10 | REZENSIONEN | 01.10.2021

Philosoph der Praxis

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Von Benjamin Opratko

Johannes Bellermann
Gramscis politisches Denken 
Eine Einführung
Schmetterling Verlag, 2021, 218 Seiten
EUR 12,40 (AT), EUR 12,00 (DE), CHF 17,90 (CH)


Bei kaum einem politischen Autor klaffen Werk und Rezeption, Biografie und Nachleben derart auseinander wie bei Antonio Gramsci. Er wird je verschieden kostümiert auf die Bühnen der politischen Auseinandersetzung gestellt, sein Name vagen Schlagworten wie »Hegemonie« oder »Zivilgesellschaft« zugeordnet. Mit jeder Rezeptionsrunde verschwindet ein Stück dessen, was Antonio Gramsci tatsächlich getan und geschrieben hat.

Es ist das Verdienst des Einführungsbandes von Johannes Bellermann, dass er Gramsci gewissermaßen seiner eigenen Rezeptionsgeschichte entreißt. Das gelingt, indem er dem Leben des politischen Aktivisten und Journalisten Antonio Gramsci vor dessen Inhaftierung viel Raum gibt. 1926 verurteilte ein faschistischer Richter Gramsci wegen Hochverrats zu zwanzig Jahren Kerkerhaft; 1937 starb er an den Folgen der Haftbedingungen. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war Gramsci Parlamentsabgeordneter und Vorsitzender der Kommunistischen Partei Italiens. Wie er in diese Position gekommen war, bleibt in vielen Einführungen in sein Werk nur Randnotiz. Bellermann dagegen zeichnet kenntnisreich nach, wie Gramsci sich seine politische Identität und Programmatik in der revolutionären Arbeiterbewegung erarbeitete: in der Jugendorganisation der Sozialistischen Partei in Turin, während der Turiner Rätebewegung (1919–1920), als Mitbegründer der Partito Comunista d’Italia 1921, in den innerparteilichen Auseinandersetzungen mit seinem Gegenspieler Amadeo Bordiga und als Delegierter zur Komintern in Moskau (1922–1923), schließlich als Parteivorsitzender in der Halblegalität nach seiner Rückkehr nach Italien. 

Das zweite Verdienst des Buches ist, wie es in die Themen und Leitmotive der Gefängnishefte einführt. Dieses zwischen 1929 und 1935 verfasste »Hauptwerk« Gramscis besteht im Original aus über 3.000 Seiten Lektürenotizen und Skizzen, die in dieser Form nie zur Veröffentlichung vorgesehen waren. Bellermann gelingt es, die disparaten und in Paragrafen über die Hefte verteilten Ausführungen in einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu stellen. Im Zentrum steht dabei die »Philosophie der Praxis« – ein Begriff, den Gramsci wählte, um das politisch-intellektuelle Projekt zu kennzeichnen, zu dem er beitragen wollte. Sie stellt Gramscis originären Beitrag zur (Selbst-)Verortung des Marxismus dar, seine Historisierung des Marxismus als Wissenschaft, als Philosophie und als Kampf um Hegemonie in den Klassenkämpfen. 


WÖRTER: 430

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