N°6REZENSIONEN | 27.04.20

Kinderseele im Richterstuhl

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Von Johannes Kaminski

Frank Witzel
Inniger Schiffbruch

Matthes & Seitz, 2020, 360 Seiten
EUR 25,70 (AT), EUR 25,00 (DE), CHF 32,50 (CH)

Ausgangspunkt von Frank Witzels Autofiktion ist ein Traum: Darin trifft der Erzähler, dessen Vater gerade verstorben ist, auf ein ausgehungertes Rhinozeros. In Ermangelung einer naheliegenden Aufschlüsselung nimmt damit eine Meditation über die familiale Vergangenheit ihren Anfang, die dem Leser einen späten Beitrag zur »Väterliteratur« liefert. Im Lauf des freien Assoziierens und Nachforschens kommt ein transgenerationales Trauma zum Vorschein: 1945 vertrieben Bomben die Mutter aus ihrem polnischen Heimatort und den Vater aus Frankfurt, jetzt drohen die beiden dem Elfjährigen regelmäßig an, ihn in ein Internat zu schicken – geräuschvoll untermalt von »Herumgebrülle und Hervorgezerre des Koffers«. 

Witzel unterstreicht das Exemplarische dieser grausamen Episode. Sie wurzle in der schwarzen Pädagogik der Nachkriegs-BRD, in der die Eltern-Kind-Beziehung noch als Machtkampf betrachtet wurde. Auch die neue Konsumentenelektronik ermöglichte die strukturelle Unterdrückung innerhalb der Kleinfamilie: Das Fotografieren wird zum Kontrollinstrument, genauso wie das Aussortieren der Bilder und gemeinsames Dia-Schauen. Die Idee von Gottes Sündenregister wird umso bedrohlicher, sobald sich das Kind den Allessehenden als Super-8-Kamera vorstellt. Gerade in solchen Passagen wird Witzels Fähigkeit deutlich, die Geschichte der medialisierten Gesellschaft neu zu erzählen – man erinnere sich an seinen 2015 erschienenen Roman, in dem die Gedankenwelt eines Teenagers mit Nachrichten über die RAF-Entführungen verschmilzt. 

Je stärker sich der Autor jedoch in seine kleinbürgerliche Herkunft vertieft, desto weiter rückt die Aussicht auf Verständnis in die Ferne. Die hinterlassenen Aufzeichnungen des Vaters lassen die Suche ins Leere laufen, weil sie sich auf die kompulsive Niederschrift von nebensächlichen Alltagsdaten beschränken. Das Tagebuch – von der Literaturwissenschaft zum Geburtsorgan des psychologischen Innenlebens erklärt – wird hier zum Chiffrierinstrument einer Generation, die damit etwas anderes im Sinne hat: Selbstdisziplin statt Subjektivität, Versteinern statt Zerfließen. 

Als Leser spürt man, dass der Erzähler an dieser Stelle eine folgenreiche Entscheidung trifft: Wo Empathie einsetzen könnte, versteinert er selbst. Zunehmend nimmt seine Recherche die Rolle der Super-8-Kamera ein, diesmal um ein Register elterlicher Vergehen zu erstellen. Neben der Internatsdrohung werden Schläge, ein herzlos fortgeworfenes Schmusetuch, ein entwendeter Ball und abgebrochene Gespräche verzeichnet. Hier spricht kein träumender Proust, kein keppelnder Bernhard, sondern jemand, der gegen seine toten Eltern vor Gericht ziehen möchte. Bisweilen nimmt ein selbstgefälliger Ton überhand, wodurch der Fokus fort von der gefühlskalten BRD-Welt und hin zu unserer Gegenwart gelenkt wird. Witzel schreibt nämlich als Autor, der den Glauben an Versöhnung verloren hat und sich der Vergangenheit zuwendet, um mit viel Bildungsgedöns seine Deutungshoheit zu unterstreichen. 

Witzel scheitert erhobenen Kopfes am Versuch, aus dem transgenerationalen Trauma einen Roman zu machen, der sich über die Tunnelperspektive der narzisstischen Kränkung erhoben hätte. Hierin besteht vielleicht die Bedeutung des Rhinozeros-Traums: Er ist Ausdruck einer unerlösten Dickhäutigkeit, an der neue Perspektiven auf das unterkühlte Innenleben der Nachkriegsjahre abprallen.