N°7/8| REZENSIONEN | 27.06.20

Kafkas Lieblingsschwester

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VON JANKO FERK

Petr Balajka

OTTLA KAFKA 
Das tragische Schicksal der 
Lieblingsschwester Franz Kafkas
Aus dem Tschechischen von Werner Imhof
tredition, 2019, 244 Seiten
EUR 22,70 (AT), EUR 22,00 (DE), CHF 30,90 (CH)

Franz Kafka hatte drei Schwestern, Valli, Elli und Ottla beziehungsweise laut Geburtsurkunden Valerie, Gabriele und Ottilie. Alle drei trafen den Meister aus Deutschland. Über Ottla Kafka, verehelichte David, hat der tschechische Journalist und Holocaustforscher Petr Balajka ein aufschlussreiches Werk verfasst, das als Faction zu bezeichnen ist, also Fakten und Fiktion vermengt. Die Fakten sind die Gespräche, die der Autor mit Ottlas Tochter Věra Saudková und anderen Zeitzeuginnen geführt hat, Dokumente, die auffindbar waren, und Fotos, die erhalten geblieben sind. Eine wesentliche Quelle sind Kafkas Briefe an und Tagebucheintragungen über seine Schwester. Zur Fiktion gehören die narrativen Elemente des Buches, die sich Balajka für Ottlas Internierung im Ghetto Theresienstadt ausgedacht hat. Das Werk ist daher im ersten Teil eine gewissenhaft sowie gut recherchierte Dokumentation und im zweiten ein tragischer Roman.

Tatsächlich muss ein Schriftsteller manchmal, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, seine Fantasie spielen lassen. Unter Historikern ist diese Verfahrensweise verpönt, unter Kriminalistinnen wahrscheinlich eine Notwendigkeit, um Hypothesen zu untermauern. Peter Balajka ist in seinem Buch in beiden Professionen tätig und beschreibt eine außergewöhnliche Persönlichkeit, zuerst in Freud und dann in unermesslichen Leid, die die wichtigste Bezugsperson in Franz Kafkas Leben war. Nach dem quellengesättigten ersten Teil erarbeitet der Autor den zweiten mit profundem Wissen und aufwändiger Recherche. Ottlas Tochter ist dabei eine besonders wichtige Zeitzeugin. Während Franz Kafkas Leben seit Jahrzehnten detailreich beschrieben ist, wird Ottla zum ersten Mal ein ausführliches Buch gewidmet. Greifbar wird, dass sie eine Frau voller Gefühle, emotional, energisch, lebhaft und spontan war.

Ottla, die trotz des Widerstands ihrer Eltern einen Goi, einen Nichtjuden, geheiratet hat, der sie hätte schützen können, es aber um der persönlichen Vorteile willen unterließ, wurde nur 51 Jahre alt. Als es in Prag bedrohlich wurde, wurde die Ehe mit Josef David am 24. Februar 1940 geschieden. Ein anderer Mann, sein Name sei wegen der edlen Geste genannt, der als Arier geltende Karel Projsa, wollte sie heiraten und schützen. Ottla lehnte ab, weil sie ihrem feigen Ex-Mann nicht untreu sein wollte. 

Nach der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 erreichte das große Morden eine neue Stufe. Ottla wurde zur Nummer in der nationalsozialistischen Todesmaschinerie. Am 3. August 1942 wurde sie in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo der Hunger der ständige Begleiter war und sie lang die Hoffnung nicht aufgab zu überleben. Dort kümmerte sie sich liebevoll um die jüdischen Kinder, deren Schicksal um nichts besser war als ihres. Am 5. Oktober 1943 wurde Ottla in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Wegen der deutschen Gründlichkeit existiert die Transportliste, auf der sie aufscheint, heute noch. Am 7. Oktober wurde sie in der Gaskammer ermordet. Die Schwestern Elli und Valli wurden schon im Jahr 1942 im Vernichtungslager Kulmhof, auf Polnisch Chelmno, getötet.