N°4REZENSIONEN | 27.03.20

Gegenentwurf zur Erinnerung an 1990

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Von Karin Zennig

Jan Wenzel (Hg.)
Das Jahr 1990 freilegen 
(Volte/Expanded)
Spector Books, 2019, 592 Seiten
EUR 37,10 (AT), EUR 36,00 (DE), CHF 49,95 (CH)

Das Jahr 1990 ist in Deutschland ein entscheidendes. Ein Jahr, in dem der revolutionäre Aufbruch einen Dämpfer erhält, in dem sich entscheidet, dass der Osten dem Westen unterstellt wird, und durch die Treuhandpolitik die Deindustrialisierung des Ostens beginnt. Ein Jahr, in dem der Westen noch hämisch und skeptisch auf den Osten schaut, bevor der neoliberale Durchmarsch in Betriebs-, Tarifkämpfen und Kämpfen ums Sozialsystem auch diesen erreicht. 1990 ist das Jahr, in dem Nelson Mandela aus dem Gefängnis kommt, der Zweite Golfkrieg beginnt, das schnurlose Telefon erfunden wird und Chanel ein Parfüm mit dem Namen »Égoïste« auf den Markt bringt. Ein Jahr, in dem für viele Menschen weltweit Dinge anfangen, radikal anders zu werden. Von einer Gegenwart in eine andere. Ein gutes Jahr für ein Buch. 

Der von Jan Wenzel herausgegebene Band Das Jahr 1990 freilegen (Volte/Expanded) ist der Gegenentwurf zur hegemonialen Erinnerung dieses Jahres. Dass jede Seite des Buches anders aussieht, ist nicht nur ein Layoutkonzept, sondern eine Vorstellung von nicht-stringenter Geschichte, von Koinzidenz, von Gleichzeitigkeit und von sich widersprechenden Wahrheiten, die nebeneinander stehengelassen werden. 

Ausgesprochen liebevoll sind Bilder, Interviews, Erzählfragmente, Zitate kleiner und großer Geschichte darin collagiert. Von der Erzählung über einen verrenteten Schreinermeister aus der Nähe von Frankfurt am Main, der seine Werkstatt an Kollegen aus dem Osten vermachen will, über Forderungskataloge renitenter Belegschaften Volkseigener Betriebe. Es gibt Dokumente der Runden Tische, eine Reihe historischer Interviews, die Günter Gaus geführt hat, und Erlebnisberichte von der Stürmung der Stasizentrale bis zur politisch-ideologischen Leere nach der Währungsunion. Es finden sich literarische Beschreibungen des Lebensgefühls und berührende biografische Skizzen von Oppositionellen und Überflüssig-Gewordenen, von Personen, die Geschichte gemacht haben, und von solchen, denen sie passiert ist. 

Auch wenn der Fokus des Buches sehr auf den Geschehnissen in Deutschland als Brennglas einer globalen Neuordnung liegt, wird auf Dokumentationen von Auf- und Zusammenbrüchen in Osteuropa und den Sowjetrepubliken nicht verzichtet. Trotz der vielen Textformate funktioniert Das Jahr 1990 freilegen (Volte/Expanded) wie ein Bildband. Man kann das Buch an einer beliebigen Stelle aufschlagen, hängenbleiben, verweilen. Man wird irritiert, liest und sieht Unerwartetes – und fängt selbst an zu erinnern. Die größtenteils bemerkenswerten und energiegeladenen Fotografien zeichnen beim Durchblättern den Verlauf des Jahres, in dem die Instanzen der Macht zurückweichen müssen.  Man kann das in Straßenszenen und in den Gesichtern sehen. In den vielen Schnipseln und Pamphleten wird eine bestimmte Form des Sprechens eingefangen und konserviert, die mit 1990 aufgehört hat, zu existieren.