10 | REZENSIONEN | 01.10.2021

Eins zu null für Honneth

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Von Jens Kastner

Axel Honneth und Jacques Rancière
Anerkennung oder Unvernehmen? 
Eine Debatte
Herausgegeben von Katia Genel und Jean-Philippe Deranty
Suhrkamp, 2021, 174 Seiten
EUR 18,50 (AT), EUR 18,00 (DE), CHF 25,90 (CH)


Nichts weniger als die Grundlagen kritischer Theorie werden hier verhandelt. Zwei der wohl wichtigsten Philosophen der Gegenwart diskutieren Ausgangspunkte und Implikationen eines Denkens über die Verfasstheit und Veränderbarkeit von Gesellschaft: Auf der einen Seite Axel Honneth, Vertreter der Kritischen Theorie (mit großem K) im Anschluss an Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas, auf der anderen Jacques Rancière, abtrünniger Schüler Louis Althussers und Protagonist einer politischen Philosophie der Gegenwart. Die Debatte fand 2009 in Frankfurt am Main statt, nun wird sie mit einer ausführlichen Einleitung der Herausgeberinnen und zusätzlichen Beiträgen der Kontrahenten veröffentlicht.

Braucht es eine vorübergehende Identifikation mit der zugeschriebenen Position, mit der Menschen etwa als Arbeiter oder als Hausfrau in das Soziale eingepasst werden, um über das Leiden an dieser Situation die Forderung nach Anerkennung zu formulieren? Und damit einen »Prozess der Aneignung selbstidentifizierender Autorität« (Honneth) in Gang zu setzen? Oder ist vielmehr Des-Identifizierung das Mittel, um selbstbestimmte Subjektivierung zu ermöglichen und damit die soziale Ordnung als Ganze infrage zu stellen (Rancière)? Ist es überhaupt das Leiden, das Veränderung motiviert, wie Honneth meint? Oder besteht Politik, wie Rancière behauptet, darin, unabhängig von Leid das »Potenzial des Handelns unter Gleichen zu erproben«? 

Rancière wirft den kritischen Sozialwissenschaften vor, mit ihrer Fokussierung auf Ungleichheit und das Verständnis ihrer Funktionsweisen die Entstehung von Gleichheit gar nicht zu ermöglichen, sondern vielmehr ständig aufzuschieben. Wer hier einen der Gegensätze ausmacht, die marxistische und anarchistische Gesellschaftstheorie und Praxis (bei allen Gemeinsamkeiten) in der Vergangenheit gekennzeichnet haben, liegt durchaus richtig. Die Aktualisierung solch unterschiedlicher Herangehensweisen und die Art und Weise, wie sie verhandelt und vermittelt werden, ist sicherlich einer der Aspekte, der die Lektüre dieses Buches so reizvoll machen. 

Es ist schon sehr auffällig, wie Honneth immer wieder versucht, seinen Ansatz auf den seines Gegenübers zu beziehen, Fehler zugesteht und die eigene Arbeit einer ständigen Reflexion unterzieht, während sein Gesprächspartner eigentlich nur die eigenen Thesen wiederholt. So betont Honneth etwa immer wieder die ästhetische Dimension der Politik, die auch seinen eher hermeneutischen Zugang ergänzen würde: »Je nach normativer Ordnung einer Gesellschaft wandelt sich auch deren sinnlicher Erfahrungsraum.« Dass Honneth wirklich um Antworten auf die Frage ringt, wie neue sinnliche Erfahrungen entstehen, die auch befreiende Effekte zeitigen können, und wodurch dies geschieht, spricht auf jeden Fall für ihn. Politik als die »Erfindung anderer Lebensformen« zu beschreiben, wie Rancière es tut, mag gar nicht falsch sein. Es bleibt allerdings schleierhaft, wieso ein Verständnis der Ungleichheit dafür hinderlich sein soll. Und warum die Arbeit am Neuen immer in eine emanzipatorische »Aufteilung des Sinnlichen« (Rancière) führen soll und nicht regressive Formen annehmen könnte, wäre schließlich auch interessant zu erfahren.