N°3REZENSIONEN | 01.03.21

Geknetetes Schicksal

___________________

VON ANDREA HEINZ

Karin Smirnoff 
Mein Bruder
Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein
Hanser, 2021, 336 Seiten
EUR 24,70 (AT), EUR 24,00 (DE), CHF 33,90 (CH)


Wenn das Thema wieder einmal breit in den Medien ist, wie jetzt in Frankreich mit #metooinceste oder wie damals in Österreich mit dem Fall Fritzl, möchte man glauben, sexuelle Gewalt in der Familie sei ein Phänomen, das man mit Sozialisierung oder Ländernamen erklären könnte. Was natürlich völliger Bullshit ist. Erschreckende, schockierende Fälle gibt es überall auf der Welt und in einer Häufigkeit, dass man von erschreckend schon gar nicht mehr reden mag, eben weil es so alltäglich ist.

Von solchen familiären Gewaltbeziehungen erzählt Karin Smirnoff, Jahrgang 1964, in ihrem Romandebüt Mein Bruder, das unter dem Originaltitel Jag for ner till bror in Schweden ein großer Erfolg war. Hauptfigur und Ich-Erzählerin Jana Kippo ist ein ambivalenter, einnehmender Charakter. Jana ist Mitte dreißig und kommt zu Beginn von Mein Bruder, mitten in einem monströsen Schneesturm, in ihrem Heimatort Smalånger an. Sie will dort ihren Zwillingsbruder treffen, den alle nur Bror, Bruder, nennen, und der in erster Linie damit beschäftigt ist, sich totzusaufen. Auf dem Weg zu ihm, verloren im Schneesturm, stößt sie aber zuerst einmal auf John, einen Künstler, eine Außenseiterfigur mit Hasenscharte, schwarzen Locken, Alkohol- und Aggressionsproblem. Jana beginnt eine heftige, zunehmend zerstörerische Affäre mit John, und nachdem sie beim örtlichen mobilen Altenpflegedienst ihren Dienst antritt, breiten sich die (a)sozialen Beziehungen des Ortes und Janas Familiengeschichte wie ein Panorama vor den Leserinnen aus: John und Bror sind hier bei Weitem nicht die Einzigen, die ein Problem mit Alkohol und Gewalt haben, die Familienbeziehungen, wenn überhaupt noch als solche zu bezeichnen, sind kalt, herzlos und taub. Man verlässt sich auf den schwedischen Wohlfahrtsstaat oder auf die Verantwortungs- und Schuldgefühle anderer. Jana putzt, kocht, räumt auf in diesem Durcheinander, aber sie tut das auch, um ihrem eigenen Trauma zu entkommen. John scheint dabei so etwas wie ihr Schicksal, seine Gemälde zeigen traumatische Erlebnisse aus Janas Kindheit: Auch ihr Vater schlug und trank, vergewaltigte seine Tochter, schlug seinen Sohn. Beide Kinder versuchten, ihn zu töten, Bror gelang es schließlich. 

Jana erzählt das in einem rauen, rhythmischen Duktus, unsentimental, aber warmherzig, mit feinem, beißendem Humor. Es ist vor allem diese Erzählerin und die Sprache, die Smirnoff für sie gefunden hat, die dieses Buch so eindringlich machen. Und es ist nicht zuletzt die Tatsache, dass es hier keine Opfer gibt – schon gar nicht Jana. Sie behauptet sich, wehrt sich, und auch wenn sie Fehler macht, ihrerseits Menschen verletzt, so sind es vor allem ihre Souveränität und Stärke, die sie auszeichnen. Smirnoff geht es darum, wie die Gewalt sich fortpflanzt, sich allzu oft in neuer Gewalt entlädt – vor allem aber darum, wie man aus dieser Spirale herausfindet. Die Antwort ist nicht zuletzt: Kunst. John malt, was er gesehen hat, Jana formt Tonfiguren: ihren »Säufertrupp«, wie sie ihn tauft. Aber man muss es gar nicht Kunst nennen. Es geht darum, das, was man mitbekommen hat, zu packen und daraus etwas zu formen. Das eigene Schicksal in die Hand nehmen, wie es so platt heißt. Wenn man sich vorstellt, wie Jana den Ton knetet und daraus ihre Figuren formt, versteht man, was damit gemeint ist.