N°7/8 | REZENSIONEN | 01.07.2021

Idee der Barbarei

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VON RAPHAELA EDELBAUER 

Oliver Eberl
Naturzustand und Barbarei
Begründung und Kritik staatlicher Ordnung im Zeichen des Kolonialismus
Hamburger Edition, 2021, 552 Seiten
EUR 41,10 (AT), EUR 40,00 (DE), CHF 48,70 (CH)


Der Politikwissenschafter Oliver Eberl führt in seiner 500 Seiten starken Begriffskritik der Barbarei durch Diskurse von der Antike bis zur Gegenwart. Seine Betrachtung konzentriert sich insbesondere auf die semantischen Umschläge. 

Während die griechische Polis mit der onomatopoetischen Prägung barbaros das identitätsstiftende Othering noch über Sprache und die daraus abgeleitete Unfähigkeit der Fremden zum logos erklärte, leitet spätestens der Beginn der Kolonialgeschichte – insbesondere jener Amerikas – einen terminologischen Wendepunkt ein. Das Wilde, Unzivilisierte wird zu dem, was dem eigenen Prozess der Staatsgründung einen Hintergrund bildet, von dem es sich abzuheben gilt. Der vermeintliche (und ethnologisch schlicht falsche) Topos der Rechts-, Ordnungs- und Systemlosigkeit außereuropäischer Kulturen, der über Myriaden von Reiseliteratur und philosophische Schaudergeschichten kolportiert wird, dient nun als mahnender Zeigefinger: Der Bevölkerung sollte in der nicht nur nach außen, sondern auch nach innen kritischen Phase der europäischen Neukonstitution, die Notwendigkeit eines verwalteten Nationalstaats eingebläut werden.

Dies änderte sich auch durch die später eingeleitete Sprachverschiebung vom Menschenfresser hin zum edlen Wilden nicht. So diente die Hob-

bes’sche Diktion des eigentlich wesensnäheren Naturzustandes »primitiver« Völker nur als eine Folie, die eigene Entwicklung zu romantisieren. Sich selbst als Krone einer Veredelung zu begreifen, die einen aus Schmutz und wildem Eros in die Kultur geführt hat, war und ist eine Imagekampagne der bürgerlichen Gesellschaft. Es gestattete einem die Überhöhung einer Rückbesinnung aufs naturnahe Leben – und damit eine Abhebung von der Manieriertheit des Adels. Es rechtfertigte aber auch koloniale Interessen und Eroberungen, da der Naturzustand des Barbaren ohnehin der ewige Krieg sei, gegen den man sich wappnen müsse. Man könnte die nachgezeichnete Geschichte auch als eine Form von terminologischer Ausbeutung bezeichnen, die neben der tatsächlichen statthatte, und die Eberls philosophisch patente Analyse hervorragend aufspürt. 


WÖRTER: 410

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