N°7/8 | REZENSIONEN | 01.07.2021

Linke Vorhölle

___________________

VON ANDREA HEINZ

Shida Bazyar

Drei Kameradinnen

Kiepenheuer & Witsch, 2021, 352 Seiten

EUR 22,70 (AT), EUR 22,00 (DE), CHF 30,90 (CH)


Bei der Schriftstellerin Anne Boyer wurde im Alter von vierzig Jahren Brustkrebs festgestellt. Die Prognose sah schlecht aus, der Tumor war hochaggressiv. Schreibend setzte sie sich mit der Diagnose und ihren Folgen auseinander – und mit der Bedeutung, die Krankheit im Allgemeinen und Krebs im Speziellen im Kapitalismus hat. »Diese Katastrophen«, Spätfolgen wie Behinderungen und Armut, »kommen auch aus dem gesellschaftlichen Unterboden der Krankheit – ihrer Klassenpolitik, ihren geschlechtsspezifischen Markierungen und rassenspezifischen Sterblichkeitsraten, ihrem rotierenden Wust aus wirren Anweisungen und brutalen Mystifizierungen.« Die Autorin selbst wird im Lauf ihrer Erkrankung von derlei Katastrophen nicht verschont bleiben.Boyer referiert auf Krebstagebücher und -essays wie die von Susan Sontag (Krankheit als Metapher) oder Audre Lorde (Auf Leben und Tod), aber auch auf die bahnbrechende kulturhistorische Abhandlung des Mediziners Siddhartha Mukherjee, Der König aller Krankheiten. Als Marxistin und Feministin nimmt sie eine Perspektive ein, die dezidiert auf die historischen und materiellen Rahmenbedingungen der Krankheit eingeht. »Einen Körper zu haben in der Welt […] bedeutet, einen Körper in der Geschichte zu haben.« Zugleich ist Die Unsterblichen (der englische Originaltitel ist viel schöner: The Undying) unverkennbar ein Memoir – eine persönliche, wenngleich um Intersubjektivität und kollektive Erfahrung sich bemühende Erzählung von Schmerz und Erschöpfung, bei der aus nächster Nähe über die Erfahrungen mit Adriamycin und Mastektomie berichtet wird. »Ohne großes Tamtam wird entschieden, dass die Ärzt:innen mir irgendwann die Brüste entfernen und in einer Verbrennungsanlage entsorgen, und darum übe ich, so zu tun, als hätte es meine Brüste nie gegeben.«

Anne Boyer erhielt 2020 den Pulitzer-Preis für ihr Buch. Nun hat Daniela Seel es ins Deutsche übersetzt – eine der verdientesten Lyrikerinnen und Lyrikverlegerinnen im deutschsprachigen Raum. Boyer, ebenfalls Lyrikerin, ist ein fein nuancierter, hochpräziser Duktus zu eigen, den Daniela Seel in gelungener Weise einzufangen vermag. Dass auch ihr Name am Cover steht, ist gut und richtig. Das gilt umso mehr, als die hier beschriebene Krise auch eine sprachliche ist, wie Boyer in ihrem Ringen um das angemessene Vokabular transparent macht. Als Dichterin ist sie alarmiert von der Aussicht, dass die Erkrankung oder ihre Behandlungsmethoden ihr Sprachvermögen schädigen könnten. Zugleich reflektiert sie die Grenzen, an die man im Sprechen über die Krankheit fast zwingend stößt. »Doch Schmerzen zerstören Sprache nicht: Sie verändern sie. Schwierig ist nicht gleich unmöglich. Zwar fehlt es dem Englischen an einer hinreichenden Lexik für alles, was wehtut. Das heißt aber nicht, dass es immer so bleiben muss, sondern nur, dass die Dichter:innen und Marktplätze, die unsere Wortschätze erfunden haben, die dafür nötige Arbeit noch nicht getan haben.« Selbst etwas so gnadenlos Prosaischem wie einer Schmerzskala von eins bis zehn kann man sich mit dichterischen Methoden widmen, so lernt man beim Lesen dieses ungewöhnlichen, nah- und tiefgehenden Buchs.