N°9 REZENSIONEN | 30.08.20

Monströser Humor

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Von Karin Cerny

David Rousset
DAS KZ-UNIVERSUM
Suhrkamp/Jüdischer Verlag, 2020, 141 Seiten 
EUR 22,70 (AT), EUR 22,00 (DE), 
CHF 31,50 (CH)

Brust an Brust, Rippen gegen Rippen gepresst, passen fünfzig Mann in den Duschraum. Schweiß rinnt über die Körper. Lippen verzerren sich. Schwerer Dampf, widerwärtiger Gestank.« Darf man so über ein Konzentrationslager schreiben? Ein lyrischer Text über Buchenwald. Adornos Verdikt, nach Auschwitz ein Gedicht zu verfassen, sei barbarisch, mag ein zentraler Grund sein, warum David Roussets bereits im August 1945 entworfene Darstellung des Systems der Konzentrationslager erst jetzt auf Deutsch erschienen ist. Seine radikale Mischung aus Lyrik und Analyse war für den deutschen Markt wohl zu fordernd. 

Dabei ist der französische Schriftsteller, der nach einer Inhaftierung in Buchenwald und einem Todesmarsch durch mehrere KZs von den alliierten Truppen befreit wurde, einer der Ersten, der nicht nur ein bestimmtes Lager beschreibt, sondern unterschiedliche Typen auflistet. Von der Topografie bis zur Folter der Häftlinge unterschieden sich die KZs grundlegend. Der Trotzkist Rousset war politischer Häftling, sein soziologischer Blick war ungewöhnlich. Das Schicksal der Juden kommt bei ihm nur am Rande vor. Er betrachtet die Lager als internationale Gemeinschaften, wo Russen, Polen, Italiener, Holländer, Ungarn aufeinandertrafen. Allein in Buchenwald waren 50 Nationen vertreten, sogar Syrer und Vietnamesen, wie der Londoner Sprachwissenschafter Jeremy Adler in seinem informativen Nachwort ausführt. 

Roussets Buch thematisiert, was die unberechenbare Gewalt der SS-Männer und ihre willkürlichen Quälereien bewirkten: »Im KZ löste der Mensch sich Stück für Stück auf.« Er beschreibt aber auch die Struktur der Überwachung, die an Häftlinge delegiert wurde. Die gegenseitige Bespitzelung verhinderte, dass sich eine Gemeinschaft bildete, die zum Aufstand hätte führen können. Man musste vor jedem Angst haben. Vor allem die Kriminellen wurden für das Lagergefüge unentbehrlich: »Sie stellten sicher, dass die seelische Zerrüttung niemals endet. Sie etablierten Gewalt und Hinterlist als einzige natürliche Beziehung zwischen Menschen.« Rousset analysiert nicht nur die KZ-Bürokratie, die Aufgaben der Kapos und Blockführer, sondern auch die architektonische Anlage: »Buchenwald ist eine Art unfertige Metropole, eine chaotische Siedlung, die mit ihren behelfsmäßigen, hastig errichteten Vierteln und ihrem Gewimmel an ein Heerlager erinnert.«

Immer wieder zitiert er groteske Literatur, um die absurde KZ-Erfahrung überhaupt einordnen zu können: »Das Lagervolk ist eine Céline’sche Welt voller kafkaesker Obsessionen. Der gesunde Menschenverstand hat hier nichts verloren.« Er spricht vom monströsen, mörderischen Humor der KZs, aber zugleich auch davon, dass Humor als Distanzierungsmöglichkeit vielen geholfen habe, an diesem unmenschlichen Ort überhaupt zu überleben.