11 | REZENSIONEN | 03.11.2021

Nicht automatisch

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VON BENJAMIN HERR

Aaron Benanav
Automatisierung und die Zukunft der Arbeit
Aus dem Englischen von Felix Kurz
Suhrkamp, 2021, 195 Seiten
EUR 16,50 (AT), EUR 16,00 (DE), CHF 22,90 (CH)


Menschenleere Fabriken, eine vollautomatisierte Produktion, Roboter, die uns die Jobs wegnehmen. Kaum eine Debatte über die Zukunft der Arbeit kommt ohne diese Bilder aus. Dahinter steht ein bedeutender Strang zeitgenössischer sozialwissenschaftlicher Theoriebildung, der gesellschaftliche Veränderungen über technologischen Wandel begreift. Der Automatisierungsdiskurs behauptet, dass die gesteigerte Arbeitsproduktivität durch technologischen Fortschritt die Menschen zunehmend überflüssig für den Produktionsprozess macht. Automatisierung und die Zukunft der Arbeit des US-amerikanischen Wirtschaftshistorikers Aaron Benanav zeigt, warum diese Sicht nicht schlüssig ist. 

Während sich der Automatisierungsdiskurs auf die Arbeitsproduktivität konzentriert, um die anhaltend sinkende Nachfrage nach Arbeitskraft zu erklären, blickt Benanav auf den industriellen Output, also die Wertschöpfung. Der industrielle Output ist deshalb im Fokus der Analyse, weil »die Industrie […] als entscheidender Motor des gesamten Wachstums« wirkt. Und dieser industrielle Output fällt seit den 1970er Jahren. Folglich hat nicht die Arbeitsproduktivität überproportional zugenommen, sondern die industriellen Wachstumsraten sind dauerhaft unter die Arbeitsproduktivität gefallen. Es sind nicht produktivitätssteigernde Technologien wie etwa Roboter, die hinter einem global beschleunigten Stellenabbau und dem gebremsten Jobwachstum stehen, sondern die strukturelle Unfähigkeit einer von industriellen Überkapazitäten und globalen Konkurrenzverhältnissen geprägten Wirtschaft, eine ausreichende Nachfrage nach Arbeitskraft und damit Angebot an Lohneinkommen herzustellen. Da aber Lohneinkommen für den Großteil der weltweiten Bevölkerung eine notwendige Existenzgrundlage ist, stellt sich ein gesellschaftliches Problem, das nur durch die Überwindung der derzeitigen Produktionsweise gelöst werden kann. Wie »die Trümmer dieser überholten Welt zu einer neuen Form von gesellschaftlicher Existenz zusammengefügt werden können«, ist dann Gegenstand des letzten Kapitels. Positiv ist, dass Benanav den Schritt von seiner Analyse hin zu einer utopischen Skizze wagt, gleichzeitig liest sich dieses Kapital teils statisch und einem akademischen Habitus verpflichtet. Autorenkollektive, die näher an einer politischen Praxis angesiedelt sind, wie die britischen Angry Workers of the World, bieten für diesen Aspekt eine notwendige Ergänzung (siehe zum Beispiel deren Veröffentlichung Class Power on Zero-Hours aus dem Jahr 2020).


WÖRTER: 383

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