N°7/8 | REZENSIONEN | 01.07.2021

Kapitalismus und Moderne

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VON JENS KASTNER

Bolívar Echeverría
Für eine alternative Moderne
Studien zu Krise, Kultur und Mestizaje 
Herausgegeben von David Graaff, Javier Sigüenza und Lukas Böckmann 
Argument, 2021, 240 Seiten
EUR 20,60 (AT), EUR 20,00 (DE), CHF 28, 90 (CH)


Eine kritische Theorie des Kapitalismus, schreibt der Philosoph Bolívar Echeverría, sei ein »privilegierter Ausgangspunkt für das Verständnis der Moderne«. Von hier aus ließen sich das Fortwirken des Kolonialismus, die globale Arbeitsteilung und die kulturellen Mischungsverhältnisse (Mestizaje), die sich aus ihnen ergeben, am besten rekonstruieren. Mit diesem Fokus war der in Ecuador geborene und seit Anfang der 1970er Jahre in Mexiko-Stadt tätige Theoretiker bereits in den 1960er Jahren in Erscheinung getreten. Im Berliner Wagenbach Verlag war 1969 ein kleiner Band zur »Kritik des bürgerlichen Anti-Imperialismus« erschienen, den Echeverría, der mehrere Jahre in Frankfurt am Main studierte, mitherausgegeben hatte. Dennoch blieb Echeverría im deutschsprachigen Raum ein weitgehend Unbekannter.

Mit dem aktuellen Band einiger gut ausgewählter Texte aus seinem Oeuvre könnte ihm die gebotene Aufmerksamkeit durchaus zuteilwerden. Schließlich erweist sich Echeverría in diesen Aufsätzen als Vordenker einer dekolonialistischen Theorie, die in den letzten Jahren im akademischen wie aktivistischen Raum an Einfluss gewinnt. Seine Analyse der Moderne hat dabei um einiges mehr Tiefgang als diejenige so mancher seiner Erben. Auf der Basis der Erzeugung von Knappheit und des Zur-Ware-Werdens aller Lebensbereiche entstehen »vier grundlegende Formen des Ethos«, mit denen sich das menschliche Handeln zugleich affirmierend und verändernd an die Gegebenheiten anpasst. Das »barocke Ethos«, so genannt wegen seiner prachtvollen Inszenierung des Lebens trotz widriger, also kapitalistischer Umstände, hat sich vor allem in Lateinamerika ausgebildet. Es hat indigene Praxisformen nicht nur unterdrückt, sondern auch integriert. In den Mischformen (Mestizaje) sieht Echeverría, anders als der mexikanische Politiker und Philosoph José Vasconcelos, der das Konzept in den 1920er Jahren prägte, keine Verkettung naturgegebener Eigenschaften. Echeverría kritisiert den Essenzialismus, als »naturalistische Metapher« könne die Mestizaje bloß eine starre Kombination feststehender Elemente sein. Dagegen plädiert er dafür, sich den Prozessen zuzuwenden, in denen symbolische Formen entstehen und durch Akteurinnen verwirklicht und verändert werden.


WÖRTER: 390

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