9 | REZENSIONEN | 01.09.2021

Klang und Kulisse

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VON JANA VOLKMANN

Hanno Milles
Der Charme der langen Wege 
Edition Atelier, 2021, 192 Seiten
EUR 20,00 (DE), EUR 20,00 (AT), CHF 28,90 (CH)


Der Wiener Schriftsteller Hanno Millesi ist eine singuläre Erscheinung in der österreichischen Gegenwartsliteratur – mit Preisen dekoriert, dabei ein ewiger Geheimtipp. Was sein literarisches Schaffen auszeichnet, ist die Fähigkeit zu einer präzisen Beobachtung von Details, die jeden noch so faden Raum vital und angefüllt mit einem Möglichkeitsgewimmel erscheinen lassen – als würde man sich etwas unter dem Mikroskop anschauen und allerhand Lebensformen entdecken, die dem gewöhnlichen Blick verborgen bleiben. 

Lambert, die absonderliche Hauptfigur in Millesis neuem Roman Der Charme der langen Wege, gehört einer veralteten Zunft an. Unter dem Namen Bert hat er Sounds und Klangkulissen für Kinofilme erstellt. Wie klingt es, wenn Außerirdische landen? Wie, wenn sie uns Erdlinge angreifen? In seinem Studio lässt Bert ferne Galaxien entstehen und verleiht saftigen Mord-szenen akustisch den letzten Schliff. Im Roman ist das eine hochsinnliche Angelegenheit, die so konzentriert wie lustvoll ausgeführt wird: Mit Schwung fliegen Früchte, auf dass sie beim Aufprall laut zerbersten; gelegentlich kommt rohes Fleisch zum Einsatz. Eine streng choreografierte und manchmal fast erotische Sauerei – der studierte Kunsthistoriker Millesi ist mit dem Wiener Aktionismus wohlvertraut.

Mit dem, was hinterher auf der Leinwand zu sehen ist, haben die kunstvoll inszenierten Sounds nicht viel gemein. (Wie unheimlich diese Trennung von Filmsound und Geräuschquelle sein kann, hat zuletzt der Regisseur Peter Strickland in seinem Thriller Berberian Sound Studio gezeigt.) Das könnte man gut mit Baudrillard lesen, dem Theoretiker der Hyperrealität, der solchen referenzlosen Zeichen viel Aufmerksamkeit gewidmet hat. Dem Kinopublikum ist das einerlei: Hauptsache, am Ende ist die Illusion perfekt. 

Heute bedarf es keiner Sprühflaschen und Brausetabletten mehr, um klirrende Kälte, kochende Hitze oder einen Angriff aus dem All klanglich zu simulieren. Sounds werden computergeneriert. »Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura«, schrieb Walter Benjamin, dem gewiss bereits Aufnahmeapparaturen wie die von Bert verwendete DX suspekt wären. 


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