N6° | REZENSIONEN | 01.06.2021

Ideen und Flussgeister

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Von Norma Schneider



Yulia Marfutova 

Der Himmel vor hundert Jahren

Rowohlt, 2021, 192 Seiten

EUR 22,70 (AT), EUR 22,00 (DE), CHF 30,90 (CH)


Vor hundert Jahren ist in einem kleinen Dorf irgendwo in den Weiten Russlands vor allem eines wichtig: wie das Wetter wird. Die Nachrichten von der Oktoberrevolution und dem anschließenden Bürgerkrieg sind noch nicht bis hierher vorgedrungen. Lesen kann in dem Dorf niemand und weiter als bis zur Kreisstadt ist man noch nie fort gewesen. Der Konflikt zwischen Tradition und Moderne wird von der Dorfgemeinschaft nur im Rahmen der Wettervorhersage ausgetragen. Pjotr befragt dazu wie seit jeher die Flussgeister, während Ilja sein Glasröhrchen mit Quecksilber wie einen Schatz hütet und damit mehr als nur die Temperatur zu bestimmen weiß.

Yulia Marfutova erzählt in ihrem Debütroman Der Himmel vor hundert Jahren vom langsamen Anbrechen einer neuen Zeit. Mit einer ungewöhnlichen und bereichernden Perspektive auf Geschichte: Statt von Lenin, Trotzki und den Kämpfen der Roten gegen die Weißen handelt der Roman von der tiefsten Provinz, wo man von alldem nichts mitbekommt. Es ist eine Dorfgeschichte mit Bauernhäusern, kauzigen Alten, Aberglauben und Getratsche. Aber sie kommt zum Glück ohne folkloristische Klischees und romantisierende Gemütlichkeit aus. 

Marfutova nimmt ihre Figuren ernst und beschreibt sie mit einer sehr modernen Unmittelbarkeit. Ihr bestechender Stil ist klar von heute: direkt, reduziert, witzig. Trotzdem ist sie dicht dran an der Vergangenheit, dem Dorf und seinen Geschichten. Das Hässliche des ärmlichen, von Traditionen geprägten Landlebens lässt sie nicht aus: Hunger, fehlende Bildung, häusliche Gewalt und die Selbstverständlichkeit, dass die Töchter an irgendwen verheiratet werden. Veränderungen haben hier kaum eine Chance. Am meisten Macht hat das, was immer schon so war und immer schon so gemacht wurde: »Wie schon die Eltern. Und die Eltern der Eltern. Und deren und überhaupt.« Die Realität der sowjetischen Gesellschaft mit ihren neuen Werten und Regeln holt das Dorf deshalb nur äußerst langsam ein. Das erste Anzeichen dafür, dass sich etwas ändert, ist ein Messer, das Inna Nikolajewna herunterfällt. »Man weiß ja, was man so sagt: Fällt ein Messer herunter, kommt ein Mann ins Haus.«

Tatsächlich kommt bald ein fremder Mann ins Dorf, eigentlich fast noch ein Junge. Niemand glaubt so recht, dass ihm die Offiziersuniform, die er trägt, wirklich gehört. Seine Schweigsamkeit passt gut zu der der Dorfbewohner, bei denen oft mit einem »Mhm« schon alles gesagt ist. Doch wer geduldig genug nachfragt, erfährt, dass der Fremde Wadik heißt – und dass es einen neuen Krieg gibt, diesmal »wegen Ideen«. Wadik hat sogar ein Flugblatt mit diesen Ideen dabei, das er zwar nicht lesen, aber zumindest nacherzählen kann. Richtig groß ist das Interesse daran nicht. »Man hat hier eine gewisse Ehrfurcht vor komplizierten Wörtern, aber man hat auch wirklich besseres zu tun, als genau, allzu genau, hinzuhören. Die Äcker, die Tiere.«

So geht das Dorfleben weiter seinen Gang, ohne sich von Ideen beeindrucken zu lassen. Doch es tauchen weitere Fremde auf. Sie sollen das Dorf auf die neuen Zeiten einstimmen, in denen es »keinen Platz geben kann für den Hokuspokus der Vergangenheit«. Also werden die Ikonen weggeräumt aus den »schönen Ecken« der Bauernhäuser und man deutet die Zeichen der Geister etwas leiser und vorsichtiger. Aber ist der Glaube an Ideen wirklich so viel anders als der Glaube an Flussgeister? »Die neuen Gespenster machen es sich neben den alten bequem und trinken den ersten Tee miteinander. Tauschen Geistergeschichten aus. Erzählen sich Witze. Treffen sich zwei usw.« Man wird schon zurechtkommen miteinander.