N°7/8 | REZENSIONEN | 01.07.2021

Flimmerndes Irrlicht

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VON MARLEN HOBRACK

Martin Lechner
Der Irrweg
Residenz, 2021, 272 Seiten
EUR 24,00 (AT), EUR 24,00 (DE), CHF 32,00 (CH)


Man kann sich dazu entschließen, die Autos anderer Leute anzuzünden; man könnte sich ebenso gut dazu entschließen, einen anderen von der Klippe zu stoßen. Ob man es tut oder lieber sein lässt, hängt womöglich nur von der Entschlusskraft ab. Dinge durchziehen, einfach machen.

Lars aber ist einer, der die Dinge bleiben lässt. Lars ist der Protagonist in Martin Lechners Roman Der Irrweg. Wenn er sich nicht gerade um seine schnapsdrosselige Mutter kümmert, schiebt er seinen Dienst als Zivi in einer Verwahranstalt für psychisch Kranke. Darin will und will die Zeit nicht vergehen, einmal abgesehen davon, dass die ewigen Routinen jeden Tag in die ewige Wiederkehr des Langweilig-Gleichen verwandeln. Auch die Wochenenden locken nicht mit Abenteuern: »Der Sonntag war ein klebrig verlangsamter, dusslig auf der Stelle tretender Tag, an dem er weder mit den anderen reden noch lesen oder laufen wollte. Stattdessen lag er auf dem Bett, bis er Rückenschmerzen hatte, und schaute hundert Mal aus dem Fenster, ob Hanna zufällig über die Wiese liefe.«

Hanna heißt eigentlich Hedwig und begegnet Lars als Patientin. So gespensterhaft erscheint sie, dass man sich nicht sicher sein kann, ob sie ein Wesen aus Fleisch und Blut ist. Im Roman fungiert sie tatsächlich als Anima-hafte Abspaltung des ewig unentschlossenen Lars. Im Verlauf des Textes wird sie sich als Brandstifterin hervortun, als irrlichternde Rächerin für die Demütigungen, die Lars erleidet.


WÖRTER: 518

LESEZEIT: 4 MINUTEN

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