dem Himmel

Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung

Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann
Suhrkamp, 2020, 226 Seiten, 
EUR 22,70 (AT), EUR 22,00 (DE), CHF 31,50 (CH)

Es kommt äußerst selten vor, dass Bücher von lebenden chinesischen Philosophen ins Deutsche übersetzt werden. Ausnahmen freilich gibt es – eben erst ist bei Suhrkamp Zhao Tingyangs Buch Alles unter dem Himmel erschienen. Darin entwirft er das gleichnamige Konzept einer universellen Welt, in der Nationalstaaten aufgehoben, aber alle kulturellen, religiösen und politischen Diversitäten integriert werden. Das Prinzip wäre schon in der Zhou-Dynastie (1046 bis 256 v. Chr.) entwickelt worden. Zhao geht es keinesfalls um eine Rückkehr zur antiken Vergangenheit. Er sieht Alles unter dem Himmel als Methode an, um in der Gegenwart eine friedliche Weltordnung zu schaffen. 

Bei der Analyse der gegenwärtigen Machtverhältnisse stützt Zhao sich auf Grundannahmen von Immanuel Wallerstein, wonach die kapitalistischen Zentren die Peripherie im Globalen Süden wirtschaftlich ausbeuten würden. In dieser globalen Hierarchie sieht Zhao den »Hauptwiderspruch« der Welt, nicht in den inneren Klassengegensätzen der jeweiligen Gesellschaften. Alle westlichen Versuche, eine Weltregierung oder einen globalen Staat zu schaffen (von Kants Idee des »ewigen Friedens« bis zu den Vereinten Nationen), seien am Egoismus der Nationalstaaten gescheitert. Auch die ehemaligen Kolonien hätten nach der Unabhängigkeit die fatale Logik der nationalstaatlichen Konkurrenz nicht durchbrechen können. Darüber hinaus habe der Westen, unter dem besonderen Einfluss des Erbes des Christentums und Kolonialismus, Universalität immer als Vereinheitlichung der Welt nach eigenen Maßstäben verstanden, die zu Gewalt und Kriegen führen musste.

Konkrete Schritte zur Schaffung der neuen Welt nennt Zhao nicht. Er hofft, dass sich ihr alle anschließen, wenn sie von ihrem Vorteil überzeugt werden. Im Unterschied zu Kang Youweis einflussreicher Vision im Buch der großen Einheit aus dem Jahr 1902, sieht Zhao keine Notwendigkeit einer grundlegenden sozialen Transformation der Gesellschaft. Kang hatte zum Beispiel die Abschaffung des Privateigentums, der Familie, der »Rassen« und die Einführung von zeitlich befristeten Eheverträgen gefordert. Zhao ist hingegen stärker in der Ideenwelt eines konfuzianischen Paternalismus verwurzelt. Tugendhaftes Regieren sollte Sorge um Alte, Kranke oder Opfer von Naturkatastrophen, angemessene Besteuerung oder den Erhalt von wichtigen Infrastrukturen beinhalten. Diese Grundsätze sind so allgemein gehalten, dass sie unter dem modernen Stichwort Good Governance von jeder Regierung unterschrieben werden könnten.

Der schwächste Teil des Buches ist eine Abhandlung über die materiellen Voraussetzungen für sein Konzept. Zwar sprengten Banken und neue Medien den nationalstaatlichen Rahmen, aber sie würden sämtliche Staaten kidnappen und deren Regierungen »zu Agenten des globalen Finanzkapitals oder der technologischen Systeme machen«, so Zhao. Sein Vergleich des Finanzkapitals mit Spinnen erinnert eher an Verschwörungstheorien als an eine fundierte Kapitalismuskritik.

Vor dem Hintergrund des Forschungsstandes in den westlichen Chinawissenschaften erscheint Zhaos Darstellung von den toleranten Beziehungen der verschiedenen Völker im chinesischen Kaiserreich sowie im traditionellen sino-zentrischen Tributsystem zwischen Staaten als verklärende Beschönigung. Trotzdem ist Alles unter dem Himmel eine lesenswerte utopische Vision. Es ist kein philosophisches Feigenblatt der gegenwärtigen Großmachtpolitik der chinesischen Regierung, weil Zhao in der nationalstaatlichen Logik das größte Übel der Gegenwart sieht. Da wird ihm die Parteiführung kaum zustimmen. 

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