N°7/8 | REZENSIONEN | 01.07.2021

G’sunde Watschn

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VON MARTIN REITERER

Pascal Bresson und Sylvain Dorange
Beate & Serge Klarsfeld: Die NazijägerEine Graphic Novel über den Kampf gegen das Vergessen
Aus dem Französischen von Christiane Bartelsen Carlsen, 2021, 208 Seiten
EUR 28,80 (AT), EUR 28,00 (DE), CHF 38,50 (CH)


Es war ein Knalleffekt: Am 7. November 1968 schwindelte sich eine junge Journalistin auf dem Parteitag der CDU in Berlin an den Sicherheitskräften vorbei bis ans Podium von Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und erteilte diesem eine schallende Ohrfeige, bevor sie einige Male »Nazi!« hinterherrief. Die Aufregung war groß, die Bilder gingen um die Welt. Beate Klarsfeld hatte bereits seit Kiesingers Amtsantritt im Jahr 1966 gegen diesen Mann mit Nazivergangenheit nah am NS-Propagandaministerium angeschrieben. Ihr unerschrockener Auftritt wurde zum Symbol einer Generation, die sich von den autoritären Strukturen der Nachkriegsgesellschaft befreien wollte. Für Klarsfeld war es der fulminante Auftakt eines abenteuerlichen Lebens, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Serge in den Dienst politischer Aufklärung sowie der Enttarnung untergetauchter Naziverbrecher stellte.

Die französischen Autoren Pascal Bresson und Sylvain Dorange haben nun – basierend auf Klarsfelds Erinnerungen (2015) – die Biografie dieses außergewöhnlichen Paares als abwechslungsreich kolorierten Comic inszeniert: Beate & Serge Klarsfeld ist ebenso gut informiert wie kurzweilig, zugleich Hommage an die »Aktivisten der Erinnerung« und ein spannendes Stück europäischer Zeitgeschichte. Sinnbildlich ist bereits die deutsch-französische Liaison: eine Deutsche, Beate Künzel, deren Eltern einst Nazi-Mitläufer waren, und ein französischer Jude, Serge Klarsfeld, dessen Vater seine eigene Familie retten konnte, selbst jedoch von der Polizei des Vichy-Regimes festgenommen und ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurde.

Entschlossen machte sich das Paar an die Aufdeckung von Nazikriegsverbrechern und französischen Kollaborateuren in zentralen Machtpositionen, die unbehelligt auf freiem Fuß lebten. Exemplarisch ist der Fall Klaus Barbie. Als Gestapo-Chef (1942 bis 1944) wegen seiner sadistischen Grausamkeit als »Schlächter von Lyon« bekannt, ließ er Tausende Juden und Gegnerinnen des NS-Regimes foltern und deportieren. Obwohl nach dem Krieg zweimal in Abwesenheit in Lyon zum Tod verurteilt, genoss er den Schutz der US-amerikanischen Geheimdienste, bevor er sich als Klaus Altmann nach Bolivien absetzte. Als 1971 ein Verfahren gegen Barbie in München eingestellt wurde, kamen die Klarsfelds auf den Plan. Neben aktionistischen Kampagnen gehörten dazu investigative Recherchen, Dokumentationen und Publikationen. Bemerkenswert ist der geschickte Einsatz der Medien als Druckmittel und Schutzschild. 1983 wird Barbie schließlich festgenommen, 1987 lebenslänglich verurteilt. Für ihre Lebensaufgabe nahmen die Klarsfelds Gefängnisstrafen, Jobverluste, Geldprobleme, Bedrohungen ihrer Familie und immer wieder Rückschläge in Kauf. Dafür ist ihre Zivilcourage beispielhaft. 

Der zum Common Sense gewordene Begriff »Nazijäger« reizt allerdings zu Widerspruch. Er verzerrt Geschichte, mit ihm werden Nazigrößen wie Barbie implizit als Opfer hingestellt. Zugleich kann man Versuche der Klarsfelds, eigenmächtig mit Gewalt gegen die Täter vorzugehen, infrage stellen. Ausgenommen jenen Hieb auf einen Kanzler, den man angesichts seiner Wirkung als »g’sunde Watschn« bezeichnen darf.