10 | REZENSIONEN | 01.10.2021

ML und Jugendkultur

___________________

Von Berthold Unfried

Detlef Siegfried
Bogensee
Weltrevolution in der DDR 1961–1989
Wallstein, 2021, 296 Seiten
EUR 28,80 (AT), EUR 28,00 (DE), CHF 35,60 (CH)


In den 1960er Jahren konnten politisch interessierte junge Menschen, die internationale Erfahrungen machen wollten, sich nicht nur auf hippie trails des wachsenden transkontinentalen Tourismus begeben. Andere Möglichkeiten waren, einen Studentenaustausch zu machen, im Rahmen von Solidaritätsbewegungen mit lateinamerikanischen, asiatischen und afrikanischen Dekolonisierungs- und Befreiungsbewegungen tätig zu werden oder als Entwicklungshelfer in die »Dritte Welt« zu gehen; sie konnten aber auch an einem politisch-ideologischen Fortbildungsprogramm in der DDR teilnehmen, wo sie auf angehende revolutionäre Kader aus den »Drei Kontinenten« trafen. In den knapp drei Jahrzehnten vom Jahr des Mauerbaus bis zum Zusammenbruch der DDR zogen Tausende Jugendliche aus aller Welt an die Jugendhochschule der Freien Demokratischen Jugend (FDJ) am Bogensee unweit Berlins. Dort bildeten sie sich gemeinsam mit ostdeutschen Jugendlichen politisch-ideologisch weiter, lernten das sozialistische Deutschland kennen und nicht zuletzt Jugendliche aus anderen Weltgegenden. Die FDJ hatte eigens zu diesem Zweck eine ehemalige Villa von Joseph Goebbels adaptiert und ausgebaut.

Die Stärke der Studie von Detlef Siegfried zur Jugendhochschule Bogensee liegt in ihrer Aufmerksamkeit für das Alltagsleben der kommunistischen Jugendlichen als Teil einer übergreifenden Jugendkultur. Die Jugendlichen studierten nicht nur den Marxismus-Leninismus, sie kamen sich auch persönlich näher. Auch linientreue Jungkommunisten suchten nach dem, was im DDR-Behördenjargon als »Intimkontakte« bezeichnet wurde, verbrachten viel Zeit mit Festen, sprachen bei geselligen Zusammentreffen dem Alkohol zu und genossen das Leben in der vergleichsweise komfortablen Schulungsstätte. »Internationalistische Lebensfreude« könnte man diese Einstellung nennen. Die gelebte Praxis der politisierten Jugendlichen zeigt, dass man rigide Ideologien vertreten und sich gleichzeitig sexuell ausleben konnte. Doch wie in allen Gefühlsangelegenheiten, zumal kombiniert mit alltagskultureller Unterschiedlichkeit, entstanden daraus auch Konflikte.


WÖRTER: 424

LESEZEIT: 4 MINUTEN

Lesen Sie diesen Artikel jetzt weiter: