N°2 REZENSIONEN | 30.01.20

Fundamentale Erneuerung

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VON ETIENNE SCHNEIDER

Foundational Economy Collective

DIE ÖKONOMIE DES ALLTAGS
Für eine neue Infrastrukturpolitik
Suhrkamp, 2019, 264 Seiten
EUR 18,50 (AT), EUR 18,00 (DE), CHF 25,90 (CH)


WÖRTER: 300

LESEZEIT : 3 MINUTEN

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Alltägliches vergisst man am schnellsten, oder es übertritt erst gar nicht die Schwelle der Wahrnehmung. So gerät auch schnell in Vergessenheit, welche großen infrastrukturellen Netze und enormen politischen Errungenschaften hinter so profanen täglichen Routinen wie dem Duschen, dem Kaffeekochen oder der Fahrt zur Arbeit mit der U-Bahn stehen. Auch der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream und die darauf beruhende Wirtschafts- und Industriepolitik interessieren sich eher für innovative Privatunternehmen und »disruptive« Zukunftstechnologien als für die meist weniger smarten, aber umso wichtigeren infrastrukturellen Fundamente unseres Alltagslebens. Mit dem Konzept der »Fundamentalökonomie« tritt nun ein vorwiegend britisch-italienisches Kollektiv von Autorinnen an, diese vergessenen infrastrukturellen Grundlagen des Alltags und des kapitalistischen Wirtschaftssystems aus ihrem Schattendasein zu holen und in den Mittelpunkt einer neuen linken Transformationsstrategie zu stellen. 

Dazu zählen die Autorinnen einerseits materielle Infrastrukturen wie Leitungen, Rohre und Filialnetze, über die Haushalte Zugang zu den für das Alltagsleben grundlegenden Gütern und Versorgungsleistungen wie Wasser, Strom, Internet und Lebensmitteln erhalten, und andererseits wohlfahrtsstaatliche beziehungsweise »providenzielle« Leistungen, wie Bildung, medizinische Versorgung, Pflegeeinrichtungen und staatliche Transferleistungen. Historisch folgten auf zwei Phasen der Ausdehnung der Fundamentalökonomie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und nach dem Zweiten Weltkrieg seit 1980 Privatisierung und Ausverkauf.

Dem stellen die Autorinnen die Perspektive einer radikalen »Erneuerung« der Fundamentalökonomie als universellem Bürger- und Menschenrecht entgegen. Diese Erneuerung soll partizipativ die Prioritäten der Bevölkerung erfassen und in der Fundamentalökonomie tätige Unternehmen und Organisationen mittels »gesellschaftlicher Betriebslizenzen« zur Erfüllung gesellschaftspolitischer Ziele verpflichten. Und sie soll durch eine neue Bodenwertsteuer finanziert und von Kommunen, intermediären und gemeinnützigen Organisationen, Kleinbetrieben und Genossenschaften getragen werden. 

Wichtig ist dieses Buch, weil es die Perspektive von oft abstrakten verteilungspolitischen Fragen zu einer lokal verankerten Politik der Infrastruktur verlagert, die an den Alltagserfahrungen und Bedürfnissen der Menschen anknüpft. Ganz im Sinne eines kommunalen Sozialismus oder eines neuen Munizipalismus, der schon heute linke Politik lokal inspiriert. Fraglich bleibt, ob das angesichts der Macht transnationaler Konzerne wie Google und Facebook, die mittlerweile selbst fundamentalökonomische Infrastrukturen betreiben, und der infrastrukturellen Herausforderungen der Klimakrise nicht zu klein gedacht ist. 

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