10 | REZENSIONEN | 01.10.2021

Helden und / oder Opfer?

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Von Wolfgang Häusler

Heidemarie Uhl, Richard Hufschmied und Dieter A. Binder (Hg.) 
Gedächtnisort der Republik
Das Österreichische Heldendenkmal im Äußeren Burgtor der Wiener Hofburg. Geschichte – Kontroversen – Perspektiven
Böhlau, 2021, 464 Seiten
EUR 67,00 (AT), EUR 65,00 (DE), CHF 88,00 (CH)


»Aber unheroisch, wie die bürgerliche Gesellschaft ist, hatte es jedoch des Heroismus bedurft, der Aufopferung, des Schreckens, des Bürgerkriegs und der Völkerschlachten, um sie auf die Welt zu setzen.« Der Satz von Marx (Achtzehnter Brumaire) erklärt die Entstehung der Moderne in der Dialektik von Helden und Opfern der Geschichte. Ein lokaler, österreichischer Ausdruck dieser Dialektik ist das sogenannte Österreichische Heldendenkmal – im Alltag als »äußeres Burgtor« bezeichnet. Es ist im politischen Raum zwischen Hofburg, Ringstraße, Volksgarten, Parlament und Bundeskanzleramt platziert, rahmt den Wiener Heldenplatz. Das monumentale Burgtor schlägt auch die Brücke zur Habsburgermonarchie, als Großmacht konfrontiert mit Revolution und Napoleon. Errichtet anstelle der geschleiften Burgbastei als Denkmal für die Leipziger Völkerschlacht 1813 in Gestalt eines Festungs- und Triumphtors (1824 eröffnet) sollte es identitätsstiftendes Symbol des Reiches werden. 

1916 dann eine erste Umwidmung: Durch die patriotische Spendenaktion »Lorbeer für unsere Helden« sollte das Burgtor mit 107 Metallkränzen, auf deren Blättern die Namen der Gefallenen geschrieben werden sollten, zum zentralen Erinnerungsort des Weltkriegs werden. Der Austrofaschismus wendete 1934 diese Tradition gegen die demokratische Republik: Die offene Ehrenhalle beschwört die Soldaten der kaiserlichen Armee, ihre Feldherren von Wallenstein bis Conrad von Hötzendorf sowie eine Reihe von Schlachten. Die Brüchigkeit dieses Konzepts wurde 2012 noch einmal deutlich, als die Flaschenpost, die der Bildhauer Wilhelm Frass seinem tonnenschweren Unbekannten Soldaten 1935 unterschob, das erwartete Bekenntnis zum Nationalsozialismus zutage förderte.


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