N°6REZENSIONEN | 27.05.20

Gegen das angestrengte Vergessen

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Von Benjamin Opratko

Helmut Dahmer

Antisemitismus, Xenophobie  und pathisches Vergessen Warum nach Halle vor Halle ist

Westfälisches Dampfboot, 
2020, 101 Seiten
EUR 10,30 (AT), EUR 10,00 (DE), CHF 14,50 (CH)

Warum nach Halle vor Halle ist« – aber was war nochmal in Halle?, mag sich der eine oder die andere Leserin fragen. Der Untertitel des schmalen Bandes ist austauschbar, genau das ist seine Pointe. Wäre er ein halbes Jahr später fertiggestellt worden, hätte es »nach Hanau vor Hanau« heißen können. Ein paar Jahre vorher, und im Untertitel wäre München oder Kassel oder Köln gestanden. 

In Halle hatte sich am Jom Kippur 2019 ein deutscher Neonazi angeschickt, Juden und Jüdinnen in einer Synagoge zu erschießen. Nachdem er daran gescheitert war, die Tür aufzusprengen, wählte er ein türkisch-kurdisches Imbissrestaurant als nächstbestes Ziel und erschoss eine Passantin und einen Gast. Der Terrorist trug eine Helmkamera und übertrug die Tat live im Internet. Es folgte das übliche mediale Skript: betroffene Stellungnahmen von Politik und Würdenträgern und sensationsheischende Talkshows, die nach ein paar aufgeregten Tagen abebbten. So war es nach dem Attentat von Halle, nach jenem in Hanau im Februar 2020, so war es nach allen Nazi-Mordanschlägen der letzten Jahrzehnte im »Land des rechten Terrors«, das Robert Andreasch in der April-Ausgabe des TAGEBUCH vermessen hatte.


WÖRTER: 410

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