10 | REZENSIONEN | 01.10.2021

Identitätspuzzle

___________________

Von Norma Schneider

Pajtim Statovci
Grenzgänge
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Luchterhand, 2021, 320 Seiten
EUR 22,70 (AT), EUR 22,00 (DE), CHF 30,90 (CH)


Als Kind hat Bujar den Geschichten seines Vaters zugehört. Sie handelten von großen Helden, die für die Freiheit kämpften. Von Skanderberg zum Beispiel, dem »berühmtesten Albaner der Welt«, der seine Heimatstadt gegen die Ottomanen verteidigte und dabei die Fahne mit dem doppelköpfigen Adler schwang. Bujar machen diese Geschichten stolz auf sein Land, bis er später begreift, wie absurd es ist, auf etwas stolz zu sein, das man nicht selbst geschaffen hat. 

Als auch Bujar beginnt, Geschichten zu erzählen, handeln sie nicht von wackeren Freiheitskämpfern, sondern von ihm selbst. Bujar nutzt die Macht des Erzählens, um sich immer wieder neu zu erfinden. Mal gibt er Italien, mal Bosnien, mal die Türkei als sein Herkunftsland an. Mal ist er ein Mann, mal eine Frau. 

Bujars Geschichten beginnen mit dem Tod seines Vaters und dem Sturz des kommunistischen Regimes in Albanien kurz darauf. Die Mutter versinkt in Trauer und kümmert sich nicht mehr um die Kinder, die ältere Schwester verschwindet. Im Land herrscht Chaos, täglich gibt es Proteste und die Menschen hungern. Mit seinem besten Freund Agim, der zu Hause verprügelt wird, weil er Mädchenklamotten trägt, und der Bujars erste große Liebe sein wird, haut er schließlich ab. Gemeinsam leben sie auf den Straßen Tiranas. Sie schlafen in verlassenen Häusern und verkaufen geklaute Zigaretten an Passantinnen. Ihr Ziel ist es, Albanien zu verlassen. Sie haben genug von der Armut, dem Schmutz und der Gewalt, die ihren Alltag bestimmen, und wollen in das andere Europa, »auf der richtigen Seite des unsichtbaren, aber unüberwindbaren Zauns«.


WÖRTER: 503

LESEZEIT: 4 MINUTEN

Lesen Sie diesen Artikel jetzt weiter: