N°3REZENSIONEN | 27.02.20

Mit Übergepäck ins Weltall

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VON JOHANNES KAMINSKI

Diethmar Dath
Niegeschichte
Matthes & Seitz, 2019, 942 Seiten
EUR 39,10 (AT), EUR 38,00 (DE), CHF 46,90 (CH)

Kaum ein deutschsprachiger Autor dürfte berufener sein, eine Literaturgeschichte der Science-Fiction abzuliefern, als Dietmar Dath. 2008 landete er mit Die Abschaffung der Arten auf der Shortlist des deutschen Buchpreises und hat mit diesem Roman maßgeblich zur Neubewertung des Genres beigetragen.


WÖRTER: 380

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Niegeschichte präsentiert Science-Fiction als literarischen Ausdruck der menschlichen Neugierde gegenüber einer Welt, die keineswegs so alternativlos ist, wie sie tut, sondern eine Möglichkeit unter vielen bleibt, selbst nach 1989. Science-Fiction ist »eine Maschine, die Wissen vergessen hilft, um neues Wissen in Vorstellung und Darstellung zu ermöglichen«. Der literaturhistorische Querschnitt führt von einer lebendigen Diskussion von Jules Vernes’ Proto-Science-Fiction über eine Verteidigung von Robert A. Heinleins Raumfahrt-Kraftmeierei und kulminiert schließlich bei zwei Autoren, die Dath besonders am Herzen liegen: Joanna Russ und Greg Egan. Überwältigt von der Fülle seines Materials sieht er allerdings von einer kohärenten Gesamterzählung ab – was für den Leser und die Leserin mitunter einen Vorteil darstellt: Gerade in den Glossen finden sich die schönsten Passagen, wenn etwa George Lucas, der Totengräber der Science-Fiction-Avantgarde, klug mit Wagners Überwältigungs-Ästhetik verknüpft wird. 

Daths knapp tausendseitige Arche droht jedoch unter dem Ballast zu kentern, den er sich und den Lesern aufbürdet: Hegels Kunstlehre, Luhmann, Husserl, Freud, der »Nazibuddhist« Heidegger − sie alle sind mit an Bord, werden abwechselnd angerempelt oder zum wohlwollenden Lob an Deck gezogen. Der begnadete DDR-Dichter Peter Hacks kommt dabei zu einer völlig unverhofften Rolle: Als Schirmherr von Niegeschichte geistert er durch die Flure dieses vollbesetzten Schiffs, ohne dass man begreift, weshalb uns ausgerechnet Hacks mehr zu sagen hat als die Klassiker der einschlägigen Forschungsliteratur, Darko Suvin und der jüngst verstorbene Tzvetan Todorov. 

Vor lauter zeitkritischen Befunden und Assoziationsketten rückt das ästhetische Material zudem in den Hintergrund. Die Unterkapitel wirken regelmäßig wie Finten. Statt zu Autoren hinzuführen, werden die Kurse spontan revidiert und umgelenkt: Freut man sich auf eine Diskussion von Asimov, wird lediglich seine Foundation-Idee im Licht der Gegenwart evaluiert. Als Philip K. Dick an der Reihe ist, kommt die Rede auf Woodstock-Hippies und Margaret Thatcher, bis zuletzt das Gesamtwerk des Science-Fiction-Finstermannes Dick als kleinbürgerliche Wahnvorstellung verworfen wird. Selbst Octavia E. Butler ergeht es nicht besser: In dem ihr gewidmeten Unterkapitel geht es erst erneut um Heinlein. 

Man möchte meinen, Dath habe sich dieses erratische Verfahren von James T. Kirk abgeschaut: Indem er Subraumgewässer mit falschen Fährten versieht, kann er lästige Verfolger mit Leichtigkeit abschütteln. Weil es der Autor aber mit Lesern, nicht mit kriegswütigen Romulanern zu tun hat, wäre mehr Kollaboration wünschenswert gewesen. Die große Leistung dieses Buches ist deswegen nicht in Einzelanalysen zu suchen, sondern in seiner imposanten Stofffülle. Nebenbei erwähnte Titel öffnen Schleusen in die Nebenläufe des Genres, in denen es an schillernden Tableaus nur so wimmelt. Um nur einige Glanzlichter zu nennen: Egmont Colerus von Gelderns Der dritte Weg (1916), ein Proto-Science-Fiction-Roman aus Österreich, Harlan Ellisons extravagante Porno-Novelle How’s Night Life on Cissalda (1977) sowie der queere Cyberpunk der streitbaren Gegenwartsautorin Benjanun Sriduangkaew.

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