N°3REZENSIONEN | 27.02.20

Jenseits des Zynismus

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VON FLORIAN BARANYI

Valeria Luiselli
ARCHIV DER VERLORENEN KINDER
Kunstmann, 2019, 431 Seiten EUR 25,70 (AT), EUR 25,00 (DE), CHF 32,50 (CH)

Die 1983 in Mexiko City geborene Valeria Luiselli ist eine vielseitige Autorin. Sie schreibt als Journalistin unter anderem für die New York Times, publiziert Essays und legt mit Archiv der verlorenen Kinder ihren fünften Roman vor. Eine New Yorker Patchwork-Familie durchlebt ein stilles und alltägliches Drama. Die Eltern sind Tonkünstler beziehungsweise Rundfunkjournalistin und haben über ein gemeinsames Arbeitsprojekt zueinandergefunden. Jeder der beiden hat ein Kind mit in die Beziehung gebracht, er einen inzwischen zehnjährigen Sohn, sie eine fünfjährige Tochter. Die erste Erzählerin des Romans ist die Mutter der Familie. Als ihr Mann ihr eröffnet, dass er für ein Soundprojekt über das Leben der letzten Apachenstämme auf unbestimmte Zeit recherchieren möchte, sieht sie das Ende der Familie voraus. Sie bereitet eine Recherche über Kinder vor, die alleine aus Mittelamerika in die USA flüchten. Luiselli versteht es, die komplexe Gefühlslage der Erzählerin, die sich zwischen Trauer, Wut, Verständnis und Zuversicht bewegt, mit ihren poetischen und präzisen Sätzen zu erzählen. 


WÖRTER: 410

LESEZEIT :5 MINUTEN

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Zu viert unternehmen sie eine Autoreise mit unbestimmtem Ausgang. Vermutlich wird der Vater mit dem Sohn im Apachenland im Südosten von Arizona bleiben, die Mutter mit der Tochter nach der Recherche in Texas nach New York zurückkehren. Im Kofferraum des Reisegefährts finden sich sieben Archivschachteln, fünf mit Materialien für das Apachenprojekt, eine für die Recherche zu den geflüchteten Kindern und eine Schachtel, die der Junge aus Fairnessgründen für sich einfordert. Die Schachteln und ihr Inhalt strukturieren die Teile des komplex aufgebauten Romans. Jeder Teil des Archiv der verlorenen Kinder ist eine dieser Schachteln, jedes dieser Kapitel in etliche kurze Abschnitte gegliedert, die mit einem Stichwort überschrieben sind. In diesen Texten strukturiert die Erzählerin ihre Recherche, macht sich theoriegeleitete Gedanken darüber, wie sie ihre Ergebnisse erzählen wird, ohne die Würde der flüchtenden Kinder zu verletzen, reflektiert über die endende Beziehung zu ihrem Mann, erzählt wie das Begehren nach den Jahren spazieren geht und wie sie den Kindern halbwegs schonend und zugleich mit ausgeprägtem intellektuellen Anspruch vermittelt, woran sie arbeitet. Der Roman sucht und thematisiert seine eigene Form, deren brillante metafiktionale Anlage beim Lesen ein literarisches Feuerwerk entzündet. 

Selten wurden Kinderfiguren so überzeugend geschildert, ihre Sätze sind mal denen der Eltern zum Verwechseln ähnlich, mal Ausdruck ihrer kindlichen Weltwahrnehmung. Nach gut 300 Seiten wechselt die Erzählperspektive zum Jungen. Er, der mit seiner Mutter mitansehen musste, wie Flüchtlingskinder per Flugzeug abgeschoben werden, läuft mit seiner kleinen Schwester weg. Einerseits um in der Wüste nahe Mexiko verschwundene Flüchtlingskinder zu finden, andererseits aber, weil er die Zeichen der Eltern nur zu genau zu deuten weiß. Seine Geschichte, so erfährt man am Schluss, ist für seine kleine Schwester ins Tonband diktiert, damit sie sich auch nach der Trennung an ihn erinnert. 

Das Archiv der verlorenen Kinder ist ein monumentaler Roman über die dunkelste Seite der amerikanischen Gegenwart, die meist verschämt als immigration crisis firmiert. Es ist ein großartig durchdachtes Stück Literatur, das allen Problemen engagierter Kunst elegant ausweicht, um auf den moralischen Bankrott der Gegenwart hinzustoßen, der sich darin äußert, dass der Tod von Kindern auf zynische Art provoziert wird, um politisches Kapital aus ihm zu schlagen.

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