9 | REZENSIONEN | 01.09.2021

Im solipsistischen Traum 

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VON RAPHAELA EDELBAUER

Oswald Egger
Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt
Suhrkamp, 2021, 280 Seiten
EUR 28,80 (AT), EUR 28,00 (DE), CHF 38,90 (CH) 


»Wer träumend sagt ›Ich träume‹, auch wenn er dabei hörbar redete, hat sowenig recht, wie wenn er im Traum sagt ›Es regnet‹, während es tatsächlich regnet. Auch wenn sein Traum wirklich mit dem Geräusch des Regens zusammenhängt«, schreibt Ludwig Wittgenstein in Fragment 676 seiner späten philosophischen Arbeit Über Gewißheit, in der er sich mit dem Solipsismus anlegt. Was ist der ontologische Status eines Traums, selbst wenn er Fragmente, verwaschene Teile der Realität an die Bewusstseinsküste schwemmt? 

Mit einem an diesen Gedanken erinnernden Titel verknotet Oswald Egger in Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt die Optionen: Ersterenfalls ist jene Fahrt, deren Schilderung den Text ausmacht, zumindest einer faktualen Art nach hinfällig – letzterenfalls kann diesem Ich, schließlich träumend, während es diese Aussage macht, ebenso wenig geglaubt werden. 

Und so bleibt die gesamte Fahrt, und ihre minutiöse Auslegung in von Egger selbst gemalten Aquarellen, in jedem Fall ein Phantasma. Im Begleittext des Buchs lesen wir, dass die Fragmente des nach Eigenaussage des Autors vollkommen am Schreibtisch erträumten Textes sich mit österreichischen Auswanderern in den Jahren 1880 bis 1919 auseinandersetzen. Doch das ist mehr wie ein Erklärungstext zu einem Werk der Konzeptkunst hinzunehmen, denn im Zentrum des Buchs steht die Arbeit am konkreten Ausdruck, an der viel zitierten Melodie. Über ein Werk Eggers zu sprechen heißt immer auch, über sein Gesamtwerk zu sprechen – denn im Hintergrund wirken Jahrzehnte einer Spracharbeit, die wohl einzigartig im deutschsprachigen Raum sein dürfte. 


WÖRTER: 524

LESEZEIT : 3 MINUTEN

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